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Die Welt · 1909-05-25 · 22 (25.5.1909) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
22 (25.5.1909)
Date
1909-05-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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ein Kind besser als seine Mutter. Ich bin kaum einen Tag hier und kann Ihnen schon sagen, daß sein ganzes Herz vollständig Ihnen gehört." — „Mir?" — „Ihnen, Ihnen, mein Kind. Ich begreife Sie, ich verstehe Sie, ich fühle mit Ihnen mit und wundere mich nicht über Ihr Erröten —--" — „Madame Biber!----" — „Sie brauchen mir nichts zu sagen, ich verstehe Sie, ich bin auch eine Frau und war mal jung und schön und wurde geliebt. Sie brauchen sich nicht vor mir zu schämen, ich bin ja seine Mutter und möchte ihn glücklich sehen. Ich bin sicher, daß Sie sein Glück werden, und weder er noch ich wünschen eine bessere Frau als Sie!" „Madame Biber, Gott helfe Ihnen!"---- „Möge Gott uns allen helfen, mein Kind. Nenne mich nicht Madame Biber, nenne mich Mutter, denn ich bin Eurer beiden Mutter. Laß dich umarmen, liebes Kind, und noch heute wollen wir einen Teller zerschlagen." — Madame Fein erhebt sich, aber statt sich der Madame Biber zu nähern, tritt sie zurück. Ihre Augen brennen vor Wut, das Gesicht aber lächelt. Sie ergreift beide Kinder an den Händen, als ob sie sie vor jemandem schützen wollte. —.-- — „Madame, Sie reden Dummheiten, ich hab' einen Mann!" — „Ha, was?! Sie?! Sie haben einen Mann?!" — „Hundertundzwanzig Jahre soll er leben!" — „Wo? Wer?u--- — „Wer? Er ist im Geschäft, ein Buchhalter." Madame Biber setzte sich plötzlich auf die Bank, öffnete ihr Ridicule, macht es wieder zu, öffnet es abermals, ohne zu wissen, warum und weshalb . . . Ein kalter Schweiß befiel sie. In einem besondern Coupee erster Klasse sitzen drei Personen. Der Zug rast dahin. Die Räder klappern. Die Passagiere schweigen. Eine bejahrte, noch schöne Frau mit einem Ridicule in der Hand und einem kleinen Kissen unter dem Kopf scheint zu schlafen. Ihr gegenüber sitzt ein hageres Männchen, über einen Haufen Rechnungen gebeugt. Er zwinkert mit den Augen, dreht die Nase und zuckt mit den Schultern und rechnet still vor sich hin. Das Gesicht dem Fenster zugewandt, die Hände auf dem Rücken gefaltet, steht ein dritter, eleganter Mann und schaut, wie die Säulen, Häuser, Wälder, Felder vorbeifliegen und verschwinden. — So jagen Tage, Jahre, denkt er, die besten jungen Jahre dahin. — Aus meinem Notizbuch In der Natur steht alles im Das Wochenfest in der Diaspora Zeichen der Verheißung. Der Frühling hat sein Blütenmeer überallhin ausgeschüttet. Im Felde, im Garten blickt der Landmann erwartungsvoll nach der Entwicklung, welche die Mühen seiner anstrengenden Tätigkeit nehmen werden. Noch ist alles unentschieden, noch ist alles ungewiß; aber trotzdem ist des Menschen Brust von tröstlichen Hoffnungen für die Zukunft erfüllt. Und diese an Hoffnungen reiche Empfindung, welche jetzt in dieser Hoch-zeit des Jahres unser ganzes Wesen erfüllt, sie ist so recht die Gewähr für das Walten des göttlichen Geistes in uns Menschen. Wie einst in jenen altersgrauen Zeiten die Offenbarung des Gesetzes unserer Nation zuteil wurde, da eine neue Weltanschauung init einer alten hinsinkenden rang und den endlichen Sieg über sie davontrug, also ist es auch gegenwärtig der Fall. Neue Entwicklungskeime sind in unsern alten Kulturboden eingesenkt, es regt sich mächtig allerwärts und strebt nach Form und Gestaltung. Wir verspüren allerorten das Wehen einer neuen sich gebärenden Zeit, und es hieße fürwahr an dem idealen Gehalt