Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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lassen und sie vielleicht auch zur Unigangssprache zu erheben, durchaus nicht so unreif und phantastisch. Um diesen Gedanken der Verwirklichung näher zu bringen, wäre nur eine gesunde, nationale und zielbewußte Schulpolitik einzuführen. Die arabischmohammedanische Bevölkerung besitzt lediglich einige veraltete Schulen, die unsern Chedariin in vielen Beziehungen ähnlich sind, bloß daß sie in der Regel auf noch tieferer Stufe stehen. Moderne Schulen sind jetzt eine Notwendigkeit für das Land. Sie werden sich aber nicht von heute auf morgen ins Leben rufen lassen, da der türkische Staat auch beim besten Willen noch viele andere brennende Sorgen in dem ersten Stadium seiner Regeneration zu erledigen haben wird. Moderne Schulbildung können die arabischen Kinder nur in den fremden, zumeist von der Mission geleiteten Schulen finden. Diese Missionsschulen wirken auf den religiösen und nationalen Bestand der arabischen Bevölkerung ebenso zersetzend wie auf die jüdischen Kinder, die diese Schulen besuchen, und werden deshalb von allen echten Arabern nicht minder gehaßt und gemieden wie von den gesinnungstüchtigen Juden. Wir betreiben in unsern Schulen keine Mission, das ist auch den Arabern sehr wohl bekannt. Nun sind unsere Schulen bis jetzt fast ausschließlich für jüdische Kinder. Dies war auch bis jetzt, insbesondere solange die Schulen mit innern Schwierigkeiten noch viel zu kämpfen hatten, durchaus berechtigt. Jetzt aber scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, in dem wir unsere Schulen, wenn wir den kulturellen Vorrang im Lande bewahren wollen, auch für die arabischen Kinder öffnen müssen. Die meisten Schulen scheinen innerlich bereits genügend gefestigt zu sein, um dadurch keine Gefahr einer „Oberschwemmung" fürchten zu müssen, und brauchen nur eine entsprechende äußere Ausdehnung, um eine bedeutend größere Schülerzahl fassen zu können. Freilich werden dadurch die finanziellen Erfordernisse der Schule ganz bedeutend gesteigert, aber es ist durchaus keine kleine nationale und auch humane Aufgabe, die wir auf diese Weise erfüllen könnten. Vielleicht wäre der Anfang in den Kolonieschulen zu machen, da die Fellachenkinder durchaus nicht so schnell eine Möglichkeit besitzen werden, Elementarbildung zu genießen, die Araber ferner, die mit den Kolonien in Berührung kommen, am meisten bereit sind, sich dem jüdischen Einflüsse zu unterwerfen, und die Kolonieschulen schließlich in bezug auf ihren nationalen Charakter am meisten in sich gefestigt sind. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, daß zugleich mit dieser Aufgabe und z. T. auch ihr vorausgehend die Pflicht der Nationalisierung sämtlicher jüdischen Schulen und der Ausdehnung unseres Schulwesens in einer Weise, daß es zunächst sämtlichen Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung entgegenkommt, entsteht. II. Die autochthone jüdische Bevölkerung Von großer Tragweite ist es auch, wie sich die türkischen Juden selbst zu unsern Bestrebungen stellen werden. Was zunächst die palästinensischen Juden betrifft, so sind hier Assimilationsströmungen durchaus möglich. Sie werden aber kaum jemals eine wichtige Bedeutung erlangen, was hauptsächlich dem Einflüsse der eingewanderten Juden zuzuschreiben ist. Diese sind in überwiegender Mehrheit mit ausgesprochen nationaler oder religiöser Tendenz ins Land gekommen und werden daher assimilatorischen Einflüssen einen andauernden Widerstand leisten können. Was die übrige einheimische und eingewanderte orientalischjüdische Bevölkerung betrifft, so muß sie als durchaus assimilationsfähig betrachtet werden, ja wenn man die engere Verwandtschaft in Lebensweise, Sitten und Gebräuchen der jüdischen mit der nichtjüdischen Landesbevölkerung als Assimilationserscheinung auffaßt, dann muß man sagen, daf3 die spaniolischen Juden hier dem arabischen Volke in ungleich größerm Maße assimiliert sind, als es die aschkenasischen Juden in Westeuropa vor der Emanzipationsära in bezug auf die autochthone Landesbevölkerung waren oder die Juden in Osteuropa noch jetzt sind. Die sephardischen Juden sprechen durchweg Arabisch, in manchen Gegenden sogar ausschließlich Arabisch, und in der äußern Lebensweise, ja selbst in manchen Äußerungen der religiösen Sitte sind sie den Arabern so verwandt, daß, wenn man dazu noch die habituelle Ähnlichkeit der beiden Stämme in Betracht zieht, man .wohl begreift, warum ein einheimischer Jude von einem Araber häufig garnicht zu unterscheiden ist. Daß man hier von einer Assimilation trotzdem nicht sprechen kann, ist lediglich auf die niedrige Kulturstufe beider Völkerschaften zurückzuführen, auf der die nationale Abgrenzung als eine natürliche aufgefaßt und respektiert wird und eine Assimilationstendenz beiden ganz fern liegt. Daß aber bei dem Wehen einer höhern, fremden Kulturluft eine schleunige Entjudung der sephardischen Bevölkerung in hohem Maße zu befürchten wäre, davon kann man sich überzeugen, wenn man sich nur ganz wenig von Palästina entfernt und nach dem syrischen Beyrouth begibt. Da