Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-05-25 · 22 (25.5.1909) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
22 (25.5.1909)
Date
1909-05-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316374--51952-3345636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schewuoth Kommet herbei, meine jungen Brüder, wir wollen das schönste unserer Feste, das Wochenfest, in würdiger Weise empfangen! Ihr wisset, wir sind gewöhnt, den „guten Tagen" frohen Herzens und mit Ehrfurcht entgegen zu ziehen. Der Königin Sabbath huldigen wir, indem wir ihr die heilige Lichtkrone aufsetzen ... Die übrigen Feiertage begrüßen wir als die gottgeborenen Kinder des jüdischen Himmels. Möge nun auch der liebste unserer Feiertage uns herzlich willkommen sein: Schewuoth! Euch ist wohl der Ausspruch unserer Mutter bekannt: Am Pessach darf man nicht alles essen, am Sukkoth nicht überall essen, an beiden Feiertagen nicht zu jederzeit essen... Am grünen Schewuoth jedoch ist man frei..da ißt man, was man will, wo man will und wann man will... In ihrem Munde hat der Name dieses Festes so schön geklungen... Kommt, Brüderchen, wir wollen unser schönes Fest begrüßen!... Ihr zögert? Eure jugendlichen unschuldigen Seelen, die aus euren weitgeöffneten Augen sprechen, scheinen mich da zu fragen: Wozu der Rummel? Weshalb die Freude? Weil in diesen Tagen nach alter Überlieferung ein Gesetz einem wilden, zuchtlosen Hirtenstamm gegeben worden? Weil an einem von diesen Frühlingstagen, nach dem Bericht verschollener Geschlechter, der Sinaiberg sein stolzes Haupt mit finstern Wolken umhüllt und aus krachenden, leuchtenden Blitzen eine Stimme erschollen ist, die göttliche Gebote einem staunenden Volke kündete? Fürwahr, da müßten wir viele, viele solcher Feiertage begehen, denn nicht bloß einmal hat sich der Ewige in den großen, stürmevolien Ereignissen der Weltgeschichte offenbart. Ja, Brüderchen, — aber ihr nehmet die Lebensblumen und ihren Duft zu kritisch auf. Ihr seid noch jung, allein euch fehlen die saftige Unreife, die liebliche Unschuld, die allein nur fähig sind, uns den Himmel auf Erden zu geben! Die Unschuld, glaubet mir, steht auch " den Erwachsenen, den Großen, sehr gut. Ihr aber, Brüderchen, habet sie bereits verloren. Nein, ihr habet sie nie gehabt. Unsere selige Mutter hat euch zu früh verlassen. Ihr könnt euch kaum ihrer lieblichen Gestalt erinnern. Ihre Stimme und ihre milden Weisungen habet ihr ganz vergessen ... In euren offenen Augen sehe ich Tränen leuchten... Ist das Bild unserer Mutter vor eurem geistigen Auge erschienen?... Möchtet ihr auch ihre liebliche Stimme hören?... Kommet, Brüder, ins Feld hinaus! Dort werdet ihr die Stimme unserer Mutter vernehmen. Morgen ist Schewuoth. Das Feld ist grün... Die Bäume duften, blühend, lichtumsponnen, sonnengoldumflutet. Der Himmel gleicht einem großen Baldachin, für die heilige Hochzeitsfeier des Bräutigams „Israel" und der Braut „Thora".. . oder des Bräutigams „Israel" und der Braut „Natur" .. . Ihr wundert euch? Ihr horchet erstaunt auf? Sind euch diese Worte neu? Brüder, das sind alte, uralte Worte! Sehet hin! Da stehen sie geschrieben! Das Höchste und das Niedrigste, das Kleinste und das Größte, der grenzenlose Himmel und das winzige Vergißmeinnicht die kleine Gänseblume und der riesige Sonnenball, hier der runde Tautropfen, am Rand einer in Morgenpracht halbentfalteten Rose schillernd, dort der silberruhige große Teich, grünumkränzt und schilfumrankt, wie in der Sage... Wie in der Sage?... Kennen wir eigentlich die Grenze, wo Himmel und Erde einander küssen? Wissen wir eigentlich, wo die Wirklichkeit aufhört und die Sage beginnt? Ist nicht unser Leben ein Märchen, und unsere Märchen — das eigentliche Leben?... Und die Märchen sprechen so lieblich . .. Horch! Die Stimme unserer Mutter, unserer alten, uralten Mutter: „Morgen ist Festtag, Kinderchen! Großer Feiertag ist morgen. Im fernen Sonnenlande, da harret