Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Ermordung eines Kolonisten in Galiläa Jemma, 19. Mai. Hier wurde der jüdische Kolonist Blum von Arabern ermordet. Der Getötete, Sohn eines wohlhabenden Kolonisten in Rosch Pinah, war mit der Tochter eines Kolonisten in Jemma verheiratet und stand im Alter von ca. 26 Jahren. Die Mörder sind zwei Mitglieder der am bischen Familie Dalaika-Issa, deren Scheich namens Issa früher Wächter des Bodens des Nationalfonds und der Ica in Dalaika und Umeldjuni war. Diese Familie lebte mit den Juden in Jemma und Kinereth in Frieden, da sie auf den Bergen des Bodens der Ica und des N. F. ihre Zelte haben durfte. In der Nähe dieser Zelte hat der ermordete Kolonist Blum ein Stück Ackerland. Die Araber lockten ihn an diese Stelle unter dem Vorwand, mit ihm wegen dieses Bodens ein Geschäft abschließen zu wollen. Als er nun am 19. Mai in Begleitung eines arabischen Wächters daselbst erschien, schössen zwei der Araber aus dem Hinterhalte auf ihn, bevor er noch vom Wagen heruntersteigen konnte. Er blieb sofort auf dem Wagen tot. Sein arabischer Begleiter wollte erst die Mörder, aus Furcht vor deren Rache, nicht angeben und tat es erst, als er vom Kaimakam dazu gezwungen wurde. Man vermutet, daß der Anlaß zu diesem Morde der Wunsch der Familie Issa war, den Verdacht der Ermordung auf die mit dieser Familie in Unfrieden lebende benachbarte Familie Seba zu lenken und auf diese Weise deren Stamm aus dieser Gegend zu verjagen. Sie glaubten, daß ihnen die Verdächtigung dieser Familie gelingen werde, weil kurze Zeit vorher der ermordete Kolonist einen lebhaften Wortwechsel mit einem Mitgliede Sebas gehabt hatte. Die erforderlichen Schritte zur Bestrafung der ruchlosen Mörder sind eingeleitet. Einberufung in Palästina Die Erhebungen zum Militärdienst der jüdischen und christlichen Ottomanen hat in Palästina bereits begonnen. Der Hazewi ist bereits in der Lage, sechs sephardische junge Leute aus Hebron zu nennen, die als tauglich befunden und zum Militärdienst einberufen wurden. Ervverbsaussichten in Handwerk und Industrie Die geringen Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung und die Beschränktheit des lokalen Marktes einerseits, der verhältnismäßig niedrige Zoll (11 °o des Wertes für sämtliche Produkte) anderseits, der den Import der in Zentren des europäischen und amerikanischen Großbetriebs hergestellten Produkte sehr erleichtert, halten die Entwicklung des Handwerks und der Industrie in Palästina auf. Gerade dierHandwerkszweige, in denen die Juden so zahlreich vertreten sind, an erster Stelle das Schneider- und Sc hu st erhandwerk, sind in Palästina schon ziemlich überfüllt. Neuen Einwandrern bietet diese Branche kaum Aussicht auf Erwerb, wiewohl auch hier die Ansicht vertreten ist, daß perfekte Handwerker stets Beschäftigung finden, und zwar nicht auf Kosten im Lande bereits wirkender jüdischer Berufsgenossen, sondern indem sie neue Kundenkreise erwerben und mit ihrer guten Arbeit ausländische Fabrikate verdrängen. Zwei" bis drei tüchtige Damenschneider könnten jetzt in Haifa und Jerusalem wahrscheinlich Erwerb finden. Klempner, Schmiede, Schlosser, Uhrmacher, Goldschmiede sind ebenfalls bereits ziemlich zahlreich, sowohl unter den, alteingesessenen sephardischen sowie unter den in den letzten Jahren eingewanderten europäischen Juden und unter den Arabern, die beispielsweise als Klempner gut und sehr billig arbeiten. In Haifa wäre noch für einen Juwelier und Goldschmied Platz. Ein junger Mann, der die Galvanoplastik gut versteht, könnte jetzt bei einer Jaffaer Firma eine Stellung mit 50—60 Frcs. Gehalt monatlich bekommen. Bis vor kurzem war die Erwerbsstellung der Tischler eine ziemlich günstige. Gegenwärtig wird, da ein momentaner Stillstand im Häuserbau eingetreten ist, unter den Tischlern über Arbeitsmangel geklagt, doch wird bald wieder mehr Arbeitsgelegenheit sich finden, wenn der Bau der Gesellschaft