Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 22 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Laßt ihn, er trachtet nach Ruhe,;inach einem Mittagsschläfchen. Die Hauptsache ist doch das gute Essen. Gut essen und gut schlafen, — was meint ihr? — Es. ist nicht gering zu schätzen-- Ich weiß nicht, welche Philosophie mein Held vertritt, — vielleicht ist er selbst mit seinem eignen Verstand zu der Überzeugung gelangt, daß das Menschenleben von so kurzer Dauer und die Welt so närrisch ist, daß eine Tasse schwarzen Kaffes mit einer Havanazigarre nach einem guten Mittagessen sehr wohl schmeckt und die Verdauung fördert,--daß wohl demjenigen, der beizeiten diese Überzeugung gewinnt, solange noch der Magen verdaut und der Schlaf nicht versagt. Möget ihr auch sagen, es sei ein Philistergedanke von einem Diesseitsmenschen, so werde! ihr aber doch nicht leugnen können, daß es ein Qedanke ist. — Ich bin mit dem Wort „Diesseitsmensch" sehr zufrieden, — denn es scheint mir das richtige Wort für meinen Helden zu sein. Markus Biber ist eben ein Diesseitsmensch. Er ist der Meinung, daß nicht alle sich mit derselben Sache befassen können. Es gibt Leute, die sich mit dem Jenseits befassen, — das ist ihre Sache. Biber, wenn er in einem neuen Ort ankommt, sieht sich zuerst nach einem ruhigen säubern Zimmer in einem guten Hotel um, und gleich darauf sorgt er für das Essen. Während die andern Passagiere herumlaufen, — die einen, um sich die Stadt anzusehen, die andern in Geschäftsangelegenheiten, — findet ihr Biber sicher entweder im Bahnhofsbüfett mit der Gabel in der Hand bei den Appetitbrötchen und Fläschchen oder mit einer weißen Serviette um den Hals im Restaurant am Tisch sitzend, in das Studium der Speisekarte vertieft. — Ihr seid also jetzt mit meinem Helden ein wenig bekannt. Die höchste Zeit, die Heldin des Romans kennen zu lernen. — Zweites Kapitel Stellt die.Heldin desRomans vor Sie ist noch eine ganz junge Frau und heißt Fein. Sie besitzt ein Gasthaus und hat zwei Kinder, die das Gymnasium besuchen, und eine alte Mutter, die in silbernen Brillen über einem großen Siddur sitzt und betet, und auch ein kleines Schwesterchen, das ihr im Geschäfte behilflich ist. Wenn sich ein Gast bei der Fein auch nur einmal aufhielt und eine Nacht übernachtete, oder eine Kleinigkeit zu sich nahm, oder mit ihr ein paar Worte wechselte, wird er nächstesmal sicher nicht irgendwo anders absteigen. Und nachdem' er fort ist, behält er noch lange, lange ihre Züge, ihre- Gestalt mit allen ihren Bewegungen und ihre Augen in der Erinnerung fest. Wenn ihr mit ihr redet und ihr in die Augen schaut, kommen euch alle Schönheiten der Bibel in den Sinn, so wie sie einst in eurer jungen Phantasie gelebt haben,---und ihr macht Vorwürfe dem lieben Gott: Was hätte es dir geschadet, wenn alle Frauen dieser Welt ihr ähnlich wären? Diese Welt hätte dann ein ganz anderes Aussehen, es würde ja eine wahre Freude sein, in einer solchen WTelt zu leben! Ja, eine Freude ist es, mit der Frau zu reden, ihr in die Augen zu schauen, ihre Stimme zu vernehmen, ihre Hände zu sehen, — ah, diese Hände! Was sie anfaßt, wird zu reinem Gold, alles glänzt und schimmert, alles lebt in ihren Händen auf, und wohin sie kommt und , wo sie stehen bleibt, wird es hell, und zieht sie ein Kleid an, so singt es, und geht sie durchs Zimmer, so lachen die Wände. Alles um sie lebt, alles singt um sie und freut sich. Das ist unsere Heldin, die Wirtin des Gasthauses und des jüdischen Restaurants, das sich in einer der Seitengassen der großen Stadt N., "im Hause 21b im Hof, III. Stock links, befindet. — Drittes Kapitel Die geheimnisvolle Person in einer Equipage, im Zylinder und mit einem Regenschirm, — eine Art Sherlock Holmes In einer der Seitengassen der Stadt N., von der im vorigen Kapitel die Rede war, fährt eine Equipage. Drin sitzt ein eleganter Herr im Zylinder und mit aufgespanntem Regenschirm, trotzdem der Himmel klar wie Gold ist. Der Wagen bleibt an einem der schönsten Häuser stehen, der Herr springt aus dem Wagen heraus, guckt sich nach allen Seiten um, bezahlt hastig den Kutscher und winkt ihm wortlos mit der Hand wie einer, der sagen will: Ich brauche dich nicht mehr, kannst weiterfahren. — Der Wagen kehrt um und fährt fort, und der elegante Herr geht zurück, zählt die Nummern ab und bleibt bei einem großen alten Hause mit schwarzen, verrauchten Wänden, Nr. 21b, stehen. Er zieht aus der Tasche ein elegantes, weißes Buch aus Elfenbein hervor und liest still für sich: 21b, im Hof, III. Stock. Er läutet am Tor und tritt in einen großen, viereckigen Hof, der einem Kasten gleicht, betrachtet die Wände, Türen, Fenster und erblickt ein weißes Brett mit der Inschrift: „Koscher." O, o! hier ist es, sagt er zu sich, und in seinen Augen leuchtet es auf, seine Lippen umspielt ein zufriedenes Lächeln wie bei einem Menschen, der das Gesuchte gefunden hat. Mit hastigen Schritten klettert er die drei Treppen hinauf und findet hier drei Türen vor: eine ihm gegenüber, eine rechts und eine links. An der linken Tür sieht er noch einmal dieselbe Inschrift: „Koscher." Er schöpft Atem, wischt die Stirn ab und zieht dann die Glocke. — Hier aber müssen wir auf eine Weile unterbrechen, um den Leser über die geheimnisvolle Gestalt aufzuklären: warum er so geheimnisvoll gefahren ist, warum er die Nummern zurückzählte, weshalb war seine Freude so groß beim Anblick des Wortes „Kos eher"? ---Lieber Freund, das ist nicht Sherlock Holmes? das ist unser Held Markus Biber, Chef der Firma „Biber, Spack et Co.". Und es geschah am ersten Tage der Schewuoth, wenn alle Juden der ganzen Welt heiße Blinzes essen. — Viertes Kapitel Jüdische Fische, Blinzes und ein junger Mann im engen Kragen Unser Held befand sich noch vor der Tür, als er bereits den Duft der jüdischen Fische verspürte, den Duft, der sich auf eine Quadratmeile verbreitet. Es liegt im Wesen der jüdischen Fische, daß sie sich vor der ganzen Welt rühmen: „Unsere Hochachtung! Wir jüdischen Fische sind den andern Fischen nicht gleich, wir werden nur von den Juden verspeist, und man füllt uns mit Gewürzen, und pikant sind wir! ..." Er tritt in einen großen lichten Saal. Die weißen Wände sind mit Qrünem behängt, der lange, weißgedeckte Tisch mit Blumen geschmückt, und um ihn herum sitzen Juden in Hüten und ohne Hüte, bärtige und bartlose, solche, die jüdisch sprechen, solche, die