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Die Welt · 1909-05-21 · 21 (21.5.1909) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
21 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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„Meine Wirtin teilt mir täglich mehr aus", fügte er wie zur Entschuldigung hinzu. Die beiden begaben sich eines Abends nach Scheitels Laden. Der hoffnungsvolle Bräutigam trug zur Feier des Tages einen zerknüllten seidenen Hut und einen fadenscheinigen Qehrock. Unwillkürlich mußte er an den Tag denken, an dem er seiner ersten Frau zugeführt wurde. Doch der melancholische Ausdruck seines Gesichts wich auch bei dieser Erinnerung nicht. Scheftel begrüßte sie mit traurigem Gesichte. „Nun", sagte der Synagogendiener, „jetzt sollten Sie doch glücklich sein". „Ich wünschte, ich könnte es sein," erwiderte Scheftel mit einem Seufzer. Er holte eine Flasche Whisky hervor und ein paar Gläser, und sie stießen auf „viel Glück dem Brautpaare" an. Der Witwer fand, daß der Whisky sehr stark sei und aß etwas Kuchen nach. Nach einer Weile fiel ihm die Braut ein. „Wo ist sie?" fragte er schüchtern. „Kommen Sie, ich will Sie führen", sagte Scheftel, und er ging den Weg nach oben voran. Der Synagogendiener blieb im Laden. „Was, im Bett?" rief der Bräutigam im Flüsterton aus, als Scheftel die Tür des Schlafzimmers öffnete, und wich zurück. „Sst", sagte Scheftel, „vielleicht schläft sie." Die Pflegerin machte ein Zeichen mit dem Finger. Ihnen ahnte nichts Gutes. „Sie atmet noch", sagte sie. Scheftel lief schnell aus dem Zimmer, machte die Türe hinter sich zu und rannte in den Laden hinunter. „Den Raw!" rief er dem Synagogendiener zu, „schnell, bringen Sie ihn her." Dieser gehorchte sofort und kehrte nach kurzer Zeit mit dem Rabbiner zurück. Scheftel führte den Rabbiner hinauf, der Synagogendiener blieb wieder zur Bewachung des Ladens zurück. Der melancholische Witwer atmete beim Eintritt der beiden erleichtert auf. Sein Gesicht war fast so bleich wie das auf dem Kissen. Scheftel näherte sich dem Bett und beugte sich über die bewegungslos daliegende Gestalt, seiner Schwester. „Braine", schmeichelte er, „Brainele." Die tiefliegenden Augen sind halb geöffnet. „Willst du nicht heiraten, Brainele?" fragte er zärtlich. Ein schwaches Lächeln huschte über die verdorrten Lippen. „Hier ist der Bräutigam", sagte er. Ihr Blick fiel auf das melancholische Gesicht des Witwers. Eine kurze Besprechung fand statt, dann zog Scheftel einen goldnen Ring hervor. Er hatte ihn wohl schon zehn Jahre oder länger aufbewahrt. Endlich sollte er an Braines Finger glänzen. Der Rabbiner vollzog mit langsanier trauriger Stimme die Trauung und machte die „Broche" über ein Glas Wein. Braine hörte wie im Traume zu, ihre Augen starrten ins Leere, ihre Hand lag kraftlos auf der Bettdecke. Der Bräutigam nahm den Ring von Scheftel und steckte ihn an einen Finger der kraftlos auf der Bettdecke ruhenden Hand. Dabei murmelte er: „Siehe, du bist mir angetraut durch diesen Ring nach dem Gesetze von Moses und Israel". In Braines Augen leuchtete es einen Moment wie vor Glückseligkeit auf —, aber im nächsten Augenblick sank sie ganz in sich zusammen. „Brainele," sagte Scheftel, „weißt du, wie dein Mann heißt?" „DerTod", hauchte Braine mit ihrem letzten Atemzug. □ □ in SPRECHSAAL □! DI DI (Diese Rubrik für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Zum Organisationsstatut Von Dr. M. Pachtman, Drohobycz Der am 15. März stattgefundenen Sitzung des Großen A. C. hat Herr Dr. Bodenheimer den Entwurf eines Organisationsstatuts vorgelegt und gleichzeitig diesen Entwurf der öffentlichen Kritik unterbreitet. Da ich mit Herrn Dr. Bodenheimer in der Ansicht tibereinstimme, daß ein großer Teil des Mißerfolges unserer Propaganda in der mangelhaften Organisation zu suchen ist (ich habe dieser Ansicht in der am 28. Februar 1. Js. stattgefundenen Sitzung des südgalizischen Distriktskomitees Ausdruck gegeben), erachte ich eine Diskussion über das Organisationsstatut nicht nur als geboten, sondern als unerläßliche Vorbedingung der Schaffung eines sichern Fundaments für unsere Bewegung. So sehr ich aber Herrn Dr. Bodenheimer für die Anregung zu einer öffentlichen Diskussion dankbar bin und glaube, daß ihm hierfür die ganze zionistische Partei zu Dank verpflichtet ist, so bedaure ich es, daß ich den Entwurf im allgemeinen und in allen seinen Einzelheiten für nicht vollständig finde. Ich gebe meiner Ansicht in nachstehendem Ausdruck und erbitte mir die Aufmerksamkeit aller Gesinnungsgenossen überhaupt und des E. A. C. insbesondere. Der Rahmen eines Blattes gestattet mir nicht, die Diskussion in eine allgemeine und spezielle zu teilen. Ich folge daher den einzelnen Paragraphen des Statuts, der Leser wird bei Beurteilung meiner Vorschläge sowohl den Entwurf des Herrn Dr. Bodenheimer als auch meine nachfolgenden Bemerkungen vor Augen haben müssen. § 1 des Statuts nennt als Mittel zur Erreichung des Baseler Programms: 1. die zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden; 2. die Gründung und Zusammenfassung der gesamten Judenheit durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach den Landesgesetzen; 3. die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins; 4. vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen. Nun glaube ich: ad 1. Die Aufzählung ist eine taxative, es soll nämlich nach dem Entwürfe die Ansiedelung Palästinas erfolgen „mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden". Diese Aufzählung schließt in dieser Fassung jeden andern Beruf von der Ansiedlung aus. Nun erschöpft aber diese Aufzählung durchaus nicht diejenigen Berufsklassen, deren Ansiedlung in Palästina wünschenswert, vielleicht notwendig wäre. Es fehlen hier Fabrikarbeiter, freie Berufe usw. Ich schlage daher vor, diesen Absatz in der Weise zu ergänzen, daß die Aufzählung nicht taxativ, sondern exemplarisch erfolgt, De;,,Satz ni.üßte dann lauten:

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