Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 21 DIE^ELT 455 „Manchmal", philosophierte sie, „wenn man liebt, kann man ohne Geld heiraten, das Geld kann immer noch kommen, aber hier ist von Anfang an keine Liebe vorhanden." „Wie können Sie das sagen?" erwiderte der Schadchan. „Wissen Sie denn nicht, daß Liebe blind ist, — und ist er nicht blind?" Daraufhin machte Scheftel seiner Schwester klar, daß es keinen Zweck hätte, ooch länger in jenem lieblosen Lande zu bleiben. „Anderer Ort, — anderes Stück", sagte er und versuchte, sie durch dieses hebräische Sprichwort zu trösten. Und so kamen sie nach London. Aber all die Hoffnungen, hier einen Mann für Braine zu bekommen, wurden ebenso schnell zerstört, als sie entstanden waren. In den ersten Monaten ihres Aufenthalts in Londen wurden zwar zwei junge Männer -von einem unternehmungslustigen Schadchan vorgeführt,- aber als diese hörten, wie klein Braines Mitgift war, fanden sie, daß eine Heirat unter diesen Umständen ein zu großes Opfer für sie wäre. Seit jener Zeit arbeitete Scheftel daran, Braines Mitgift zu vergrößern. Und obgleich diese jetzt eine annehmbare Gestalt angenommen hatte, wurde Braines eigne Gestalt unglücklicherweise immer abschreckender, da die Angst ihre Gebrechlichkeit noch verschlimmerte. Die Schadchanim zuckten die Achseln und gestikulierten verzweifelt mit den Händen. Im Anfang hatten sie sich oft gegenseitig auf die Füße getreten in ihrem Eifer, den ersehnten Auftrag auszuführen; aber mit der Zeit gaben sie die Jagd auf. Augenscheinlich waren junge Männer so im Preise gestiegen, daß weder Geld noch Liebe sie erkaufen konnten. Und alle Schadchanim waren sich darin einig, und sie flüsterten es Scheftel über den Ladentisch hinweg ins Ohr, daß Braines Aussichten hoffnungslos wären. Sie war Mädchen und mußte es bleiben. Aber Scheftel hatte sich fest vorgenommen, daß Braine eine Frau werden sollte. Er entfaltete eine unermüdliche Beharrlichkeit und einen starken Optimismus in der Suche nach einem Manne, so daß er sogar sein Geschäft darüber vernachlässigte. Braine dagegen hatte sich schon in ihr Schicksal ergeben: sie war bereit, auch fernerhin unverheiratet zu bleiben. „Scheftele, sagte sie zärtlich, wahrscheinlich ist es Bestimmung, wahrscheinlich ist es der Wille des Allerhöchsten. Und wenn er beschlossen hat, daß ich doch noch heiraten soll, so wird es sicher geschehen. Aber warum machst Du Dir so viel Sorgen deswegen? Hör auf mich und laß die Sache fahren. Wir leben froh und zufrieden beisammen, warum sollten wir versuchen, eine Änderung herbeizuführen?" Mit diesen Worten deutete Braine zart an, daß Scheftel jede Frau so meiden sollte, wie sie von den Männern gemieden wurde. Bei Scheftel aber war jede Anspielung dieser Art nicht vonnöten. Er fürchtete, Braine könnte ihn im Verdacht haben, daß er heimlich auf Freiersfüßen ginge, aber seine einfache unschuldige Seele wäre solch einer hinterlistigen Tat nie fähig gewesen. Sein ganzes Wesen war von dem einen und einzigen Gedanken erfüllt, seine Schwester vor der Sünde zu bewahren, die darin lag, eine alte Jungfer zu sein; denn er war ganz von der überlieferten Lehre seines Glaubens erfüllt, daß eine Frau heiraten und ein Haus in Israel errichten müsse. Dabei fiel ihm nicht ein, daß er selbst dadurch, daß auch er nicht heiratete, einer Tochter in Israel die Gelegenheit nahm, diese schöne Vorschrift zu erfüllen. Solche Logik ging im ab. Das lag daran, daß er fast nie an sich selbst dachte. All seine Pläne und Gedanken drehten sich um seine unglückliche Schwester, der er in edler aufopfernder Liebe zugetan war. Eines Abends, als er aus der Synagoge, die er getreulich morgens und abends besuchte, nach Hause kam, saß Braine, wie gewöhnlich, auf dem Stuhl hinter dem Ladentisch, ihr Kopf aber war tief auf ihre Brust gesunken. Als er sie begrüßte, antwortete sie nicht, und Scheftel fing an, ängstlich zu werden. „Braine", sagte er und ergriff ihre magere, gelbe Hand. Sie kam langsam zu sich und erhob ihr blasses Gesicht. „Was fehlt Dir?" fragte er. „Nichts", erwiderte sie, „ich war müde". Aber Scheftel sah, daß sie Schmerzen hatte und überredete sie, ins Bett zu gehen. Eine Nachbarin, welche gerade hereinkam, half ihm zureden und führte Braine die Treppe hinauf. Ein Arzt wurde gerufen und verordnete Ruhe. Es wäre kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden, sagte er, in einigen Tagen würde Braine wieder gesund sein. Scheftel pflegte seine Schwester in aufopfernder Weise und war bemüht, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, und wenn es auch noch so launenhafte waren. Er wachte über sie wie über ein hilfloses Kind, und war neidisch auf die Frau, die man als Krankenpflegerin ins Haus genommen hatte; er grollte jedem, der seine teure Last mit ihm teilte. Aber sein Geschäft rief ihn oft ab, in den Laden hinunter, und dann wurde er stets von brennender Unruhe über das Befinden der Patientin ergriffen. „Ich weiß, was ihr fehlt", dachte er, „das Leben ist ihr zuwider, sie hat es satt, all ihre Hoffnungen in Nichts zerrinnen zu sehen. Sie will sterben. Ach, wenn ich ihr nur Freude am Leben einflößen könnte!" Ja, das war es: er mußte ihr einen Mann verschaffen. Nur auf diese Art konnte er den Tod von ihr fernhalten. Und er mußte sich beeilen: es war ein Kampf um ein Menschenleben. Er hatte eine Unterredung mit dem Synagogendiener, welcher schon viele Ehen zustande gebracht hatte, noch bevor der Seelsorger etwas von ihnen wußte. „Aber niemand will sie nehmen", beteuerte der Synagogendiener, „habe ich nicht alles versucht? Haben nicht viele andere alles versucht?" „Aber es muß geschehen", drängte Scheftel, „sonst wird sie vor Gram vergehen." „Ist sie wirklich sehr krank?" fragte der andere mit leiser Stimme. „Wer weiß? Der Doktor sagt, sie wird bald wieder gesund sein, — aber Sie wissen doch jetzt, welches das einzige Mittel ist, und Sie können der Arzt sein, wenn Sie wollen." Teils durch Mitleid, teils durch die Aussicht auf Gewinn angeregt, suchte der Synagogendiener eifrig nach einem Mann herum, und nach ein paar Tagen entdeckte er einen alten melancholischen Witwer mit einem langen grauen Bart, der nicht abgeneigt schien, dem Antrag näher zu treten.