Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 22 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Brie! aus Saloniki (Von unserm Berichterstatter) In der Villa AUatini Unsere hohen Gäste in der Villa Aüatini plagt die Langeweile. Sie lassen deutlich den Wunsch erkennen, sich mit der Außenwelt in Verbindung zu setzen. Besondere Neugierde zeigt der junge Prinz Abdul-Rahim. Kommt irgendjemand in den Bering der Villa, so überhäuft er ihn mit Fragen über die „Welt da draußen". Indessen ist der strengste Befehl gegeben, die Fragen unbeantwortet zu lassen. Im Gegenteil wird die Bewachung der Villa immer strenger gehandhabt. Innerhalb und außerhalb des Gartens befinden sich zwei starke Wachabteilungen unter dem Befehl von je vier Offizieren, und selbst die Annäherung anderer Soldaten an diese Mannschaft wird nicht geduldet. Vor kurzem wurde ein Militärschneider nach der Villa berufen; um Abdul Hamid zwei neue Anzüge anzumessen. Wie erzählt wird, habe nicht einmal der Schneider bis in die Nähe des Exsultans vordringen dürfen, sondern habe das Maß aus der Ferne und nach dem Augenmaß nehmen müssen. Angeblich will die Regierung die Villa samt den Möbeln von ihrem Eigentümer kaufen; anderseits verlautet neuerdings daß man beabsichtige, den Exsultan doch wieder nach Konstantinopel zu bringen. Jedenfalls sind vor einigen Tagen sieben Waggons mit Möbeln aus dem Yildiz Kiosk angekommen und in die Villa gebracht worden. Viel bemerkt wurde die jüngste Anwesenheit TalaatBeys, des Vizepräsidenten der Kammer, der abends um 10 Uhr aus Konstantinopel hier eintraf und einen Teil der Nacht in der Villa verbrachte. Wie verlautet, hatte er eine Unterredung mit dem Ex-Sultan in Sachen einiger geheimnisvoller Funde, die man im Yildiz gemacht hat und zu deren Entzifferung es der Mitwirkung des Ex-Sultans bedarf. Andere sagen, daß es sich darum handelte, die Einwilligung des Ex-Sultans zur Übertragung seines in ausländischen Banken angehäuften Vermögens auf den türkischen Staat zu erlangen. Die Gefängnisse hier sind mit gefangenen Reaktionären und Aufrührern angefüllt, die man aus Konstahtinopel hierher geschickt hat und die demnächst kriegsgerichtlich abgeurteilt werden sollen. Griechen und Juden Erfreulicherweise ist Aussicht vorhanden, daß die Differenzen zwischen Griechen und Juden, die bereits anfingen, eine Kalamitä zu werden, gütlich beigelegt werden. Der Streit zwischen den Gemüsezüchtern und Händlern, über den wir berichtet haben, dürfte zunächst beglichen werden, und auch die andern Differenzpunkte hofft man in Kürze aus der Welt schaffen zu können. Mädchenraub Der Fall des von Mohammedanern geraubten Mädchens, über den wir seinerzeit berichteten, hat eine traurige Erledigung gefunden. Das Mädchen ist — angeblich freiwillig — zum Islam übergetreten, und unter diesen Umständen ist jede weitere Intervention nutzlos. Das Mädchen bleibt seiner Familie und seinem Volke verloren. Inzwischen erregt bereits ein neuer Fall die Gemüter. In Ueschtüb, Wilajet Uesküb, wurde ein bereits verlobtes junges Mädchen abends gewaltsam aus dem Hause der Eltern entführt und wird von. den muselmanischen Entführern verborgen gehalten, um sie zum Übertritt zum Islam zu bewegen. Auf Intervention des „Cercle des Intimes" und tatkräftiges Einschreiten des Chachambaschi Jakob Meir wurde das Mädchen nach Uesküb gesandt, wo es befragt werden soll, ob es freiwillg zum Islam übertreten will, wie die Entführer behaupten. Leider ist zu befürchten, daß die Antwort bejahend ausfallen wird. Hier rächt sich eben die mangelhafte Erziehung, die der größere Teil unserer jüdischen Jugend in der Türkei noch erhält. Das Mädchen weiß wahrscheinlich kaum etwas vom Judentum und ist so jeder Einflüsterung von außen leicht zugänglich. Hoffentlich haben die beiden traurigen Fälle wenigstens das eine Gute, daß den Juden die dringende Notwendigkeit einer guten nationalen Erziehung en lieh vor Augen tritt. Bereits sind bemerkenswerte Symptome eines solchen Umschwunges bemerkbar. Aus der Bewegung Am 9 ds. fand die Generalversammlung des zionistischen Vereins „Bnei Zion" shtt Herr David Florentin hielt eine warme Ansprache und forderte zu tatkräftiger Mitarbeit an der zionistischen Sache auf. Die Neuwahl des Vorstandes ergab folgendes Resultat: Herr Abraham