Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 23 die: Gelüste, oder nicht einmal das, denn auch diejenigen, denen man eine solche Tendenz zuschreibt, verwahren sich dagegen aufs entschiedenste. Und wir sind geneigt, das letztere anzunehmen. Wozu also die Spaltungen? Soll die Ära der Verdächtigungen und Vorwürfe nochmals eröffnet werden? Wir dächten nicht. Das höhere Interesse des Zionismus erheischt, insbesondere angesichts der freien Türkei und der Möglichkeit wirklich „reale" Arbeit zu leisten, unfruchtbare innere Diskussionen zu vermeiden. Welche Debatte könnte eröffnet werden, die gleichzeitig schlechter und unnützer wäre, als die Frage der Sonderbündelei, der Priorität und der Ambitionen? Jahrelang hatten wir mit diesen Konflikten zu tun, aber jetzt ist wahrlich keine Zeit dafür. Sehen wir weniger nach rückwärts, blicken wir mehr auf die Zukunft, welche die Eintracht allein sichern kann. Kein nervöser Galopp, sondern intensive Vorwärtsbewegung und Ausdauer! N. S. Verhältnis der arabischen und eingeborenen jüdischen Bevölkerung zu unsern Bestrebungen Von Dr. Jochanan, Jaffa I. Die arabische Bevölkerung Einer der wichtigsten Faktoren, mit denen wir bei unserer weiteren Tätigkeit in Palästina rechnen müssen, ist die arabische Bevölkerung des Landes. Diese Bevölkerung könnte der größte Feind unserer Bewegung sein, wenn mit der Einwanderung der Juden nach Palästina, die Araber aus eigener Position verdrängt würden. Dies ist aber keineswegs der Fall. Die Juden, die bis jetzt nach Palästina kamen und kommen, haben bedeutende neue ökonomische Werte geschaffen, die nicht nur für ihre eigene Erhaltung hinreichen, sondern auch zur ökonomischen Stärkung des arabischen Elements ganz wesentlich beitragen. Nicht nur die türkische Regierung hat durch größere Steuererträge seitens der jüdischen Kolonien, wie auch durch die Erhöhung der Steuerkraft des Landes infolge der durch die Juden eingeführten bessern Kultur profitiert, sondern auch die arabische Bevölkerung hat sich bedeutend bereichert, teils dadurch, daß dieselben Massen, die früher beschäftigungslos waren, in großer Zahl bei den Juden Beschäftigung und Verdienst fanden, teils durch günstigen Verkauf des Bodens und teils dadurch, daß sie von den Juden den Boden besser auszubeuten gelernt haben. Von einem Verdrängen des einheimischen Elements seitens der Juden kann ja schon deshalb nicht gesprochen werden, weil sie als die fremden, nichtbesitzenden und schwächern ins Land kommen. Daß aber das freiwillige^ Abtreten des Bodens seitens der Araber an die Juden nicht eine Übervorteilung des erstem mit sich bringt, dafür sorgt schon der gesunde, auf seinen eigenen Vorteil sehr bedachte Verstand des Arabers, der die soviel gerühmte Klugheit der Juden häufig noch übertrifft. Freilich kann es auch nicht an einer Konkurrenz in Einzelfällen fehlen, insbesondere zwischen arabischen und jüdischen Händlern oder arabischen und jüdischen Handwerkern. Diese Konkurrenz kann auch nicht verfehlen, Mißgunst und Gegnerschaft bei den Betroffenen gegen die neuen Einwanderer hervorzurufen. Dieser Antagonismus kann sich .aber im großen und ganzen nur auf Individualfälle beziehen. Im allgemeinen kann sich die neue Einwanderung nur dann im Lande erhalten und ernähren, wenn sie neue Werte schafft; dies schon aus dem sehr einfachen und höchst einleuchtenden Grunde, weil das Erwerbsleben in Paläsüna sich im ganzen noch auf einer sehr niedrigen Stufe befindet und eine Verdrängung aus Erwerbspositionen direkt unmöglich ist. Somit ist vom einsichtsvollen ökonomischen Standpunkte aus nicht nur kein Schutz der einheimischen Bevölkerung vor der neuen Einwanderung geboten, sondern diese Einwanderung müßte vielmehr im Interesse des Landes und seiner jetzigen Bevölkerung seitens der Staatsorgane gefördert werden. Durch die Einwanderung nämlich steigt sowohl die Produktionsv/ie auch die KonsumtionsjjgELT--: 505 kraft des Landes und die einheimische Bevölkerung wird dadurch zum großen Teile aus ökonomischer Not gezogen. Es ist auch möglich, daß die arabische Bevölkerung aus ihrem jetzigen Tiefstande auf eine höhere Stufe gelangt, zum Teile durch die Auswanderung nach reichern Ländern ihre Vermögensverhältnisse zu verbessern suchen wird. In allerdings ganz kleinem Maßstabe ist eine solche Auswanderung von Arabern nach Amerika in manchen Plätzen Palästinas schon zu bemerken. In Syrien hat diese- Auswanderung bereits reguläre Formen angenommen. Die Syrier