Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 22 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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472 DIE ELT No. 22 :r.f. fr * f ,5t jr1 % i .Talire und da befinden sich Tabellen, die das Bild der ununterbrochenen Entwicklung dieses Instituts für die letzten 20 Jahre vorzuglich illustrieren. Die jährlichen Einnahmen (Prämien und Zinsen aus eigenen Kapitalien) betragen (urn nicht zu viel Ziffern anzuhäufen, nehme ich dieselben in Intervallen von 3 Jahren) in Tausenden Mark 1888 1891 1894 1897 1900 1903 1906 1907 8.551 15.073 26.468 46.589 71.370 95.080 123.737 132.064 In einem Intervall von zwanzig Jahren haben sich die Einnahmen sechzehnfach vergrößert. Das eigene Kapital der Gesellschaft „Viktoria" ist ganz analog gewachsen. Folgende kleine Tabelle gibt darüber den besten Aufschluß. Es betrug jn Millionen Mark jihre 1888 1891 1894 1897 1900 1903 1906 1907 36,6 57,8 95,4 159,3 271,2 424,4 606,3 645,1 Das Vermögen der Gesellschaft ist weithin in noch höherem Maße gewachsen als die Einnahme; von kaum 37 Millionen Mark ist es im Laufe von 20 Jahren auf ein' Riesenkapital von 645 Millionen angestiegen. Und dieses angesammelte, stets wachsende Kapital der „Viktoria" bildet jetzt in Deutschland einen nicht zu unterschätzenden Faktor des ökonomischen Lebens des Landes. Die Gesellschaft „Viktoria" z. B. verwendet den überwiegendsten Teil ihres Vermögens (mehr als 5|«) auf hypothekarische Beleihung von Immobilien. Von den angesammelten 645 Millionen retourniert dieselbe nicht minder als 553 Millionen zurück ins Land in Form von langfristigen Hypothekenanleihen. Die deutschen Städte hätten nie solch einen blühenden Zustand erreicht, hätten nie solche Viertel von Palasthäusern, von verhältnismäßig billigen Wohnungen mit den allerbesten Errungenschaften der modernen Technik in bezug auf Kanalisation, Wasserversorgung, Beleuchtung usw. aufweisen können, wenn nicht zur Verfügung des deutschen Unternehmens in so reichlichem Maße und zu so billigem Zinsfuß Hunderte von Millionen der Volksersparnisse in Form von Hypothekkredit gestanden hätten. Ebenso verhält es sich mit der deutschen Landwirtschaft, der deutschen Industrie, die nie eine solche Höhe von technischer Vervollkommnung erlangen könnten, wenn der Unternehmungsgeist des deutschen Ingenieurs, des deutschen Technikers die reichliche Zuführung von den Hunderten Millionen der angehäuften Kapitalien der Ersparnisse der Assekuranzgesellschaften sich nicht zu Nutzen machen könnte. Die Volksersparnisse im allgemeinen, und ganz speziell die in den Assekuranzgesellschaften zentralisierten Kapitalmengen, bilden anerkannterweise bei sämtlichen Kulturvölkern gegenwärtig einen wichtigen Hebel der Volkswirtschaft. Einen ganz analogen Hebel der ökonomischen Hebung der jüdischen Volkswirtschaft könnte auch zweifelsohne das Kapital einer großangelegten jüdischen Assekuranzgesellschaft werden. Und wenn das Gefühl und das Bewußtsein der jüdischen nationalen Solidarität nicht so atrophiert gewesen wären und als positiv wirkende Momente^ sich äußern könnten, so könnte der jüdische Versicherte durch Übertragung seiner Versicherung an eine jüdische Assekuranzgesellschaft, ohne im geringsten seinen Privatinteressen in irgendwelcher Weise Abbruch zu tun, zur Anhäufung eines großen Millionenkapitals in denHänden eines jüdischen Volksinstituts beitragen, und von diesem aufgesparten Kapital könnte ein Teil für gesicherte, garantierte Unternehmungen allgemeinjüdischen Charakters dienstba? gemacht werden. Wir sehen nicht ein, warum jüdische Volksersparnisse nicht für jüdische Kolonien, jüdischen Agrarkredit, jüdische Agrarbankobligationen und andere analoge gesicherte Kreditobjekte verwendet werden sollen, in derselben Weise wie dieselben jahraus, jahrein für den Bau von prächtigen Häusern in New York, London, Berlin, Wien, Petersburg, Moskau und anderen Orten gebraucht werden. Solche Finanzinstitute wie Assekuranzgesellschaften haben noch den gewaltigen Vorzug des wachsenden Konzentrierungsvermögens und dadurch der Gewinnung eines ganz besondern, stets steigendeu, innewohnenden mächtigen Einflusses als kapitalistischer Machtfaktor. Ein tüchtiger Kapitalkern hat die Eigenschaft, weitere Kapitalien an sich heranzuziehen und so seine kapitalistische Kraft zu immer weiterer Ausdehnung zu bringen. Wir haben das aus den wenigen ziffermäßigen Angaben, die wir den Bilanzen der „Viktoria" entnommen haben, sehen können. Und schließlich können wir dies an unsern eigenen erprobten Beispielen ersehen. Wenn wir uns einst in den ersten Jahren des politischen Zionismus etwas angestrengt haben und das Kapital für eine Bank, für unsereJüdische Kolonialbank aufgebracht haben, so haben wir jetzt in derselben ein Institut, das der Mittelpunkt unserer Bewegung geworden ist, und seine