Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316375--51976-3345661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
504 DIE^ELT N.o. 23 Nehmen wir an, die Gesamtorganisation wäre in 10, in 20 Organisationen geteilt, das Band wäre zerschnitten, welches heute wenigstens für die wichtigsten Angelegenheiten uns verknüpft. Bekanntlich hat jeder Organismus den Trieb einer selbständigen Entwicklung in sich, und bald würden unsere Gegner höhnend beobachten, wie unsere getrennten Teile sich gegenseitig immer mehr entfremden, wie Rivalität und Eifersucht die geringen Differenzen erweitern, wie wir zerklüftet, in unserm Ansehen herabgewürdigt, zum lebendigen Beweise der Unmöglichkeit eines jüdischen Gemeinwesens gemacht werden! Es ist ein politisches Gesetz, das die Gegensätze, welche im Schöße einer Partei entstehen, die sonst durch eine gemeinsame, allgemeine Oberzeugung geleitet wird, am heftigsten empfunden werden. Der größte Antagonismus entwickelt sich unter gewesenen Parteigenossen, die infolge gewisser Differenzen auseinandergegangen sind. Diese Gefahr wird in dem Augenblicke, wo die Trennung sich* vollzogen hat, auch für uns entstehen und die besten Vorsätze sich auf irgendeinem föderativen Wege wiederzufinden, nachdem man angefangen hat, sich' bei der Arbeit zu meiden, werden an einer Entwicklung nichts ändern, welche durch die Schwäche der menschlichen Natur geboten ist. Nur durch Einheit gelangt man zur Macht. Der geographische Partikularismus, die Vorurteile, welche Juden verschiedener Länder gegeneinander hegen, ist eine Giftpflanze, die dem Boden der Assimilation entsprossen ist. Wo bleibt die Grundidee des Zionismus? Wo das Innehalten an dem ersten und allerwichtigsten Prinzip der jüdischen Einheit für den großen Zweck? Daß man feurige Lieder singt, welche die Einheit des jüdischen Volkes preisen, das man die „Hatikwah" und die „Hedad"-Rufe erschallen läßt und zu gleicher Zeitin Rußland über die „Westländer" und im Westen über „die vom Osten" wegwerfend spricht, das ist wahrlich eine Unart, über die ein denkender Beobachter lachen, ein denkender zionistischer Beobachter vielleicht gar weinen müßte. Es war ein Gebot der technischen Notwendigkeit, daß man im Zionismus „Landsmannschaften" einrichten mußte. Man mußte eben der Eigenart lokaler Verhältnisse in der Arbeitstechnik Rechnung tragen. Das ist aber auch die einzige Berechtigung und zugleich die Grenze für eine Teilung. Diese Teilung auch ideell im Zionismus zu erhalten, d. h. im Westen unter „deutschen" oder „englischen" Zionisten das Schlagwort „Russen", im Osten das Schlagwort „Deutsche" als rotes Tuch zu benutzen, — da sollte uns doch die Schamröte ins Gesicht steigen, daß wir von uns noch nicht diese „Schande Ägyptens", dieses Überbleibsel der Knechtschaft und der Unwürde abgewälzt haben! Daß diese und jene Schattierungen vorhanden sind, weiß jedes Kind, aber unsere Aufgabe ist es ja, diese Unterschiede, ihre einseitige Betonung und Überschätzung und all die Begriffe der Ungleichheit, der Priviligierten und Minderwertigen, der „Sonntagskinder" und der „Aschenbrödel", der echten" und „unechten" Zionisten, der slavischen und germanischen, emanzipierten und Ghettojuden, mit einem W7ort, diesen ganzen absurden Wortkram der Unterschiede in die Rumpelkammer zu werfen und ehrliche, brüderliche, nationale Beziehungen zu schaffen! Es ist ein recht erbauliches