Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 22 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Der Präsident fragte den Chachambachi des weitem, ob er seinem früher geäußerten Ersuchen, den Vermittler zwischen der türkischen Eegierung und den jüdischen Emigrationsorganisationen zu machen, stattgegeben und Schritte zur Ausführung des Vorschlages unternommen habe. Herr Nahum erwiderte, daß er an die Organisationen bereits geschrieben habe, jedoch noch ohne Rüekäußerung von ihnen sei. Er werde seine Bemühungen nach Kräften fortsetzen und hoffe, daß sie von Erfolg sein werden. Der Besuch trug den Charakter äußerster Herzlichkeit.--- Wie aus diesen Mitteilungen, die ich aus dem Munde des Chachambaschi selbst habe, zur Evidenz hervorgeht, stehen wir in einer ernsten Situation, die noch niemals so günstig war wie jetzt. Es handelt sich um einen festen Plan der türkischen Regierung, dem ein ebenso kurz bestimmter einer organisierten Judenlieit antworten sollte. Wir sollten nicht auf uns warten lassen. Politische Faktoren, Strömungen und Ideen sind dem historischen Wandel unterworfen. Es gilt, die Konjunktur zu halten und zum Segen unseres unglücklichen Volkes zu benutzen t Ein Plan für die Einwanderung von Juden in der Türkei Dieser Tage erhielt der Großrabbiner den Besuch des hervorragenden jungtürkischen Führers Nasim f?ey, der sich hauptsächlich mit den Angelegenheiten der Immigration beschäftigt. Es fand ein Meinungsaustausch über die Richtlinien einer jüdischen Masseneinwanderung statt. Demnächst werden der Chachambaschi und Nasim Bey erneut konferieren und an die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes schreiten, der allgemeinen Charakter tragen und das Problem der Immigration zur endgültigen Lösung vor das Parlament bringen soll. Der rote Zettel und das Teskere Vor kurzem hat der Chachambaschi auf wiederholte Klagen hin bei Ferid Pascha, dem Minister des Innern, mündliche Beschwerde wegen des roten Zettels erhoben. Der Minister versprach Abhilfe zu schaffen. Ob das inzwischen geschehen ist, ist nicht bekannt; ein offizielles Schriftstück dieses Sinnes hat Herr Nahum noch nicht erhalten. Dieses ist aber auch wohl erst nach der schriftlichen Eingabe des G-roßrabbiners zu erwarten, die erst nach der Vorstellung des Kabinetts in der Kammer eingereicht werden wird. Einstweilen ist aber, wie mir aus zuverlässiger Quelle mitgeteilt wird, eine Reform auf diesem Gebiete schon eingetreten. Bekanntlich erhielt jeder einem ausländischen Juden in Konstantinopel für Palästina ausgestellte Teskere (Inlandspaß) den Vermerk: „Nur für drei Monate gültig.1' Dieser Vermerk soll seit dem 14. ds. Mts. auf den jüdischen Teskeres nicht mehr figurieren. Das wäre ein günstiges Omen auch für die Beseitigung des roten Zettels. Dank des Sultans an die Juden Wie die türkische Zeitung „Senvet" mitteilt, hat Sultan Mahoniet dem Justiz- und Kultusministerium den Auftrag erteilt, dem Großrabbiner seinen Dank an alle jüdischen Gemeinden für die von ihnen aus Anlaß seiner Thronbesteigung veranstalteten Kundgebungen und Dankgottesdienste abzustatten. Der offizielle Erlaß wird dem Chachambaschi erst zugchen, wenn der neue Justiz- und Kultusminister seinen Posten angetreten haben wird. Es wird viel bemerkt, daß bisher nur an die Juden dieser Kaiserliche Dankerlaß erging, obwohl die christlichen Gemeinden am gleichen Tage ihre Festgottesdienste veranstaltet hatten. Die Eidesleistung des Sultans. Am vergangenen Donnerstag hat der Sultan sich in die Kammer begeben, um dort seinen am Tage seiner Ausrufung geleisteten Eid auf die Verfassung zu bekräftigen und den Schwur der Abgeordneten entgegenzunehmen. Die Thronrede, die Mahomet der Fünfte bei dieser Gelegenheit durch Hilmi Pascha verlesen ließ, war ein interessantes, energisch gehaltenes Dokument. Wiederholt wird darin die absolute Notwendigkeit des friedlichen Zusammenschlusses und der gemeinsamen Zusammenarbeit der verschiedenen Nationalitäten des Reiches und der feste Wille des Herrschers, den Frieden zwischen ihnen zu wahren, hervorgehoben. Der an hervorragender