unseres Volkes verzweifeln, wollte man atinehmen, daß sich in diesen neuen Keimen böse Mächte um den Sieg streiten können. Eine solche Auffassung widerspricht dem Wesen der Entwicklung, welche in ihrer Gesamtheit dem Fortschritt auf der Stufenleiter der allgemeinen Kultur und der allgemeinen Förderung der Sittlichkeit zusteuert. Vorübergehend vermögen wohl hier und da böse Kräfte die Oberhand zu gewinnen; allein dies beweist nichts gegen die Wahrheit des Satzes, daß die Menschheit im allgemeinen wie auch die eineinen Völker im besondern einer bessern und höhern Zukunft entgegengehen müssen. Hieraus ergibt sich mit unausweichlicher Notwendigkeit, daß es die größte Sünde ist, durch allerhand Gewaltmittel, durch allerhand Verwirrungen dieser Entwicklung Hindernisse entgegenzusetzen, indem man die Gedanken der Menschen zu verwirren trachtet. Da ist es gar schön und erquickend, ein Fest zu begehen, das ein Volk an die Unzerstörbarkeit der Geistesmacht gemahnen soll. In diesem Sinne erweitert und vertieft sich die Bedeutung des Wochenfestes als eine Verheißung auf den Sieg des unser Volk umspannenden, schöpferischen Idealismus. Von der Betrachtung des Allgemeinen gleitet unser Sinn zu der des Besondern. Auch hier vermögen wir nicht anders als festzuhalten an dem Glauben, daß der Idealismus allen sich ihm entgegenstellenden Gewalten zum Trotz sich behaupten und endlich siegreich sein werde. Auch in der Entwicklung unserer nationalen Verhältnisse, mögen dieselben gegenwärtig recht düster und bedrängt erscheinen, kann sich auf die Dauer die Offenbarung einer großen Idee nicht verleugnen, und dies bedeutet keinesfalls Preisgebung der Geschicke eines Volkes wie des unsrigen an neue vorübergehende Launen und ungeahnte Lehren. Das ist des jüdischen Volkes Bestimmung in der Weltgeschichte nicht, kann sie nicht sein. Die Sonne der Offenbarung ist nicht im Untergehen begriffen, sie war nur zeitweilig umwölkt. Das Neue, das nach Gestaltung drängt, ist eben dieselbe Offenbarung, die ihre Verkörperung und Verwirklichung im Leben des Volkes finden muß. In einem unnatürlichen Leben ist diese Verwirklichung eine Unmöglichkeit. Der Geist des Goluth und der Assimilation stehen im schärfsten Gegensatze zu jenem göttlichen Geiste in der fortschreitenden Entwicklung des jüdischen Volkes. Der Sinn des Volkes wird verwirrt, seine Gedankenauffassung getrübt und verschoben durch allerlei Blendwerk; aber von den mächtigen Flügelschlägen der nationalen Offenbarung entweicht der Lügengeist, und so wird das eingeschüchterte jüdische Gemüt wieder frei und vor weitern Gefahren beschützt, welche ihm durch die Mächte des Goluth drohen. Vor diesen unser Volk in seinen Wurzeln gefährdenden Mächten der Finsternis kann lediglich der Geist wirksam schützen, wie er sich in der Geschichte leuchtend offenbart. Das Sinnbild dieser idealen Lebensauffassung, bei dessen Anblick die Schwankenden neugestärkt und die Festen mit Siegeszuversicht erfüllt werden, ist das Wochenfest, das die sieghafte Betätigung des Freiheitsgedankens ist und bleibt. Möge das jüdische Volk sich immer mehr mit diesem Gedanken von dem heiligen Geiste der Entwicklung zur echten Freiheit und Sittlichkeit erfüllen, dann wird diesem Fest der Erstlingsfrüchte und der Offenbarung die reifere Frucht und die Erfüllung nicht fehlen. Der Sinai gab uns den Frieden. Wann ist die Die Offenbarung Seele im Zustande des Friedens? Man stellt sich bei dem Worte „Friede" gleichsam eine große vage Fläche vor, in der es keine Abgründe und Gipfel gibt, die ruhig, unbewegt,

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