Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 22 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 22 DIE2§KELT 477 Er sieht übrigens auch so wie ein Qespenst aus. Ein kleines, mageres Männchen mit einer eingefallenen Brust, jeden Augenblick zuckt er mit einem andern Glied, — mit den Augen, mit. der Nase, mit den Schultern. Seine Gedanken sind blitzschnell wie er selbst, wie seine Reden, er ist stets böse und weiß nicht weshalb und auf wen, er wirft sich nach allen Seiten, schreit, spuckt — richtig meschugge. Aber im Grunde genommen kein schlechter Mensch, den eine Träne rührt; er hat vor nichts Angst, nur vor Katzen und Donner, — das ist Herr Spack. Früh morgens angekommen, die ganze Nacht nicht geschlafen, hatte er gleich mit dem Kutscher einen Skandal. Er schimpfte und spuckte, und schließlich bezahlte er die doppelte Taxe. Ohne ausgeruht und sich gewaschen zu haben, nahm er Biber auf die Seite: „Was ist das für ein Geschäft? Schneller! Wann geht der Schnellzug? Wie spät ist es jetzt? Schneller!" „Wartet, laßt uns zunächst eine Kleinigkeit essen," bittet Biber. Spack wird wütend, will von nichts hören und schreit: „Entweder Geschäft, oder ich setze mich in den Zug und fahre zurück." Und glaubt ihm, denn Spack wäre fähig, das zu machen. Sie setzen sich nieder, und Biber erzählt seinem Kompagnon die ganze Geschichte, wie er im Grand- Hotel abgestiegen war, wie Schewuoth kam, wie er nach einem jüdischen Restaurant suchte, in dem er jüdische Blinzes essen könnte usw., mit allen Einzelheiten, mit dem kleinen Schwesterchen, mit der Alten mit ihrem Siddur, mit den zwei Kindern Herzel und Mischa, mit der Loge im Theater.--Während der jüngere Kompagnon erzählte, saß der ältere wie auf brennenden Kohlen, zwinkerte mit den Augen, drehte die Nase, zuckte mit den Schultern und schrie: „Schneller, schneller!" Endlich gelangten sie an den Hauptpunkt, und Markus Biber atmete erleichtert auf, als ob er sich von einer schweren Last befreit hätte. Soll ich euch davon erzählen, wras vorgefallen war, als Spack endlich erfuhr, daß sein jüngerer Kompagnon, Markus Biber, Chef der Firma „Biber, Spack & Cie.", die Wirtin des Restaurants, die ein schönes Gesicht hat und Blinzes zuzubereiten versteht, zu heiraten beabsichtigt? — — Ein anderer an seiner Stelle würde sicher in ein tolles Gelächter ausbrechen. Spack ist aber kein Mensch, der lacht; seit fünfundzwanzig Jahren hat kein Mensch Spack lachen hören. Spack faßte mit beiden Händen seinen Kopf und rannte hin und zurück wie ein Rasender. Und dann erst fing er zu reden an, nein nicht zu reden, sondern Feuer zu sprühen; er schwor, daß er, wenn er Zeit hätte, ihn sofort zum Arzt brächte, da er aber keine Zeit habe, spucke er auf die ganze Geschichte und kehre sofort nach Hause zurück und überlasse Biber sich selbst, er möge sich verbrennen samt seinen Romanen, seinen Wirtshausfrauen und seinen Blinzes, und alles zusammen möge zugrunde gehen, alle Geschäfte, der Teufel hole alles!!! Spack löste seinen Kragen, riß die Krawatte und warf sie auf den Schrank, so wütend war er auf seinen Kompagnon. Und was tat Biber? Nichts, — er kennt ihn doch, er weiß, daß sich Spack ausschreien muß, dann erst kann man mit ihm alles machen. „Fertig?" fragt ihn Biber. „Jetzt kommt mit ins Restaurant, wollen wir etwas essen." Und die beiden Chefs der Firma „Biber, Spack & Cie." gehen ins Restaurant, nehmen an einem Tische Platz, und Biber stellt Madame Fein seinem ältern Kompagnon Herrn Spack vor, — und es geschieht ein Wunder. Neuntes Kapitel Die Begebenheiten entwickeln sich, und eine neue Person tritt auf die Szene Glaubt ihr an die Zauberei? Manchmal muß man auch daran glauben. Was ist denn mit Spack geschehen? Wohin sind sein Zorn und seine Verrücktheit? Qar nicht der gleiche Spack. Er zwinkert nicht mehr mit den Augen. Zwei Stunden lang saß er mit Frau Fein am Tisch und unterhielt sich mit ihr über alles mögliche und merkte gar nicht, wie die Zeit schnell verging. Als er auf sein Zimmer zurückkehrte, rannte er noch, wie es seine Gewohnheit war, eine Weile hin und her, dann blieb er Biber gegenüber stehen und sagte schnell, hastig, durcheinander: „Mache keine langen Geschichten, zögere nicht und rufe deine Mutter telegraphisch herbei." Biber protestiert, er wäre doch kein grüner Junge, er könne auch ohne Mutter sich eine Braut erwählen. Spack läßt sich aber schwer überzeugen. Überlasset ihm die Geschäftssprache, das Geschäft versteht er besser. Und es fliegt ein diplomatisches Telegramm an Madame Biber: „Geschäfte fordern ihre Anwesenheit. Kommet. Spack." Auf dieses Telegramm kommt folgende Antwort: „Was ist geschehen. Drahtet Gesundheit Markus. Beunruhigt." Diesem Telegramm folgt eine Antwort: „Markus vollkommen gesund. Kommet. Spack." Mehr tot als lebendig kommt Frau Biber, die Mutter unseres Helden, an, eine ältere, noch schöne Dame mit einem Ridicule in der Hand. Sie fällt dem Sohn um den Hals und dankt Gott dafür, daß sie ihn noch am Leben findet. Wenn sie unterwegs vor lauter Nachdenken nicht gestorben sei, so ist es ein Zeichen, daß sie noch lange leben würde! Zehntes Kapitel Alle drei Personen gehen an ihre diplomatische Arbeit heran Obwohl Spack ein ganz nüchterner Mensch ist, versteht er noch mehr von Diplomatie als Biber. Er verschwieg den ganzen Roman vor Madame Biber, er führte nur die beiden Frauen unten im Restaurant zusammen, — das war alles. Es wurde schon nicht mehr leicht, die Frauen voneinander zu trennen. Die alte Frau Biber dachte für sich: Wenn Gott mir so eine Schwiegertochter schenken möchte, was könnte ich noch mehr von ihm verlangen? Ihr könnt euch nun leicht die Rührung der alten Frau vorstellen, als Spack sie diplomatisch von allem unterrichtete, und als ihr der liebe Markus gestand, er wäre in Madame Fein sterblich verliebt und warte nur auf ihr Einverständnis. Die alte Frau Biber fiel ihrem Sohne wieder um den Hals und dankte Gott für die Freude, nach der sie sich so lange gesehnt hatte. — — — Freilich, die Partie ist nicht aus ihrem Kreis, aber wer würde darauf achten? Die Welt ist jetzt anders geworden. Gebe Gott, es soll zum Glück sein.