Stelle gebrachte Ausdruck lebhaften Bedauerns und Unwillens über die Armeniermetzeleien in Adana macht allenthalben den besten Eindruck. Die Zusicherung strenger Bestrafung der Schuldigen zeugt von festem Willen an leitender Staatsstelle, und die feierliche Verbilrgung dafür, daß ähnliche Vorkommnisse in aller Zukunft ausgeschlossen sein sollen, wird alle Minoritätselemente dos Reiches, die Juden unter ihnen, über ihr ferneres Schicksal inmitten der türkisch-islamischen Welt zu beruhigen geeignet sein. Eine Entgleisung In Konstantinopel er zionistischen und allgemein jüdischen Kreisen herrscht lebhafte Entrüstung über einen jüngst erschienenen Leitartikel des „Hazwi" in Jerusalem, der den Juden im allgemeinen, besonders aber denen Palästinas, den Vorwurf macht, daß das Unglück der Armenier in Adana sie kalt lasse, während umgekehrt zur Zeit der jüdischen Pogrome die Armenier sich an der Hilfsaktion beteiligt hätten. Der Armenier sei. Amalek für den Juden und werde daher von diesem als Feind betrachtet. Die Judenschaft des ottomanischen "Reiches empfindet diese Bemerkung als unverantwortliche Torheit, die geeignet wäre, schlimmen Unfrieden zwischen den beiden Nationen zu säen, und als schwere Beleidigung, die nicht ohne Protest bleiben darf. Die jüdische Ethik, nicht nur die theoretische, sondern erst recht ihre Praxis, ist allezeit über solche Anschuldigungen erhaben gewesen. Um so schlimmer, daß ein Jude sich bis zu solchem Vorwurf verirren konnte. Aus Palästina sind heftige Proteste bereits erhoben worden. Die Zionisten der Hauptstadt geben gl eic 11 e r G e si n n u n g Ans d ru c k. Die öffentlichen Arbeiten. So interessant und verheißend das vom Arboitsministcr Gabriel Efencli Noradunghian publizierte Programm auch sein mag, seine Ausführung ließ bisher auf sich warten. Einstweilen sind noch keine bestimmt gefaßten Gesetzesvorschläge auf diesem Gebiete der Kammer zugegangen. Diese Tatsache hat dem hervorragendsten Publizisten der jungen Türkei, dorn Deputierten Hussein Dschahid, Veranlassung gegeben, in seinem .,Taninu das Arbeitsniinisterium energisch an seine Aufgaben zu mahnen. Da. der Minister auch solcher Unterlassungen wegen demnächst in der Kammer zur Beantwortung einer Interpellation wird erscheinen müssen, ist wohl eine baldige Wendung zu eifriger Tätigkeit zu erAvarten. Im übrigen ist die Revolte vom P>. und Pk April auch diesem Ressort zu gewissem Segen geworden. In den mazedonischen Wilajets waren Wege- und Bahnbauten vorgesehen, die besonders aus strategischen Gründen sehr dringend waren. Die Kosten derselben waren auf 960 000 Pfund veranschlagt. Infolge der Revolte sind an 10 000 Mann Konstantinopeler Truppen zur Strafe in die mazedonischen (Gebiete übergeführt worden. Wie nun beschlossen worden ist, sollen diese Mannschaften nicht mehr Frontdienst, sondern staatliche Zwangsarbeit leisten und für die bezeichneten Konstruktionen verwendet werden. Die dadurch möglichen Ersparnisse sind so bedeutend, data ilie Kosten sich nur" noch auf 80 000 Pfund belaufen. Außerdem können die Arbeiten sofort in Angriff genommen werden. Neues Gesetz über die Immobilien Es ist eine Kommission gebildet worden, die die Ausarbeitung eines neuen Reglements über die Immobilien vornehmen soll. Das alte Gesetz, das unter dem früheren Regime Geltung hatte, bildet für die Staatseinkünfte wie für die wirtschaftliche .Entwicklung des Landes die lästigsten Hemmnisse. Die lange ersehnte Reform wird auch für die Niederlassung und Bodenkäufe von Juden zweifellos von großer Bedeutung werden. Ein jüdischer Deputierter als Herausgeber einer Zeitung Demnächst wird hier eine neue Zeitung großen Stils unter dem Namen „Tttibad" in türkischer und „Unioir4 in französischer Sprache herauskommen. Als Herausgeber zeichnet Nissim Efendi Ma ssliah. Ein zweiter Zionist im Mischlisch Umumi Die Generalversammlung der hiesigen Asehkenasim hat zwei Kandidatenfür den Mischliscli aufgestellt, zwischen denen am 23. d. M. in engerer Wahl entschieden werden wird. Die Wahl unseres Gesinnungsgenossen Henry M. Reisner erscheint gesichert.