Achusath-Baith in den nächsten Wochen beginnt. Da hätten Bauhandwerker, insbesondere Maurer und Steinhauer viel Beschäftigung. Die beiden Berufe sind leider unter den Juden Palästinas nur wenig verbreitet, so daß die infolge der regen Bautätigkeit ziemlich häufige Nachfrage nach jüdischen Maurern und Steinhauern nur teilweise befriedigt werden kann. Tüchtige Maurer und Steinhauer können 4—6 Frcs. täglich verdienen. Bäcker mit guter Vorbildung, könnten als Gesellen 70—80 Frcs. monatlich verdienen. Bäcker, mit einem Kapital von 4000—6000 Frcs. könnten noch in der einen oder andern Stadt Palästinas Erwerb finden, wenn sie gute Backwaren zu liefern imstande wären. Ein Barbier mit einem europäisch gut eingerichteten Friseur- und Rasierladen könnte wahrscheinlich in Haifa sich etablieren. Bei dem niedrigen Zollsat£e haben in erster Reihe jene Industrien Aussicht auf erfolgreiche Konkurrenz mit dem Auslande, welche das Rohmaterial hier im Lande vorfinden. Die Differenz nämlich zwischen dem Transport und den Zollspesen des Rohmaterials und des fertigen Fabrikats ist in den meisten Fällen viel zu gering, als daß sie die Überlegenheit großer Fabrikationszentren infolge ihrer Kapitalstärke und der geschulten Arbeiter ausgleichen könnte. Als aussichtsreich sind daher zunächst diejenigen Industriezweige zu bezeichnen, die eine Verwertung der Landesprodukte bezwecken (wie z. B. Mühlenindustrie, Frucht- und Gemüsekonservenfabrikation, Öl- und Seidenfabrikation u. dgl.). An zweiter Stelle sind verschiedene Arten Transportunternehmungen, wie Bahn-, Automobil-, Tramway-, Omnibusu. dgl., ebenso wie Telephonanlagen, Errichtung von Seebadeanstalten und Bau von Straßen als voraussichtlich rentable Unternehmungen zu bezeichnen. Aller Art Kommunikationsunternehmungen werden nicht nur infolge der zu erwartenden Entwicklung des Landes sich als rentabel erweisen, sondern auch viel zur Hebung des Fremdenverkehrs beitragen. Mehrere dieser Projekte werden zurzeit teils von Gesellschaften, teils von privaten Interessenten studiert. Im allgemeinen muß man sagen, daß für die meisten neuen Industrieprojekte, die nur mit großem Kapital sich durchführen lassen, generelle Auskünfte nicht genügen. Diejenigen, die ernstlich für solche Unternehmungen sich interessieren, müssen an Ort und Stelle persönlich und mit Hilfe technischer Sachverständiger die Bedingungen der betreffenden Industrie prüfen. In vielen Fällen sind auch theoretische Feststellungen unzureichend und können einen praktischen, wenn auch ganz im kleinen durchgeführten Versuch nicht ersetzen. Ö [(■□□□□□□ o o iv.--n > FEUILLETON DR. JEHUDA LÖB KANTOR □ □□□□□ o O o Sechzig Jahre sind verstrichen, seitdem J„L. Kantor das Licht der Welt mit seinen großen und klugen Augen zuerst erblickte. Es war in Wilna, und der Vater Kantors war auch wirklich Synagogenkantor, eine fromme und geachtete Persönlichkeit. Der Kantorsohn war fleißig, lernbegierig und sehr begabt. Er lernte im Cheder, im Bet-hamidrasch und empfing wie jeder von uns die talmudistische Weihe von erster Quelle. Und sein Gemüt war weich, und was die „Girsa d'jankutha" (die in der Kindheit empfangene Lehre) hineinbrachte, wie mit ehernem Griffel blieb es eingegraben, um stets wieder aufzuzucken, auch wenn längst schon das Haar ergraut. Jedoch, nun kam der Wendepunkt. Es ist im Stübchen eng geworden. Er strebte aus der Enge der heimatlichen Verhältnisse ins Weite und Große hinaus. Der Durst nach Bildung, nach Befreiung, — vor allem der Kampf. Ihr, die ihr auf geglätteten Bahnen, auf ausgefahrener Straße -wandelt mit eurem stets sich gleichbleibenden Geist der wohlkonsolidierten Regelmäßigkeit, kennt ihr den Kummer, die Mühen und die Sorgen, die Andere ausstanden? Kennt ihr das unaufhaltsame Vorwärtsdrängen, das Klettern Schritt auf Schritt auf brüchiger Leiter — in die Höhe? Sie waren wie die Bäume des Urwaldes, die kein Treibhaus verkrüppelt, keine Gärtnerschere gestutzt hat. Kantors