Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 22 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Mo. 22 DIE ELT 473 Opfer zustande kommen kann, im Gegenteil für alle dabei Interessierten nur Nutzen und Vorteil bringen kann, einerseits dem assekurierenden jüdischen Publikum, anderseits dem großen Stab von intelligenten Kräften, die bei solchem Unternehmen Arbeit und Verdienst finden werden, und vorzugsweise dem jüdischen Volksinteresse überhaupt, und in erster Linie der jüdischen Kolonisation im Oriente. Diese Gedanken habe ich in einer obwohl späten Stunde und vielleicht ungelungenen Form auf der letzten Jahreskonferenz in Köln vorgetragen. Um wahrscheinlich die Sache los zu werden, ist auch eine Kommission (ohne ein Budget) eingesetzt worden, die die Angelegenheit auf sich ruhen ließ. Durch die Veröffentlichung an dieser Stelle möchte ich die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf dieses Problem lenken, und wenn ein kleiner Kreis ernster Unternehmer Interesse daran genommen hätte, so würde die Realisierung dieses wichtigen Problems nicht besonders schwer sein. Von vorneherein würde sich eine allgemeine jüdische Assekuranzgesellschaft kaum durchführen lassen, weil in verschiedenen Ländern spezielle gesetzliche Bestimmungen über die Art der Anlage der Prämienreserven von Assekuranzgesellschaften in erststelligen mündelsichern Hypotheken innerhalb der Grenzen des betreffenden Landes bestehen. Der Anfang müßte mit der Errichtung einer jüdischen Versicherungsgesellschaft im Gebiete des ottomanischen Reichs gemacht werden, und laut eingeholten Erkundigungen in Konstantinopel würde von Seiten der leitenden Kreise einem Entstehen eines solchen Unternehmens mit Vergnügen entgegengesehen werden, und es dürfte wahrscheinlich auf ein günstiges Entgegenkommen reflektieren. Nachdem die Gesellschaft festen Fuß im Orient gefaßt haben würde, könnte man an eine Gebietserweiterung auf die jüdischen Zentren in Rußland, Galizien und Rumänien denken. Ich bin am Schluß meiner Betrachtungen. Es ist gar nicht daran zu denken, daß ich hier eine erschöpfende Darstellung aller der Methoden und Wege, die zur Schaffung von Kapitalien, die dem Zwecke: Finanzierung palästinischer Kolonisationsbestrebungen dienen können, biete; ich erhebe auch durchaus keinen Anspruch, irgendwelche neue Entdeckungen auf diesem Gebiete gemacht zu haben, ich wollte nur die in unserer Mitte schwebenden Gedanken konkret und schematisch zusammenfassen, um dadurch dieselben auf die Tagesordnung des öffentlichen Interesses näher zu stellen. Auf alle Fälle sollte hier der Grundgedanke bewiesen sein, daß bei einigermaßen ernstem Wollen und gewisser Organisationsfähigkeit zur Realisierung der Probleme der jüdischen Volkswirtschaft der größte Teil derjenigen Methoden in Anwendung gebracht werden kann, die bei andern Völkern längst mit großem Erfolg erprobt sind. Wilna, Februar 1909 B. Goldberg O ([□ □ □ □ □ □ o o IV n FEUILLETON □ □□□□□"]) O DIE BLINZES *) Ein Roman zu Ehren der Schewuoth Von Scholem Aleichem Aus dem Jüdischen übertragen von H. H. Erstes Kapitel (handelt von Nebensachen, vom Tanz, vom Essen, von dieser und nicht von jener Welt und von lauter solchen Dingen) Ich habe die Ehre, Ihnen den Helden meines Romans» Markus Biber, Chef der Firma „Biber, Spack & Cie.'S vorzustellen. Genau kann ich Ihnen nicht sagen, was für Geschäfte diese Firma betreibt, — es ist mir nur bekannt, daß Markus Biber, der Chef der Firma „Biber, Spack & Cie.", ein reicher Kaufmann ist, ein gesunder Kerl, ein lieber Mensch, wie man es selten trifft, und dazu noch ein Junggeselle. Schadchonim! Freut euch noch nicht! — Markus Biber hat das Wort gegeben, niemals zu heiraten. Man erzählt, daß Markus Biber in seiner Jugend ein sehr eleganter Kavalier war, von allen „der hübsche Markus" genannt, der sich durch seine Tanzkunst berühmt gemacht hat. Und es galt bei den Mamsells als eine große Ehre, von dem hübschen Markus zum Tanze aufgefordert zu werden. (Welches Mädchen schwärmt aber nicht dafür, mit einem hübschen Kavalier zu tanzen?) Und was ist denn dabei Böses? Mit wem sonst sollen die jungen Mädchen tanzen? Ich und ihr, wir sind doch zu alt dazu, wir sind auch schon verheiratet und haben die Sprache des Tanzes schon längst vergessen. Es ist eine ganz sonderbare Sprache, und man muß sie verstehen. — Unser Held Markus Biber konnte ohne Unterbrechung eine Stunde lang sich im Tanze schwingen, und während dessen überschüttete er seine Dame mit schönen Phrasen wie mit Blumen: Eins, zwei, drei — — Sie schweben wie ein Vogel — — eins, zwei, drei---Ihre Figur ist wie ein Traum usw. *) -Mehlspeise, ein Spezialgericht bei den russischen Juden während der Schewuoth. Man muß es verstehen, sich den Damen gegenüber zu benehmen und worüber und wie sich mit ihnen zu unterhalten. Ich weiß es aus eigner Erfahrung: Ich war einmal in einer Gesellschaft, in der ich den schönsten Damen der Stadt als Schriftsteller und Humorist vorgestellt wurde. Ein Kranz von Damen und Mädchen umzingelte mich und lauschte meinen Worten. Und ich sprach von — Literatur. Meine Damen lächelten mir zuerst sehr liebenswürdig zu, hinterher fingen sie an, einander Blicke zuzuwerfen, — — noch eine Weile, — und ich bemerkte, wie sie sich bemühten, ihr Gähnen zu unterdrücken. Der Schluß war, daß ich ganz allein und verlassen dastand wie Robinson Crusoe, und alle meine Damen haben sich in einem Winkel um einen stattlichen, hübschen Mann versammelt und lachten so laut und vergnügt, daß es eine wahre Freude war, von weitem zuzuhören. Ich wünschte dem jungen Manne vorgestellt zu werden. Man stellte mich ihm vor. Sein Name war Markus Biber. Er ist nicht mehr der gleiche Markus Biber von einst. Mit seiner Schönheit ist es jetzt aus. Doch ist er noch heute ein feiner Kerl: elegant gekleidet, stets aufgeputzt, sorgfältig rasiert und stark parfümiert, trägt ständig eine kleine Bürste mit sich, um den schönen Schnurrbart zu stutzen, wie auch einen Taschenspiegel, in den er ab und zu einen schnellen Blick wirft, — in seinem grünen Schlips steckt eine rote Nadel, — auf seinem Finger schimmert ein Brillant. Und so wäre alles gut, wenn nicht die weiße Platte auf dem Scheitel, die immer größer und größer wird, und wenn nicht das Bäuchlein wäre, das immer mehr und mehr hervordringt. Und er selbst fühlt sich mit jedem Tage schwerfälliger, gar nicht derselbe wie einst. Wer redet jetzt von Damen, Mädeln und Tänzen — —?