Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 22 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 22 DIE^ELT 475 russisch, und solche, die deutsch, d. h. nicht ganz deutsch, nur ein höheres Halbdeutsch sprechen. Unser Held nimmt seinen Überrock ab, legt den Zylinder fort und setzt sich auf den leer gebliebenen Platz am Tisch. Sein Visa-vis ist ein Mann mit einem roten Gesicht, in roter Krawatte und in einem engen Kragen. Der Kragen drückt ihn so heftig, daß er ihn fast zu erwürgen droht. — Er ist ihm einewahre Plage, aber niemand braucht etwas davon zu erfahren. — — Lieber will er im stillen leiden, lieber die Qualen der Hölle ertragen1 als auf diesen Kragen und diesen schönen Schlips verzichten. Bevor unser Held seinen Platz einnimmt, verneigt er sich, wie es die Etikette erfordert, gegen sein Vis-ä-vis, den Mann mit dem engen Kragen, und dadurch ist ihre Bekanntschaft geschlossen. Markus Biber findet es für angebracht, sein Vis-ä-vis darüber aufzuklären, daß er, Markus Biber, sich in diesem jüdischen Restaurant zum erstenmal befindet und daß er im Qrand-Hotel abgestiegen sei. Hierher kam er nur wegen Schewuoth, eigentlich nicht nur wegen Schewuoth selbst, sondern wegen der Blinzes. — He! he! he! entgegnet ihm der junge Mann mit dem engen Kragen und wird noch röter und schaut ihm in die Augen. — Bei den Fischen wird unser, Held noch redseliger: „Ausgezeichnete Fische, schon lange habe ich solche Fische nicht mehr gegessen. Die jüdischen Fische haben einen ganz besondern Qeschmack. Leben sollen die Juden mit ihren Leckerbissen und Spezialitäten! Ich bin, wie Ihr mich hier seht, kein koscherer Jude, aber am koscheren Essen halte ich fest, und während der Feiertage erst recht. Am Feiertage esse ich ausschließlich Koscheres. Ich würde kein Stückchen jüdischer Fische für alle Ihre Mayonnaisen fortgeben, oder z. B. ein Stückchen jüdischen Suppenfleischs für alle diese goischen Beefsteaks, Rumpsteaks, Rostbraten, Roastbeefs usw. Denn wollen wir uns darüber nicht täuschen: was könnte besser munden als ein mit Fett und Mehl gefüllter Geflügelhals, oder Teig mit Leber, Nieren mit Klößchen vermischt. Oder eine jüdische Suppe mit Mandeln, mit Klößchen, mit Kreplech? Ha? Was sagt Ihr dazu?" Der junge Mann mit dem engen Kragen schweigt. Was soll er denn sagen, — wehe ihm, er atmet ja kaum. Und Biber kehrt zu seinen jüdischen Fischen zurück und redet immer lauter, denn alle am Tisch unterhalten sich von den Fischen. Sie können gar nicht genug diese Fische loben, wie auch die Wirtin, diejenige, die sie gekocht hat, Madame Fein. „Sehnt man sich nach einem Stück guter Fische, so soll man zu Madame Fein gehen," — sagt ein Jude mit dicken Lippen. „Will einer Genuß am Essen haben, dann soll er nur bei Madame Fein essen," meint ein anderer Jude, der furchtbar schwitzt. „Ich speise schon vier Jahre bei Madame Fein," sagt ein junger Mann, dem der Hut beim Essen hin und her wackelt. Mit einem Worte, man vernimmt von allen Seiten nichts anderes wie Fein, Fein, Fein, .... und da kommt sie selbst, die Madame Fein. — Fünftes Kapitel Willkommen seid ihr, Blinzes! Ins Zimmer tritt Madame Fein mit einem großen befolge: Von der einen Seite ihre alte Muter, von der andern das junge Schwesterchen und hinterher ihre beiden Kinder, die Gymnasiasten. In festlicher Kleidung und festlich gestimmt tragen sie große Platten mit heißen Blinzes, deren Duft sich im ganzen Saale verbreitet. Und es schien, als ob ein Sonnenstrahl plötzlich ins Zimmer hineindränge, — und ein Lächeln zeigte sich auf allen Gesichtern. Madame Fein, einfach, freundlich und heimisch wie eine Schwester, geht an jeden Gast heran; jedem hat sie etwas zu sagen, was sein Herz erwärmt, — und aller Augen lachen ihr entgegen, und alles um . sie lacht und freut sich. Unser Held, der, wie unsere Leser bereits wissen, ein großer Liebhaber von jüdischen Spezialgerichten war, faßte diesmal die Wirtin fest ins Auge und konnte sich an ihr gar nicht sattsehen. Er weiß nicht, warum es im Zimmer plötzlich so hell und um sein Herz so warm und freudig wurde. Sie wechselten miteinander kein Wort; er erhob sich nur von seinem Platz, und sie schenkte ihm einen gnädigen Blick aus ihren lichten, lachenden Augen; er fühlte etwas Fremdes, ihm bisher noch Unbekanntes in seiner Seele erwachen. „Seid willkommen, Blinzes!" wendet er sich an sein Vis-ä-vis, und er empfindet dabei, es sei nicht das, was er sagen wollte. Er sieht nicht mehr den Mann mit dem engen Kragen und dem dummen Gesicht. Er verzehrt Blinzes, läßt Madame Fein nicht aus den Augen und redet ununterbrochen weiter. „Wie gefällt Ihnen die Wirtin? Könnten Sie in ihr die Wirtin eines Gasthauses, eines Restaurants vermuten? Sieht sie nicht wie eine Gräfin aus? Wie eine Königin? Was meint Ihr?" Der junge Mann mit dem engen Kragen schweigt. Er wird noch röter und schwitzt. Und unser Held schwört auf seinen Namen Biber, daß er nun eine nähere Bekanntschaft mit Madame Fein schließen werde. Sechstes Kapitel Der Held vertauscht seine Wohnung im Grand-Hotel mit der 21b, III. Stock, links Ich glaube, keiner meiner Leser nimmt daran Anstoß, daß mein Held, Markus Biber, Chef der Firma „Biber, Spack & Cie.", sofort nach Schewuoth vom Grand-Hotel nach der Wohnung Nr. 21b, dritter Stock, links, mit seinem ganzen Gepäck übersiedelte. Freilich ist das Grand-Hotel luxuriöser, eleganter. Dafür hat er sich noch nirgends so heimisch und wohl gefühlt wie hier unter diesen einfachen Menschen. Markus Biber schloß mit den beiden Kindern, den Gymnasiasten Herzel und Mischa, Freundschaft, spielte mit ihnen ihre Kinderspiele, war auch mit dem kleinen Schwesterchen von Madame Fein gut, und sogar für das Großmütterchen, das mit silberner Brille über einem großen Siddur sitzt, hat er ein Wort übrig. „Großmütterchen, Ihr hört ja nicht auf zu beten." — „Ich bete schon für meine Kinder und Enkelkinder." — „Dann betet, Großmütterchen, auch für mich mit!" Das Großmütterchen schaut ihn durch die silberne Brille an und schweigt. Mit einem Worte, unser Held fühlte sich hier so heimisch, daß er gar nicht daran dachte, nach seinem Hause zurückzukehren, trotzdem seine Geschäfte seine Anwesenheit erforderten. Geschäfte!? Welche Geschäfte wären imstande, ihn von hier, wo er schließlich sein wahres, einziges Ideal im Leben fand, fortzujagen? Wie und wann es geschehen ist, weiß