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Die Welt · 1909-05-21 · 21 (21.5.1909) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
21 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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454 t §c □□□□□□ o o ==— DIE30KELT= — FEUILLETON No. 21 □ □□□□□]) O --;-0 O t I DER TOD ALS SCHADCHAN Von Israel Cohen Autorisierte Übersetzung von NoSmi Bau£th f > r R «i r >r i *»i \ *>» »!i> #i f :■• I FS Sie waren Geschwister. Aber die Liebe zwischen Mann und Frau konnte nicht größer sein, als die zwischen Scheftel und Braine Marko witz. Er war ein zusammengeschrumpfter kleiner Mann mit hohlen Wangen und dünnem Bart, und sah mindestens um zehn Jahre älter aus, als er in Wirklichkeit war, — er sah aus wie 45. Er hatte durchdringende große Augen, welche aber dennoch die große Schüchternheit ihres Besitzers verrieten: Scheftel sah stets so aus, als wenn er einen um Verzeihung bitten wollte. Er machte den Eindruck eines gebrechlichen zarten Menschen, der kaum Kraft genug hat, für sich selbst zu sorgen, — und dennoch verwendete er solch rührende Sorgfalt auf seine noch hilflosere Schwester. Braine war ein mißlungenes Geschöpf der Mutter Natur. Sie war klein und mißgestaltet, hatte verzerrte Lippen, zottige Augenbrauen, und ihr Gesicht sah aus wie zusammengeschrumpftes Pergament. Ihre Stimme war knarrend und rauh, und ihr Blick erst! — Ihr Blick allein flößte einem Grauen ein. Sie war ein armseliges, schwächliches Ding, welches am Leben hing, obgleich sie wußte, daß nur wenige der Freuden und Annehmlichkeiten desLebens ihr zuteil werden würden. Sie hinkte, und oft blieb sie mitten im Gehen stehen, griff vor Schmerz mit der Hand an die Seite und stieß einen schwachen Seufzer aus. Wie alt sie war, wußte niemand. Ihr graues Haar und ihr ältliches Aussehen konnte man ihrer Kränklichkeit zuschreiben. Und die Ehrerbietung, mit der Scheftel sie behandelte, hatte gar nichts mit ihren Jahren zu tun und gab keinen Aufschluß über deren Zahl. Die Geschwister hatten einen kleinen Krämerladen in Bethnal Green, und die ganze gutmütige Nachbarschaft gehörte zu ihren Kunden. Noch vor zwei Jahren waren sie gezwungen gewesen, ihre Waren von einem Wagen herunter in den lärmenden Straßen zu verkaufen, und im Winter nahm sie die Kälte dann oft so arg mit, daß ihre Glieder steif wurden und sie sich kaum rühren konnten. Zwar, wie Scheftel argumentierte, sparten sie durch diese Art des Verkaufs die Ladenmiete, aber anderseits wiederging dann das Geschäft am Abend überhaupt nicht, und in den vielen verdienstlosen Mußestunden, die ihnen daraus erwuchsen, hatten sie Zeit, über ein Mittel gegen dieses Übel nachzudenken. Das Ende davon warv daß sie den kleinen Krämerladen, auf den sie schon lange ein neidisches Auge geworfen hatten, kauften, sobald er frei wurde. Dann hingen sie rote Zettel aus und kündigten so — halb in Jargon, halb auf Englisch — der ganzen Umgegend die Tatsache an, daß dieser Laden nun in die Hände neuer Besitzer übergegangen war, welche fest entschlossen seien, alle, die sie mit ihrer Kundschaft beehren würden, aufs Beste zu bedienen, ganz gleich, ob man ein ganzes Pfund Käse kaufe oder einen einzigen armseligen Hering. Scheftels hilfloses Aussehen und Braines verwachsene Gestalt erwiesen sich als kostbare Eigenschaften in dem neuen Geschäft, denn die Nachbarn waren sehr gutherzig und kauften am liebsten dort, wo man durch seinen Einkauf gleichzeitig eine Mitzwa tat. Sie betrachteten es als ihre fromme Pflicht, in dem Laden zu kaufen, und mehr als einer von ihnen, der imstande war, differenziert zu denken und zu berechnen, kam zu dem Schluß, daß er in andern Läden zwar sogenannte Bons erhielt, die ihm materielle Vorteile gewährten, daß er sich aber hier seelische Güter und geistige Vorteile erwarb, wodurch ihm in der künftigen Welt großer Lohn zuteil werden würde. Und diese bescheidenen Kunden waren auch sehr geduldig, denn sie gehörten zu einem Volke, das seit lange, lange litt, und sie waren zufrieden bei dem Gedanken, daß erst das Leben im Jenseits ihnen die Erfüllung ihrer Wünsche bringen werde. So erwuchsen Scheftel und Braine aus der Güte ihrer Nachbarn Nutzen, und sie gelangten zu einem bescheidenen Wohlstande, — auf großen Wohlstand hatten sie nie gerechnet und ihn auch nie begehrt. Aber trotzdem sie mit ihren Nachbarn in Frieden lebten und Geld auf die Sparkasse legen konnten, waren sie doch nicht glücklich. Scheftel wünschte sehnlichst, daß Braine sich verheiraten möge, während Braine fürchtete, daß Scheftel heiraten könnte. Seit den acht Jahren ihres Aufenthalts in England hatte Scheftel. nicht aufgehört, sich — nicht nach einer Braut — sondern nach einem Bräutigam umzusehen. Ja, der Hauptgrund, aus dem sie überhaupt ihre Heimatstadt Kowno verlassen hatten, war 'der gewesen, daß Braine dort keinen Mann bekommen konnte. Alle Schadchanim, hundert Meilen im Umkreis, hatten ihren Namen auf der Liste. Aber wie sehr sie auch ihr Gewissen damit belasteten, indem sie Braines unsichtbaren Reize schilderten, — all ihre Mühe war vergebens. Die vorsichtigen jungen Männer bestanden darauf, die so sehr gepriesene Braut in Augenschein zu nehmen, bevor sie auf irgend etwas eingehen wollten, und ein einziger Blick auf Braine genügte dann, um ihnen auch noch den letzten Rest des bißchen Vertrauens zu nehmen, das sie in den Schadchan gesetzt hatten. Im Laufe der Zeit wurde Braine Markowitz eine bekannte Persönlichkeit in der ganzen Gegend. Aber je größer ihr Ruhm wurde, um so schlechtere Aussichten hatte sie. Die Schadchanim hörten sogar nach und nach ganz auf, Braines Sache zu führen, damit ihr Geschäft keinen Schaden erlitte. Denn bei ihrem Geschäft war es, wie bei jedem andern auch, ein einziger schlechter Artikel konnte das Renommee aller andern verderben. Einmal jedoch hatte ein Schadchan nach jahrelangem mühevollen Suchen einen Mann entdeckt, welcher bereit war, Braine zu heiraten, — aber er war arm und blind. Seine Blindheit hätte Braine allenfalls noch verziehen, aber seine Armut nicht.

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