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Die Welt · 1909-05-25 · 22 (25.5.1909) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
22 (25.5.1909)
Date
1909-05-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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480 DIE ELT No. 22 wie der Spiegel eines Sees in windstillen Nächten, daliegt. Wenn die Seele des Menschen geglättet, ohne Schmerzklüfte vergangener Erlebnisse, ohne Schmerzgipfel von Zukunftswünschen und Zukunftssehnsucht in leid- und friedlosem Hinleben des Tages ihr Dasein, bloß ihr Dasein genießt, wird man sie als friedevoll bewundern und beneiden. Man erinnert sich kaum, solche friedvollen Seelen auf seiner Lebenswanderung angetroffen zu haben, stellt sich aber Philosophen und Religionsstifter, oder als Gegenbild dieser Menschen tiefster Bewußtheit, die Kindesseele so vor, die von den grausamen Fängen des Lebens noch nicht erfaßt, das Kind in schuldlosem, sehnsuchtslosem Sein. Leiden ist unbefriedigtes Bedürfnis! Nach dem Grade und der Art des Bedürfnisses bestimmt sich die Tiefe und die Feinheit des Leidens. Je bedürfnisreicher eine Natur ist, desto leidreicher muß ihr Leben sein. Hier Tausende, die das Bedürfnis haben, reich, mächtig, berühmt zu sein. Welches Martyrium erleiden diese Sehnsüchtigen bis sie die erste Stufe der ersehnten Glücksleiter erklommen haben! Mit welch verzehrendem Feuer der Seele kämpfen sie, bis zu ihrer letzten Befriedigung! Und dann? Das Natürliche tritt ein, die erfüllte Sehnsucht gilt nichts mehr, das Erreichte versinkt zu den selbstverständlichen Bedingungen des Lebens. Soll man da noch dankbar sein, weil man atmet, schaut, beobachtet und hört? Ein neues Bedürfnis wächst heran, ein neues Leiden heftet sich an den Fuß und treibt die ermattete Seele vorwärts. Aber es gibt viel feinere Bedürfnisse als jene rohen, über die zu sprechen fast banal ist Die Krankheiten der Seele, die das Entstehen, Wachsen und Siegen dieser feinsten menschlichen Bedürfnisse im Gefolge führt, sind verborgener, schwerer entdeckbar und schwerer heilbar. Es sind reine Seelenbedürfnisse, die bei gesunden Naturen das Edelste und Beste sind, bei schwachen Menschen aber zu Krankheiten ausarten können. Vor allem die Bedürfnisse zu glauben und zu lieben. Diese höhern Bedürfnisse zu befriedigen, ist einerseits dem Dichter beschieden. Seine Aufgabe besteht darin, das Wesen des Volkstums zum Ausdruck zu bringen. Das Volk spricht nicht selbst, es spricht durch den Mund seiner Dichter. Wenn du liebst, so kannst du selbst deine Gefühle nicht zum Ausdruck bringen. Der Dichter verleiht dir den Ausdruck. Du bewunderst einen bestirnten Himmel, aber du kannst diese Bewunderung nicht zum Ausdruck bringen; der Dichter tut es für dich. Das tut er auch für das Volk weil das Volk stumm ist, d. h. es hat nicht den richtigen Ausdruck für seine Gefühle, den erhabenem Ausdruck, der nur dem Dichter eigen ist. Dann erkennst du deine Gefühle und sagst mit tiefer Überzeugung: ja, so habe ich es gemeint, so habe ich es gewollt, ich konnte es nur nicht so aussprechen. Auch das wirkt wie eine Offenbarung. Aber das ist nichts im Vergleich mit der Offenbarung unserer Lehre. In ihr hat ein Volk seine Bestimmung und seinen Inhalt erkannt. Diese Lehre ist die Tugend, die Kraft, das Gesunde, Seiende. Sie ist wie der Vogel Phönix, immer neu und heil dem Schlünde der Zeiten enttauchend. Akdamoth Die vorherrschende Tonart der jüdischen Poesie wie der jüdischen Musik ist Moll. Mondbeglänzte Schwermut ruht über den Gesängen: Schmerz über ein unseliges Schicksal, Erinnerung, Ruhesehnsucht, Tränen, tröstende Sterne, Abschiedsstimmung. Es wird zunächst durch Töne ohne Melodie, durch Farben ohne Kontur eine allgemeine Stimmung erzeugt; nur versteckt lugen flüchtige Andeutungen über den Gang einer lebensfreudigen Gegenwart aus den dämmerigen und visionären Liedern. Erinnerungstiefe Sehnsucht und einsam-prächtige Trauer' wird hinreißend aus rauschenden und verschwimmenden Akkorden gefühlt. Die Sprache hat sich alles Körperlichen begeben und löst sich in einem geistigen Hauche auf: „atha K'lila d'leth bah