gehen nach Amerika und kehren nach mehreren Jahren, ausgerüstet mit erworbenem Kapital und wertvollen, in der Neuen Welt erworbenen Kenntnissen nach ihrer Heimat zurück. Daß diese Auswanderungsbewegung noch sich ausdehnt und auch auf Palästina übergreift, ist durchaus zu erwarten. Auch eine Auswanderung nach andern türkischen Gebieten, die den Anhängern des Islams und dem arabischen Stamme näher sind, liegt durchaus im Bereiche der Wahrscheinlichkeit und im Interesse des türkischen Staates. Man bedenke bloß, von welcher Bedeutung eine Besiedlung des Gebietes der Hedschasbahn für das Reich wäre. Schon aus diesem Grunde, weil der Schwerpunkt des arabischen Stammes nicht in Palästina liegt, ist die Reibungsfläche aus nationalpolitischen Motiven wesentlich vermindert. Uriser nationalpolitisches Verhältnis zu den arabischen Mitbürgern muß von Anfang an in die richtigen Formen gebracht werden. Es darf insbesondere unter keinen Umständen die Formen der assimilatorischen Politik in den Goluthländern annehmen, wie sich hierfür im Anfange des konstitutionellen Lebens gewisse Symptome gezeigt haben. Unser Programm in dieser Hinsicht ist ganz klar, einfach und natürlich. Wir wollen treue, gute, ottomanische Staatsbürger sein, an dem Staatsleben opferwillig und aufrichtig teilnehmen, wir wollen mit unsern arabischen Mitbürgern an der Hebung und Stärkung des Landes, das wir lieben und freiwillig aufgesucht haben, gemeinschaftlich arbeiten, aber wir wollen in allem, was wir tun, als jüdisches Volk auftreten, unsere jüdische Nationalität stets offen und frei zur Schau tragen. Jeder Versuch einer Verschleierung unseres nationalen Charakters ist nicht nur unserer unwürdig, sondern auch unklug und höchst überflüssig. Man muß einsehen, daß die arabische Bevölkerung uns als getrennte Nationalität anerkennt und die Assimilationsforderungen, die an uns die abendländischen Wirtsvölker stellen, hier noch vollständig unbegreiflich sind. Ja, wenn von einer Assimilation die Rede sein sollte, sind wir hier in dem einzigen Lande in der günstigen Lage, daß wir eher der aktive, assimilierende Faktor sein könnten und nicht der assimilierte. Hier fällt nämlich der bedeutende kulturelle Vorsprung, den wir vor der arabischen Bevölkerung haben, sehr entscheidend ins Gewicht. Wir sind die Nation mit einer guten Schulorganisation im Lande, während die Araber erst davor stehen, für ihre Jugend Elementarschulen in modernem Sinne einzurichten. Dieses Mittel, das uns die Schule für die Regelung unserer gegenseitigen Verhältnisse bietet, sollten wir nicht leichtfertig aus der Hand geben. Es ist nicht unbedingt notwendig, daß wir unsern Kindern einen ausgedehnten Unterricht in der arabischen Sprache zuteil werden zu lassen, aber viel wichtiger ist es, daß wir die arabischen Kinder in unsern Schulen hebräisch lernen lassen. Es ist eigentümlich, daß diese doch so einfache Methode von uns so wenig erkannt wird. Das einstimmige Verkünden, daß wir von nun ab in den palästinensischen Schulen gründlich Arabisch und Türkisch unterrichten lassen müssen, wie wir es so häufig seit der Gewährung der Verfassung in Palästina vernehmen, kann nur auf eine oberflächliche Auffassung der Dinge zurückgeführt werden. Es ist doch ganz klar, daß^ für den Umgang mit der arabischen Landbevölkerung im "allgemeinen die arabische Vulgärsprache, wie man sie eben aus dem alltäglichen Umgang zu lernen Gelegenheit hat, genügt und höchstens noch die Kenntnis des Lesens und Schreibens für den. Verkehr mit Ämtern erforderlich ist. Dagegen ist eine gründliche Kenntnis der arabischen Literatur höchstens nur aus höhern Bildungsgründen, um das uns so nahe verwandte Volk in seinen geistigen Leistungen kennen zu lernen, und das fließende Sprechen und Schreiben der'Literatursprache nur für den zukünftigen Rechtsanwalt oder Staatsbeamten erforderlich. Somit kann jedenfalls ein ausgedehnter arabischer Sprachunterricht nur in den hohem Schulen, etwa im Obergymnasiuni Platz finden, niemals aber in Elementar- und Bürgerschulen. Das Gesagte gilt in noch höherm Maße von der türkischen Sprache. Nur für ganz wenige, wie Abgeordnete, höhere Beamte u. a., die in nähere Berührung^ mit der Zentralregierung kommen, ist die Kenntnis der türkischen Sprache erforderlich, für das Gros der Bevölkerung hier im Lande jedoch vollständig entbehrlich. Anstatt dessen wäre aber die Ambition, hier in Palästina die hebräische Sprache als gleichberechtigte Landessprache gelten zu