Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 22 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Rußland Es gibt eine Stadt Chelm, die im jüdischen Rußland wegen der -- sagen wir einmal — Unklugheit ihrer Bewohner sprichwörtlich ist. Nun ist in der letzten Zeit etwas vorgegangen, was die Berechtigung jener sprichwörtlichen Redensart zu beweisen scheint. Eine Rabbinerdeputation aus Chelm wandte sich an den Bischof Eulogius, den berüchtigten Führer der „Schwarzen Hundert" in der Duma mit der Bitte urn Unterstützung. Es ist höchst beschämend, daß politische Unreife und Mangel an nationalem Gefühl Juden in hervorragender Stellung veranlassen konnte, sich und ihr Volk so weit zu erniedrigen, daß sie die Protektion des Mannes anrufen, der zu den grimmigsten Hassern der Juden gehört und im Kampfe gegen den Fortschritt an erster Stelle steht. Außer der öffentlichen Blamage hat dieser skandalöse Schritt sogenannter Volksführer die Spannung zwischen Juden und Polen vergrößert, da Bischof Eulogius auch die Polen mit seinem Hasse verfolgt. Der Deputierte Friedemann erließ in den Zeitungen eine öffentliche Bekanntmachung, daß alle seine Bemühungen zugunsten der Juden in letzter Zeit fruchtlos waren, während er im Vorjahre immerhin manchmal noch einige Erleichterungen durchsetzen konnte. Deputierte der Rechten haben ein Projekt ausgearbeitet, das die Reichskontrolle über dieöüter aller jüdischen Synagogen bezweckt. Amerika Rabbinergehälter in Amerika Wenn die von „The Home Herald Chicago" zusammengestellte Statistik richtig ist, so stehen sich die amerikanischen Rabbiner, mögen sie sich auch sonst über manches zu beklagen haben, materiell viel günstiger als ihre christlichen Kollegen. Obige Zeitung sandte Briefe an mehrere Hundert Geistlichen, die aufs Geradewohl von jedem Staat und jedem Territorium ausgesucht wurden und die elf führenden Religionsgesellschaften vertraten. Sie wurden gebeten, die Anzahl ihrer Dienstjahre anzugeben, mitzuteilen, welches ihr augenblickliches Gehalt sei und mit welcher Promptheit es ausbezahlt würde. Endlich sollten sie auch einen Vergleich aufstellen über ihre Einkünfte und die anderer Berufszweige in der Gemeinde. Die Resultate zeigen, sagt „The Home Herald", daß das geistliche Amt als solches den Vergleich mit andern Berufen, die ungefähr denselben Bildungsgang und dieselbe Vorbereitung erfordern, gut aushält. Der"größere Teil der Herren, die antworteten, hatten Gymnasial- oder wenigstens Seminarbildung. Nur wenige begannen ihren Beruf ohne Vorbereitung, und diese gehören der altern Generation an. Das durchschnittliche Gehalt aller insgesamt ist ungefähr 825 Dollar. Ein sehr kleiner Prozentsatz erhält 3100 Dollar oder mehr. Von da ab gehen die Gehälter herunter, manche Geistliche erhalten nur 275 Dollar oder überhaupt keine feste Entschädigung. Die Tatsachen ergeben sich genau aus dem Folgenden: Wenn wir insgesamt diejenigen, welche antworteten, berücksichtigen, finden wir sie in dieser Reihenfolge geordnet: $ 3500 und mehr 2°o 2000 — 3500 5°/o 1500 — 2000 10°/o 1000 — 1500 31% 500 — 1000 38-% 275 — 500 4%. Nun vergleiche man hiermit die Gehälter der Rabbiner. Das niedrigste ist wahrscheinlich 600 Dollars, und siesteigen bis 1800 Dollars. Die Absolventen des Hebrew Union College erwarten im ersten Jahre ihrer Anstellung ein Gehalt von mindestens 1500 Dollars, um nach wenigen Jahren 2100 Dollars oder mehr zu erhalten. Hochzeits- und Begräbniskosten erhöhen diesen Betrag beträchtlich, und einige von ihnen vermehren ihr Einkommen durch Vorträge. Obgleich wir keine definitiven Ziffern haben, wonach wir uns richten können, kann man sagen, daß das durchschnittliche Gehalt des Rabbiners der Amerikanisch-Jüdischen Kirche nicht weniger als 2000 Dollars beträgt oder zweieinhalbmal soviel als das ihrer christlichen Kollegen. Statistisches zur Einwanderung in Amerika Das soeben erschienene März-Bulletin des Einwanderungs- und Naturalisationsbureaus des amerikanischen Ministeriums für Handel und Arbeit enthält eine Fülle interessanter Zahlen über die Einwanderung nach Amerika der letzten Jahre, denen wir folgende, für uns besonders wertvolle entnehmen: Die Zahl der jüdischen Einwanderer in Amerika betrug im Jahre 1899:. 37 415, 1900:'60764, 1901.: 58 098, 1902: 57 688, 1903 : 76 203, 1904: 106 236, 1905: 129 910, 1906: 153 748, 1907: 149 182, 1908: 103 387. Von Juli 1908 bis Ende März 1909 wanderten 40 971 Juden in Amerika ein.- Die Gesamtzahl der Einwanderer in denselben Jahren betrug 311 715, 448 572, 487918, 648743. 