Mallach, Vorsitzender; David Florentin, stellvertretender Vorsitzender; Josef Alchassid, Kassierer; Advokat Ascher Maüach, Revisor; Josef Usiel, Schriftführer; Itzchak Kabiii, Itzchak Zalmona, Abraham Franses, Beisitzer. Der Verein „Bnei Zion" beabsichtigt, dein ergangenen Rufe folgend, Dr. Max Nordau zu seinem 60. Geburtstage ins Goldene Buch einzutragen. Hoffentlich werden die übrigen zionistischen Vereine in der Türkei, die Vereine in Konstantinopel, Monastir, Adrianopel, Uesküb, Mustapha Pascha usw., dem guten Beispiele Salonikis folgen. An den Pessachtagen besuchte Herr Dr. Lazaroff, Mitglied des zionistischen Zentralkomitees von'Bulgarien, den kleinen Ort Mustapha Pascha bei Konstantinopel, um dort für den Zionismus zu agitieren. Das Komitee des dortigen „Cercle Israelite" berief eine Versammlung der Gemeinde in die Synagoge ein. Hier hielt der Gast eine geistvolle Rede, in der er die Leiden der Juden in Rußland, Rumänien usw. schilderte und die zionistische Lösung der Judenfrage erläuterte. Besonders betonte er den großen patriotischen Dienst, den die ottomanischen Juden ihrem Vaterlande leisten werden, wenn sie die zionistische Bewegung unterstützen, die Millionen geeigneter Kräfte in das menschenarme Land bringen will, damit sie ihm zu neuer Blüte verhelfen. Nach der Rede sangen die Schüler ein nationales Lied und wurde eine Sammlung für den Nationalfonds vorgenommen, die die hübsche Summe von 247 Frs. erbrachte. Auf Veranlassung des Herrn Jomtof Ben Boschet wurde ein zionistischer Verein gegründet, dem sofort 60 Mitglieder beitraten. 'llIE^JREVUE DER PRESSEjggljgl Ein Brief Dr. Tschlenows* Ich muß diesmal gegen meinen Willen eine Angelegenheit behandeln, die in der zionistischen Presse nicht am Platze ist und von der ich wenigstens nie geahnt hätte, mit ihr in irgendeinem Zusammenhang zu stehen. Ich meine die Frage, die fünf Mitglieder unserer Organisation in der Presse veröffentlicht haben: Weshalb wurde unser Genosse Ussischkin nicht in die Agrarkommission gewählt? Zwei Gründe veranlassen mich, meine Ansicht über diese Angelegenheit zu äußern: 1. Von den drei Personen, an die diese Frage gerichtet worden ist, haben zwei keine Antwort gegeben; der dritte hingegen hat wohl eine Antwort gegeben, aber er wurde meines Erachtens seiner Aufgabe nicht ganz gerecht, und 2. sind in den Glossen zur obenerwähnten Frage, die von manchen, besonders von Herrn Dr. Pasmanik gemacht worden sind, im allgemeinen gegen die Organisation gerichtete Äußerungen enthalten, auf die zu erwidern ich mich als eines ihrer Mitglieder verpflichtet halte. * Von der Polemik, die in der letzten Zeit in der hebräischen Presse wegen der Agrarkreditkorrmission geführt wird, geben wir zur Orientierung unserer Leser die Übersetzung eines offenen Schreibens, das Herr Dr. TscHenow an den ..Heed Hasmangerichtet hat. Die Redaktion der ,.Welt';. Zunächst will ich meine Ansicht über die wesentliche Frageäußern: weshalb wurde die Wahl M. Ussischkins für ungültig erklärt, oder weshalb wurde er gar nicht gewählt? Die Anwort ist einfach und klar: die Wahl Ussischkins wurde nicht für ungültig erklärt und er wurde auch von vornherein infolge des einfachen Grundes nicht gewählt, daß ihn kein einziges Mitglied der Konferenz vorgeschlagen hatte. Die Liste der Kommissionsmitglieder wurde beim „russischen" Tisch (d. h. wo die Aktionskomiteemitglieder aus Rußland und deren Anhänger sitzen) aufgestellt. Verschiedene Namen wurden gezeichnet und durchgestrichen, aber der Name unseres Genossen Ussischkin befand sich nicht unter ihnen. Dies geschah ohne jede vorherige gemeinsame Verständigung und ohne jede frühere Klärnng. War dies Vergeßlichkeit? — Herr Kleinmann will wegen irgendeines Grundes daran nicht glauben, — oder Mangel an Willen, das weiß ich nicht. Viel leicht waren es beide Gründe zugleich. Vielleicht möchten die „Interpellanten" jedem einzelnen Mitglied den Vorrschlag machen, sein Motiv darzulegen. Ist die Nichtwahl Ussischkins, wie sich Pasmanik ausdrückt, „eine bedeutungsvolle Tatsache", warum sollte man sich nicht einer diesbezüglichen Untersuchungs- und Erforschungsarbeit widmen? Was mich anlangt, so will ich die Sache erleichtern, ich erkläre daher voll und ganz, das es bei mir nicht aus Vergeßlichkeit geschah. Ich will fernerhin die Sache erklären.