hat die französische Kulturströmung schon sehr merkliche Verheerungen unter den sephardischen Juden angerichtet. Ja, es genügt auch, in Palästina die ehemaligen Zöglinge der Allianceschulen genauer zu betrachten, um zu sehen, wie weit sie bereits dem Judentum entfremdet sind. Im allgemeinen sind die Sephardim auch ein viel leichter assimilierbares Element, als die Aschkenasim es waren. Dies kommt zunächst daher, weil bei den Sephardim die jüdische Religion noch sehr stark mit Aberglauben verquickt ist und ihnen eine tiefere Auffassung des Judentums und innigeres religiöses Empfinden, durch das sich zum großen Teile die osteuropäische, im Talmud bewanderte Orthodoxie auszeichnet, unbekannt ist. In den Kreisen dieser Orthodoxie war der Bruch mit der jüdischen Tradition mit einem heftigen Kampfe verbunden. Die ersten, die es wagten, waren Pioniere der Freiheit, Kämpfer für Bildung und Fortschritt. Sie hatten einen Kampf mit einer tiefeingewurzelten Lebensanschauung zu bestehen und ihn nicht nur mit der Umgebung, sondern an erster Stelle mit' sich selbst durchzukämpfen. Hier aber werden neue Formen angenommen wie eine neue Mode, und mit Leichtigkeit werden die jüdischen Formen und mit ihnen der größte Teil des Inhalts, jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl, überwunden. Anderseits hat die sephardische Bevölkerung noch so viel Natürlichkeit und primitive Unverdorbenheit bewahrt, daß sie, vor schädlichen Einflüssen geschützt und in gesunde Entwicklungsbahnen gelenkt, einen vorzüglichen und kräftigen jüdischen Stamm repräsentieren kann. Auch hier fällt die erste Aufgabe den Schulen zu, die nicht nur dazu berufen sind, in jüdischem und modernem Sinne das junge sephardische Geschlecht heranzuziehen, sondern auch in frühem Alter die Vereinigung und den Ausgleich der Juden verschiedener Abstammung schon auf der Schulbank zu bewirken, wo dies am leichtesten erfolgen und von nachhaltigster Wirkung sein kann. Ein ganz hervorragendes Verdienst kommt in dieser Hinsicht den Kindergärten des Hilfsvereins der deutschen Juden zu, deren Vermehrung und innere und äußere Ausgestaltung zu den vornehmsten Aufgaben dieses jungen und tatkräftigen Vereins gehören müßte. Es kommt nur darauf an, daß dieses verständnisvolle Erziehungswerk auch in den andern Schulen fortgesetzt wird. Von diesem Gesichtspunkte aus ist die weitere Pflege einer fremden Unterrichtssprache anstatt der Pflege der hebräischen Sprache ein ganz unhaltbarer Zustand. Von günstigem Einfluß auf die Vereinigung der sephardischen und aschkenasischen Juden wird es auch sein, wenn das Werk der Schule im spätem Leben fortgesetzt wird. Schon jetzt wäre ein engerer Kontakt zwischen der sephardischen Jugend und den unlängst eingewanderten Arbeiterelementen von großem Nutzen. Dazu ist es natürlich notwendig, die Arbeitsgelegenheit im Lande bedeutend zu vermehren, damit die gesamte, hier erzogene Jugend auch volle Beschäftigung im Lande finde. Die größere Annäherung der sephardischen und aschkenasischen Juden im gesellschaftlichen Verkehr, dem Commercium, würde schließlich zu viel häufigerer Anwendung des einzig sichern Versch weißungsmittels verschiedener Bevölkerungsgruppen, dem Connubium, führen und uns so eine zukünftige Generation erwachsen lassen, die ein einiges und regeneriertes Judentum darstellen würde. Was die Juden der andern türkischen Provinzen anbetrifft, so muß unter ihnen eine recht starke Assimilationsbewegung in den nächsten Jahren erwartet werden. Diese Assimilation war in allen Ländern der Ausdruck des Anteils der Juden an dem Wiederbelebungsprozesse des Volkes, in dessen Mitte sie lebten. Die sich ergänzende Türkei wird zahlreiche Helfer und Arbeiter beanspruchen, Intelligenz, Energie und Tüchtigkeit anlocken und zur Entfaltung bringen. Zweifellos werden für diese Arbeit auch die Juden ihren Mann stehen, aber leider sind die Juden der Türkei noch gänzlich in ihrer Organisation zerfahren und werden deshalb wahrscheinlich mit Verzicht auf ihr Volkstum, nicht wie die andern Völker des türkischen Reiches, die Armenier, Griechen usw. im Namen ihres Volkes, sondern wie die Juden in den Abendländern sich an dieser Arbeit beteiligen. Vielleicht hätte die neue Ära der Freiheit in der Türkei die türkischen Juden in einer ganz andern Verfassung überrascht, wenn die Schulen der Alliance durch so viel Jahre nicht in französischassimilatorischem Sinne, sondern im jüdischen Geiste gewirkt hätten, und noch jetzt ist es für diese Organisation eine Pflicht, nicht ein Nützlichkeitssystem vorzuschieben, das überdies bei näherer Prüfung sich als gar nicht stichhaltig erweist, sondern sich auf ihre Pflichten dem Judentum gegenüber zu besinnen und durch ihre Schulen ein Geschlecht charakterfester Juden zu erziehen, die ihre Staatsbürgerpflicht mit Eifer, aber auch mit Würde erfüllen, und die jüdische Jugend nicht all den Erniedrigungen und der Schmach der abendländischen Assimilationsepoche auszusetzen. Die Zionisten ihrerseits müssen sich bestreben, in intimem Kontakt mit den türkischen Juden zu kommen. Hierbei aber muß man zu kräftigern und wirkungsvollem Propagandamitteln greifen.