Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 21 DIEEäKELT 453 Leipzig 1905). Aus den hier zusammengestelten Tatsachen folgt mit großer Bestimmtheit, daß in einem Land, wie Ägypten, beim Übergang zu zivilisierten, gesetzlich geregelten Verhältnissen die hypothekarische Beleihung von Land sowie Parzellierung von ameliorierten Ländereien eines der rentabelsten geschäftlichen Unternehmungen bildet, und mit großer Wahrscheinlichkeit kann behauptet werden, daß ganz analoge Resultate auch das in palästinensischem Boden investierte Kapital erlangen wird. Für ägyptische Unternehmungen sind in London, Paris und in Ägypten selbst große Kapitalien flüssig gemacht worden, und die Initiatoren derselben haben einen Nutzen von vielen Millionen Francs aus der Emission von Aktien und Obligationen gezogen. Es ist für mich kein Zweifel, daß bei geschäftlicher Behandlung des Problems des Agrarkredits für kolonisatorische Tätigkeit in Palästina auch die nötigen Millionen auf den Kapitalienmärkten gefunden werden können. Wir müßten den engen Kreis unseres zionistischen Milieus einmal durchbrechen und das weitere Feld der kapitalistischen Welt für unsere Zwecke dienstbar machen. Allerdings als erste Grundlage muß die rechtliche Sicherheit anerkannt werden, und alle Auseinandersetzungen haben nur Sinn für uns für die nahe bevorstehende Zukunft, wo die elementaren Gesetzes-, bestimmungen, wie das Recht der Hypotheken und de* juridischen Personen durch das türkische Parlament eingeführt werden. Wenn wir in zionistischen Preßorganen, Versammlungen, Beratungen über Agrarkreditfragen Reden halten, so ist es nicht, weil uns. die Heranziehung der auswärtigen Kapitalien für gewinnbringende Unternehmungen als Problem an und für sich interessiert, sondern weil wir darin den ersten Versuch der Dienstbarmachung derselben für unsere kolonisatorischen Bestrebungen, die die Hauptgrundlage unserer zionistischen Probleme jetzt bilden, erblicken. IV Eine weitere Kategorie der Methoden der Kapitalwanderung aus kapitalreichen Ländern in kapitalarme bildet die Anteilnahme resp. Bildung von industriellen Unternehmungen in Form von privaten Aktiengesellschaften. In gewissen Stadien der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes wird der Import von fertigen Fabrikaten aus den industriellen Ländern bedeutend erschwert, teilweise natürlich durch die Entstehung von verschiedenen Fabrikationszweigen im Lande selbst, teilweise künstlich durch Einführung hoher Zölle, seitens des Staates um eine heimische Industrie ins Leben zu rufen; sehr häufig wirken beide Erscheinungen ineinander, und für das Exportland, welches auf den Absatz im Auslande stark angewiesen ist, und dessen Produktion weit den Inlandkonsum übersteigt, entstehen große, oftmals verhängnisvolle Schwierigkeiten. Die Kapitalisten der reichen Exportländer suchen dann sich einen Teil ihres Gewinnes durch Export nicht von Erzeugnissen, sondern von Kapital selbst, zu ersetzen, und dem letztern Export können schon gar keine Zollschranken in der Welt entgegengestellt werden. Es entstehen vor allem Zweigniederlassungen großer Industrieetablissements, aber auch gleichzeitig große selbständige Industrieunternehmungen, wo der Kapitalist sich die vervollkommnetste Technik seines Landes zugute macht, und durch die Überlegenheit seiner Fabrikationsmethoden bedeutendere Gewinne als die inländische Konkurrenz einzubringen versteht. Ganz besonderes Augenmerk richten die kapitalistischen Unternehmer auf eine rationelle Exploitation der Naturreichtümer des Landes. So sehen wir, daß Rußland den gewaltigen Aufschwung der Naphthaindustrie, des Hüttenwesens im Dongebiet, fast ausschließlich dem Zufluß von belgischem, französischem und englischem Kapital zu verdanken hat. Von den über 30 Hüttenwerken im Dongebiet gibt es nur 3-4, die mit russischem Kapital arbeiten, alle andern, die viele Millionen verschlungen haben, sind mit belgischem, französischem und englischem Kapital errichtet und werden auch jetzt von den Ausländern exploitiert. Und Eisenverhüttung ist lange nicht das einzige Industriegebiet, welches von den Ausländern beherrscht ist; auch viele andere Industrien haben ihre Entwicklung der Teilnahme des auswärtigen Kapitals zu verdanken. Die Lodzer Manufakturen, die elektrische Industrie, auch Gas- und Wasserleitungen der größern* Städte, die Gewinnung von Kupfer, Gold und Piatina, die Fabrikation von Gummiartikeln, die großen Manufakturen zur Herstellung von Leinen-, Juteartikeln usw., alle diese gewaltigen Industriezweige haben einen großen ökonomischen und technischen Aufschwung genommen, seitdem denselben das auswärtige Kapital in bedeutendem Maße zugeflossen ist und dieselben befruchtet