Beispiel, welches zeigt, wie in einer Partei, wenn sie nur mit kleinen, arithmetischen, sogenannten praktischen Fragen beschäftigt ist, eine vollständige Verschiebung der prinzipiellen Anschauungen und der Grundsätze eintreten kann. Wir sollten ja einen ganz andern Maßstab besitzen, an dem wir das Wertvolle und Wertlose messen, als der Assimilationsprotz, dem es genügt: „Polnischer Jude" auszurufen, um etwas zu entwerten, oder der fanatische Jude des Ostens, dem es genügt, das Wort: „Ein Deutscher" auszusprechen, um schon hierdurch einen Tadel zu begründen. Wenn wir unser Ideal schon erreicht haben, können wir uns vielleicht einmal diesen Differenzierungsluxus erlauben — ja, auch das wäre sehr bedenklich —, aber solange wir in der nationalen Bewegung begriffen sind, müssen wir ja zusammenhalten. Nach diesem Gesetz richten sich alle Völker, nur wir sind unfähig, diesen einfachsten Grundsatz der politischen Disziplin anzunehmen, nur wir besitzen nicht jene Großherzigkeit, welche in der Zeit der Not alle Unterschiede auslöscht, welche ein Volk befähigt, die ganze Kraft für seine Selbsterhaltung einzusetzen und alles seinem obersten Zwecke unterzuordnen. Wahrlich, diejenigen sind nicht zu beneiden, welche vor dem Volke die Verantwortung tragen würden, für die großen Übel, welche entstehen müßten, wenn unsere Organisation geteilt und zerrissen dastände. Wir räumen gerne ein, daß unsere Gesamtorganisation keinen Anspruch auf Vollkommenheit machen kann oder machen will. Werfen wir doch nicht mit den dummen Schlagworten: „offiziell", „Köln", „Odessa", wie die Kinder herum! Wir alle haben sehr viel an uns zu bessern und zu reformieren, aber all diese Besserungen und Reformen müssen einerseits auf dem Wege der Organisation in loyaler Weise und anderseits durch eine Erhöhung unserer Leistungsfähigkeit vollzogen werden. Es fehlt uns vielfach die lebendige Beziehung, die Zentrale ist nicht aus Mangel an gutem Willen, sondern an Mitteln nicht immer in der Lage, sich den zionistischen Massen zu nähern, ihre Anschauungen kennen zu lernen, ihre Fehler zu läutern, ihre Teilnahme zu" wecken. Wenn unsere Freunde, die bessere Zionisten zu sein glauben, diese Lücke ausfüllen, wenn sie sich der rühmlichen Tätigkeit widmen wollen, die zündenden Gedanken hinauszutragen in jede Gemeinde, in jedes Versammlungslokal, in jede Stube, die Indolenz zu bekämpfen, die Begeisterung zu entfachen, das fliegende Korps der Gesamtorganisation zu sein, dann mögen sie zeigen, was sie können! Dann wäre es auch töricht, jedes Wort, welches diese edlen Eiferer sprechen, nach dem engen Maße eines sorglich festgesetzten Programms zu messen, dann wräre es ein schwerer Fehler, ihnen mit Ängstlichkeit oder Vorurteil zu begegnen. Freiheit für die Agitation, aber stramme Geschlossenheit in der Anerkennung der Autorität der Gesamtorganisation, die wir ja uns selbst aus freien Stücken geschaffen haben! Wenn die Propaganda anders verfährt, wenn sie ihre Begeisterung und ihre Beredsamkeit darauf anwendet, die geschaffene Organisation zu diskreditieren, dann schneidet sie sich ins eigne Fleisch. Es darf nur eine Partei, eine Organisation und eine Zentrale geben, weil wir sonst auseinanderfallen. Wer das will, mag der erste sein, welcher gegen die Gesamtorganisation die Hand erhebt und hier oder dort einen Lokalpatriotismus züchtet. Zum Glück sind das nur ganz vereinzelte