mamaschah". Die Worte scheinen kaum ausgesprochen zu werden, so daß es fast noch zarter wie Gesang lautet. Es ist etwas Entgleitendes, Unwägbares, Zerrinnendes, Umschleiertes. Das ist die wahre Poesie: sie kann höchstens einen allegorischen Sinn im großen und eine indirekte Wirkung wie Musik haben. Das ist das Wesen der Psalmen Sie enthalten neben den Stimmungen auch Reflektives; doch der Gedanke kommt auch hier ganz allgemein, der Sinn im großen nur zum Ausdruck. In den Ausrufen: „Preise meine Seele, den Ewigen", „Gottesstimme bricht Zedern", „Unsere Füße standen an deinen Pforten, Jerusalem" liegt der Gedanke von ewigem Sterben und Auferstehen zugrunde, zugleich das tröstende Bewußtsein, ein unvergänglicher Teil eines unsterblichen Volkes zu sein. Ganz in dieser Vorstellung, durchdrungen von der Zugehörigkeit zu einem großen Ganzen, singen die ersten synagogalen Dichter: innige, tiefe, sehnsuchtsvolle Bilder erscheinen in verschwimmendem Leuchten, zu ahnen mehr als zu verstehen, und wie ein Hauch ruht die Idee über dem-Ganzen: Der Ewige, die Lehre, Israel. Die Umrisse verschwinden so, daß sich kaum noch etwas unterscheiden läßt und nur ein allgemeiner Eindruck bleibt: die Unendlichkeit, die Unsterblichkeit, die Heiligkeit. Es sind ekstatische Träume, aber ihre Farben erglänzen sehnsüchtig und hinsterbend in leiser, unendlicher Abtönung. Merkwürdigerweise sticht das aramäische Schowuothlied „Akdamoth" von dem allgemeinen Charakter der religiösen Poesie ab Es hat etwas Spielerisches, Leichthingeworfenes, Tändelndes. Die traditionelle Melodie, mit der es in den alten Qemeinden des Ostens vorgetragen wird, ist auch so ganz originell, gar nicht Moll, im Gegenteil, es hat etwas Jubelndes. Und der Text! — Chad'tin -- neue Engel — n'bot — werden erschaffen — l'zafrin — jeden Frühmorgen. Nur drei Worte, und wir glauben den Flügelschlag der jungen Engelschwärme zu vernehmen. Das ist unverfälschte Psalmpoesie. Daneben treten jedoch freie Rhythmen auf, die an tausend Midraschstellen mahnen. — R'buthon d'Israel -- die Größe Israels — Kröi bischmaatha — die Sch'rna lesen — und mit einemmal spielt der Refrain in einem Dialog über: — Minan u'man hu r'chima — woher und wer ist dein Geliebter? — so fragen die Völker der V/elt das jüdische Volk — arum b'ginai s'phith m'dur arjawatha — daß du seinetwegen in der Löwen - grübe umzukommen bereit bist! Das ist schon das allegorisierte Hohe Lied: Jekara w'jaah ath — edel und schön bist du, so sagen die Völker der Welt Israel — im theeraba l'marutha — wenn du dich nur vermischen wirst mit unserer Herrschaft. Aber nein, da wiederholt sich die Antwort: R'buthan d'Israel — die Größe Israels, Israel will nicht in die andern aufgehen. Mit einer leichten Anmut wird hier die jüdische Tragödie dargestellt; es ist fast wie ein kindisches Geklingel, heiter, jubilierend und doch geisterhaft und traurig, voll stiller Einfachheit und zartem, verschleiertem Reiz. Ich pflegte als Kind meinen Großvater zu beobachten, wie er „Akdamoth" laut las. Der hohe Greis, der mit erzpriesterlicher Würde seine Gebete las, bei dem alles gemessen, gehalten, überlegen und dabei doch bewegt und stark war verfiel hier in einen Volkston. „Wenn alle Seen Tintenfässer wären und alle Bäume des Waldes Federn" usw., „es wäre doch unmöglich, all das Empfundene zu beschreiben." Es ist die subjektiv-naive Lyrik der Ohnmacht, denn der starke Dichter wagt sich trotzdem heran, alles zu beschreiben mit einem Tintentropfen und mit einer Feder. Dann freut sich die harmlose Bescheidenheit über jene Größe, die sie nicht zu beschreiben vermag. All das sagte der Großvater zufrieden-gefällig her, aber mit einemmal geschah die Enthüllung blutigen Elends, das unerbittliche Geschick „Die Löwengruben", und da glaubte ich eine Träne in seinem Auge glänzen zu sehen ... Aber die Träne verschwand schnell, und im Jubel hieß es wieder: „Die Größe Israels". So begriff ich seitdem den Sinn des „Akdamoth-Liedes. Es sind eben Dinge, die man einmal gehört haben muß, und richtig gehört, um sie voll und ganz zu verstehen. N. S.

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