hat. In Frankreich allein schätzte man im Jahre 1902 das von französischen Kapitalisten in russischen Hüttenwerken und Industrieetablissements investierte Kapital auf 792 Millionen Francs. Hier ist kein angemessener Ort, sich mit weitern finanziellen Auseinandersetzungen zu befassen; ich wollte nur die in der Handels¬ und Industriewelt genügend bekannte Tatsache der Erinnerung auffrischen, daß sich in reichen Kulturländern jahraus, jahrein gewaltige Kapitalmengen anhäufen, die im Lande selbst keine gewinnbringende Anlage finden können und infolgedessen in der Suche nach einer bessern, vorteilhaftem Verwertung ihrer Kapitalien englische, französische, belgische, holländische und zuletzt auch deutsche Kapitalisten in wirtschaftlich ärmere Länder hinausstreben und in russischen, argentinischen, indischen, japanischen, peruanischen usw. Ländern rentablere Verzinsung aufsuchen und gleichzeitig mit dem Nutzen der besseren Verzinsung ihrer Millionen in die industrie- und kulturarmen Länder neues Leben hineinbringen, die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Entwicklung der technischen Vervollkommnung ihrer Industrie, Landwirtschaft, ihres Handwerkes, Hüttenwerks usw. verusachen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch in Palästina große natürliche Reichtümer verborgen sind, die noch zumal einer ernsten technischen Erforschung bedürfen. Aber auch das knappe Wissen, welches wir schon jetzt besitzen, gibt uns Anlaß zu hoffen, daß in naher oder entfernter Zukunft eine ganze Reihe von großen Industrieanlagen im europäischen Sinne, entstehen kann, welche vielen Tausenden Arbeiterhänden beständige Arbeit und guten Verdienst verschaffen kann. Den ganzen Südosten Palästinas bedecken Gebirgsketten, die aus Phosphoritkalken bestehen, deren Phosphoritgehalt bis 83°/o erreicht. Diese immensen Phosphoritläger werden höchstwahrscheinlich einst noch eine bedeutende internationale Rolle im Wirtschaftsleben der Kulturländer spielen. Momentan decken noch den Weltbedarf die kolossalen Ablagerungen in Südkarolina und Florida (Nordamerika), aber bei dem gegenwärtigen gewaltigen Phosphoritkonsum, wo 50—60000 Waggonladungen jährlich von der Landwirtschaft absorbiert werden, muß eine Erschöpfung der nordamerikanischen Läger zweifellos in absehbarer Zeit eintreten. Dann wird man nolens volens an die palästinischen Phosphoritberge greifen müssen. Auch das in seiner Art einzige Salzbecken — das Tote Meer —, das eine sehr große Analogie mit dem Staßfurter Saizbecken hat, wird auch im weitern Entwicklungsstadium von Palästina zweifellos eine Quelle einer großen Industrietätigkeit werden. Die Analyse des Toten Meeres, welches dem Umfange nach dem Genfer See gleichkommt, zeigt einen unerhört hohen Salzgehalt, derselbe schwankt von 20,9 bis 27,8 % des Wasservolumens. Das Tote Meer ist eine übersättigte Salzlauge von Bromsalzen, Kochsalz und Chlorkalium. Eine industrielle Bedeutung hat das Schwefellager auf der Halbinsel El-Lican (im Südosten). Sehr wichtig sind auch diegroßenLäger von bituminösen Kalken, die als Brennmaterial in den Dienst der Industrie gestellt werden können. Auch die Gewinnung des Asphaltes ist von gewissem Werte. Wenn auch die hier skizzierten Industrien einer spätem Zukunft vorbehalten bleiben und nur als Teile einer kapitalistischen Großindustrie denkbar sind, gibt es eine ganze Reihe von kleinern Industrieunternehmungen, bei denen jüdische Initiative, jüdische Technik und jüdisches Kapital schon jetzt Anwendung finden können. Und wenn ich hier bei der Betrachtung von Methoden der Heranziehung von auswärtigen Kapitalien dieselben in meinen Kreis ziehe, so ist es nur deswegen, weil bei der momentanen Sachlage wir sämtliches jüdisches Kapital (außer demjenigen der enrangierten Zionisten) auch als auswärtiges zu betrachten gezwungen sind. Und wenn bei großangelegten Unternehmungen der internationale Börsenmarkt in Betracht kommt resp. kommen müßte, so kommen bei relativ kleinern Unternehmungen jüdische Teilnehmer am meisten inbetracht, und noch mehr, bei solchen Anlagen spielen technische und kaufmännische Fachkenntnisse die Hauptrolle. Es müßte nur vom gesunden kaufmännischen Geschäftsstandpunkte herangetreten werden. Von solchen Unternehmungen, welche eine fast gesicherte Zukunft haben, kommen in Betracht: Fabriken zum Konservieren von Früchten, Fischen und Obst, Ölpressen, Mühlen und Makkaronifabriken, Fabriken zur Herstellung landwirtschaftlicher Geräte, Dachziegelfabriken usw., mit einem Wort, alle diejenigen Industrieunternehmungen, welche im engen Zusammenhang mit der Landwirtschaft stehen. Für alle diese Betriebe müßten außer Zionisten jüdische Kräfte herangezogen werden. (Schluß folgt) B. Goldberg