finanzielle Bedeutung ist derartig, daß der Betrag der jährlich unbehobener Dividenden in den letzten Jahren größer war als den Gesamtbetrag unserer Schekeleinnahmen der ganzen Weltorganisation. Und dabei war das für die Kolonialbank gesammelte Kapital gar nicht so bedeutend, es betrug summa summarum sechs bis sieben Millionen Francs, und dies bescheidene Kapital gab uns die Möglichkeit, ein ganzes Netz von Filialen in Palästina zu eröffnen und entschiedenen Einfluß auf das ökonomische Leben Palästinas zu gewinnen und aus seinen Erträgen solche große Schritte zu unternehmen, wie die Waadelarisch-Expedition und dergleichen. Und wenn wir das Bedürfnis hatten, in Konstantinopel ein finanzpolitisches Institut ins Leben zu rufen, so war wieder unsere Kolonialbank dazu berufen. Und deshalb kann manmitgroßerWahrscheinlichkeit die gesicherte Behauptung aufstellen, daß die Bildung eines großen kapitalistischen Instituts in Form einer allgemeinjüdischen Assekuranzgesellschaft unter vollkommener Bewahrung und Sicherstellung der Privatinteressen der Versicherten eine neue epochemachende Erscheinung in der zionistischen Bewegung sowie in den allgemeinen jüdischen Vereinheitlichkeitsbestrebungen bilden würde. Für jedes großangelegte, rationelle, lebensfähige, kommerziell gesicherte Unternehmen allgemeinjüdischen Charakters würden sich dazu die nötigen Millionen bereit finden. Als derartige Unternehmungen lassen sich momentan denken außer dem Hypothekenkredit zur langfristigen Beleihung von jüdischem Boden für Kolonien und Großwirtschaften in Palästina noch z. B. Teilnahme an Terrain- und Baugesellschaften zur Aufführung von modern eingerichteten jüdischen Vierteln in Jerusalem, Haifa, Konstantinopel, Salonik, Smyrna, Beirut usw., Teilnahme an einer jüdischen Dampferlinie, die die Bedürfnisse der jüdischen Emigranten besonders berücksichtigen könnte, und analoge andere. Wenn ein jüdisches Kapital in einer jüdischen Assekuranzgesellschaft angehäuft würde, würde dasselbe zweifelsohne bei Veranlagung seiner Reserven Unternehmungen allgemeinjüdischen Charakters, gleiche Sicherheit und Garantien vorausgesetzt, den Vorzug geben, Die Errichtung einer allgemeinjüdischen Assekuranzgesellschaft würde eigentlich nur bedeuten, einen konkreten planmäßigen Versuch, einen Teil der jüdischen Kräfte, der jüdischen materiellen Mittel zu zentralisieren und die Möglichkeit zu schaffen, im Falle der Notwendigkeit für jüdische Volkszwecke dieselben bereit zu halten. Mir will es scheinen, daß die zionistische Bewegung bereits den Boden für ein solches nationales Unternehmen aufgelockert hat und unsere Organisation, die über die ganze jüdischen Welt ausgedehnt ist und überall ihre Vertreter hat, gerade dazu berufen ist, einen Teil ihrer organisatorischen Kräfte für die Realisierung dieses Problems auszuscheiden. Bei diesem Unternehmen werden keine neuen Beiträge geschaffen, keine neue Besteuerung unserer jüdischen Bürger eingeführt, es ist nichts anderes als eine Änderung der Richtung eines Teiles des Stromes der Veranlagung der jüdischen Volksersparnisse. Es ist auch klar, daß dies als eine der Methoden „der alljüdischen Konzentration" Furcht und Angst den maskierten schamhaften Assimilatoren einzujagen imstande ist und Schamröte auf ihren Gesichtern hervorbringen kann; für uns Zionisten sowie für alle nationalgesinnten Juden hat dieselbe schon längst aufgehört, ein Schreckensbild zu sein, im Gegenteil betrachten wir jede Konzentration jüdischer Kräfte nicht nur für unschädlich, sondern für ein segenbringendes und schaffendes Element. Weiter behaupten die fachmännischen Assekuranztechniker, die der Sache etwas näher getreten sind, daß bei einer jüdischen Assekuranzgesellschaft, die vorzugsweise jüdische Klientur zu berücksichtigen hat, sich für die Versicherten allein ganz besondere Vorteile im Vergleich mit andern Gesellschaften bieten lassen; z. B. als Grundlage für die mathematische Berechnung der Prämientabellen kann die jüdische Mortalität gesetzt werden, die bekanntlich überall viel niedriger ist als die der allgemeinen Bevölkerung, dadurch würde eine wesentliche Verbilligung der Prämienzahlung stattfinden können. Weiter würde auch die ungemein große Beweglichkeit der Juden Berücksichtigung finden und die Übertragung der Assekuranz aus einem Land in das andere leicht gemacht werden; dann würden Erleichterungen im Falle speziell jüdischer Katastrophen, wie Pogrome, zwangsweise Auswanderungen u. dergl., vorgesehen werden können. Mit einem Worte, es könnten die speziellen Bedürfnisse der jüdischen Klientur in hervorragender und für dieselben vorteilhafter Weise berücksichtigt werden. Ich kann mich hier allerdings nicht in weitere Details einlassen, ich wollte nur betonen, daß die Gründung und Inbetriebsetzung einer jüdischen Assekuranzgesellschaft ohne irgendwelche materielle