857 046, 812 870, 1 026 499, 1 100 735, 1 285 349, 782 870, 441 723. Der Anteil der Juden an der Einwanderung, in Prozenten ausgedrückt, stellt sich für die Jahre 1899 bis 1908 demgemäß wie folgt dar: 12 o/o, 13,5%, 11,9 °/o, 8,9%, 8,9%, 13%, 12,6°/o, 13,9%, ll,6° o 13% und für die Zeit von Juli 1908 bis Ende März 1909: 9%. Interessant sind auch noch folgende Zahlen: Im Jahre 1820 betrug die Gesamteinwanderung nach Amerika 8385 Personen, 1830: 23322, 1840: 84066, 1850: 31 004. Diese Zahl blieb ungefähr konstant bis 1880, wo 457 257 Personen einwanderten. Aber erst seit 1900 ist ein stetiges Wachsen bis zu der Rekordziffer des Jahres 1907 zu verzeichnen, während 1908 infolge der Wirtschaftskrise einen scharfen Rückgang bringt. Zurückgewiesen wurden in der Zeit von Juli 1908 bis Ende März 1909 insgesamt 6387 Personen, darunter alleinreisende Kinder unter 16 Jahren 43. Bei der Mehrzahl erfolgte die Verhinderung der Landung aus sozialen Gründen: Arme, Bettler, Kontraktarbeiter usw., bei etwa einem Drittel aus sanitären, und nur bei 485 aus Gründen der öffentlichen Sicherheit. Der Anteil der Einwanderer am Verbrechen Der jüngst in diesen Spalten erwähnte offizielle Bericht der amerikanischen Einwanderungskommission enthält auch interessante Angaben über den Anteil der Einwanderer am Verbrechen. Gegenüber manchen gehässigen Angriffen, die neuerdings auch von offiziöser Seite in Amerika, insbesondere von dem sattsam bekannten Richter Bingham, gegen die Einwanderer gerichtet wurden, bietet dieses offizielle Dokument einen bemerkenswerten Gegenbeweis. Zunächst stellt der Bericht mit Recht fest, daß bei der Berechnung der Verhältniszahl von Verbrechen aus der Masse der Einwanderer oder aus der eingeborenen Bevölkerung nicht ohne weiteres die Zahl der Gesamtbevölkerung zum Maßstab genommen werden darf. Zu der Bevölkerung Amerikas stellen Männer über 19 Jahre 25,5 ü o, während 49,2 % der Einwanderer dieses Alter überschritten haben. Da nun Kinder und Frauen verhältnismäßig einen sehr geringen Prozentsatz Verbrecher abgeben, ist klar, daß sich eine statistische Berechnung nur auf der Grundlage der Gegenüberstellung der Zahlen ergeben kann, die die einwandernden erwachsenen Männer im Verhältnis zu der Zahl der eingeborenen erwachsenen männlichen Personen zu den Verbrechen stellen. Interessant ist zu beobachten, daß die Vergehen, wegen deren Einwanderer zur Aburteilung gelangen, größtenteils kleinlicher Natur sind. Ferner ergibt sich, daß, obgleich die Bevölkerung der Stadt New York sich im Jahre 1900 zu 37 Prozent aus Eingewanderten zusammensetzte, sich unter den Abgeurteilten dieser Stadt im Jahre 1907 63,5 Prozent Eingeborene befanden. Zieht man in Betracht, daß seit 1900 der Prozentsatz der Einwanderer in New York zweifellos gestiegen ist, und berücksichtigt man des weitern die oben angeführten Umstände in bezug auf das Alter der Einwanderer, so ergibt sich, daß nicht nur die absoluten Ziffern nicht einmal ein Überwiegen des eingewanderten Elementes in der Zahl der Verbrecher erkennen lassen, sondern daß unter Berücksichtigung aller Faktoren die Eingewanderten in einem beträchtlich geringem Satze zu Verbrechern werden als die Eingebornen. Anderseits stellen die Einwanderer einen bedeutend höhern Prozentsatz als die Einheimischen zu den Vergehen gegen die Polizeiverordnungen und sanitären Vorschriften. Einen Rückschluß auf die wirtschaftliche Lage der Einwanderer läßt die Tatsache zu, daß allein im Jahre 1907 nicht weniger als 10715 im Auslande geborene Personen wegen Übertretung der Verkehrsvorschriften und wegen unkonzessionierter Gewerbetreibung verurteilt wurden. Natürlich ist es durchaus verkehrt, derartige leichte Vergehen unter die Rubrik „Verbrechen" zu buchen. Eine Änderung der Statistik in dieser Hinsicht würden ein für allemal dem lächerlichen und böswilligen Gerede, als ob die Einwanderer in Amerika — und besonders die jüdischen — in einem hervorragenden Maße zum Verbrechen neigten, den Garaus machen. Im Gegenteil geht klar aus der Statistik hervor, daß auch vom Standpunkt der Ethik und öffentlichen Moral die Einwanderung von jedem, sein Land liebenden Amerikaner nur begrüßt werden kann. Statistisches über die Juden in Indien Interessante statistische Zahlen über die Juden in Indien finden wir in dem soeben erschienenen 26. Bande der „Imperial Gazetteer of India". Danach ist in den letzten 20 Jahren die Zahl der Juden in Indien von 12 000 auf 18 000 gewachsen. Dieser Zuwachs kann nicht auf Einwanderung zurückgeführt werden, da Indien mit seiner eingeborenen geschäftsgewandten Bevölkerung und seinen niederen Arbeitslöhnen für den fremden Juden nur wenig Anziehungskraft