der reifende Weizen der Sichel und die üppige Gerste der Sense. Geht, Kinder, ins grüne Feld, pflücket Ähren und Blumen, die Wachtel im Korn wird euch die reifen Ähren, der Schmetterling im Blau die frischen Blumen zeigen. Geht in den kühlen, schattigen Wald. Die alte Linde trägt junges Laub für unser Fest. Auch die stolze Eiche wird euch nicht mit leeren Händen ziehen lassen. Die Linde, die Eiche, all die Riesen des Waldes, all die Starken der Wildnis, sie werden mild und freundlich zu euch, wenn die Vöglein in ihren Zweigen singen, wenn hoch über sie hinweg mein Gott in das silberne Frühlingshorn stößt und zum Feste der heiligen Ernte ruft.. . Gehet hin, Kinder, zum silbernen Teich, dort ist des grünen Schilfes genug. Nehmet volle Bündel, traget sie in das verwaiste Haus eurer Mutter, in den verödeten, vereinsamten Tempel der mütterlichen Liebe... Umkränzet die Tore mit Laub und Blumen, streuet junggeschnittenes, duftendes Schilf auf den Ort, wo eure Mutter getreten. Denn morgen ist Feiertag, mein Feiertag! Morgen werde ich erscheinen in den duftenden Hallen meiner Jugend, ich, die Mutter der Welt, ich, die Allgebärerin, ich, die ewige Erkenntnis! ... ...Ihr weinet, Brüderchen, Tränen der Rührung, der Sehnsucht... Weinet nicht, der Geist unserer Mutter wird morgen in unsern heiligen Hallen erscheinen. Eine heilige Ernte wird sie uns bereiten: die ewigen Gesetze des Lebens ... Doch müsset ihr stark sein im ewigen Suchen, fleißig in der treuen Vorbereitung, geduldig im großen Erwarten, im Zählen der Stunden, in der großen Sefirah ... Kommt, Brüderchen, ins Feld! Die Arbeit ist so süß!... ... Siehe! Es geht der letzte Tag der Vorbereitung zur Neige; die tagesmüde Sonne verschwindet schon im Westen, Doch bis die Sonne uns durch das geöffnete, rosige Tor des Ostens den heiligen Tag bringt, wird inzwischen eine junge Frühlingsnacht ihren geheimnisvollen Traum durchträumen. .. Entweihet nicht, meine Brüder, diese heiligen Stunden des größten aller Träume durch irdischen Schlaf... In der Nacht, wo alle Welt den erlösenden Morgenstrahl erwartet, dürfet ihr nicht gleichgültig und unempfindlich sein. Denn nur durch ruhelose Mühe und angestrengte Arbeit werden wir der allgemeinen Erlösung teilhaftig werden; nur das treue Hinwirken im Geiste unserer Mutter wird uns berechtigen, in den großen Jubelgesang einzugreifen, den das Weltall anstimmen wird, wenn morgen der Geist unseier Mutter in unsere bekränzten Hallen einzieht und uns das lieblichste aller Feste bringt, die heiligste aller Ernten: die Ernte der Erkenntnis!... Mayer Chartiner o o o o o o ^ooooooojj AUS DER BEWEGUNG II o o o o o o o —*\ IL o o o o o o o An die Landesorganisationen Das Engere Aktionskomitee ist gemeinsam mit dem Direktorium unserer Banken zu dem Entschluß gelangt, eine große Aktion für den Verkauf von Aktien unserer Bankinstitute, insbesondere von solchen der A. P. C, einzuleiten. Das Engere Aktionskomitee glaubt mit diesem Beschlüsse nicht nur einem oft und besonders in der letzten Zeit wiederholt dringend geäußerten Verlangen der Zionisten aller Welt, sondern auch den Erfordernissen des gegenwärtigen Momentes entgegenzukommen, der wie kein anderer geeignet erscheint, die weitesten zionistischen und nichtzionistischen Kreise zur Betei ligung bei unsern Bankinstituten und zur Anlage von Kapitalien im Orient zu veranlassen. Tagtäglich empfangen wir Berichte aus allen Ländern, aus denen hervorgeht, daß die Umwälzung der Dinge im Orient im weitesten Maße auch solche Kreise unserer Bewegung zugänglich gemacht hat, die uns bisher ablehnend oder gar feindlich gegenüberstanden. Auch aus vielen andern Erscheinungen können wir deutlich wahrnehmen, wie sehr sich das Interesse der Judenheit dem Orient zugewendet hat und wie insbesondere der Gedanke einer jüdischen Kolonisation im Orient auch in maßgebenden nichtzionistischen Kreisen Boden ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.