Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wenn sie auch nicht den ganzen Zionismus repräsentieren, so enthalten sie doch wichtige, integrale Teile unseres Programms. Eine jüdische Kolonisation in Mesopotamien müssen wir programmäßig als ein Bestreben betrachten, das auf unsere Mitwirkung einen berechtigten Anspruch erheben kann. Je tüchtiger und konzentrierter wir unser eigenes Werk fördern werden, desto leichter wird es uns sein, auch die Nebenarbeiten zu betreiben, mit andern Worten, auch die mittelbaren Konsequenzen unsere^ Programms zu ziehen. Nur soll man nicht das Zentrum mit der Peripherie verwechseln: das Zentrum ist und bleibt Palästina. Dieses zentrale Bestreben machen wir nicht von den Zeit Verhältnissen abhängig. Was vermögen denn die Zeitverhältnisse gegen eine Idee? Ihren offenen Lauf auf kurze Zeit zu hemmen, den Mund ihrer Träger vorübergehend zu verschließen; gegen das Denken und Streben eines Volkes ist all' ihre Macht nur Ohnmacht. Wir freuen uns darüber, daß der schicksalsreiche Wendepunkt im türkischen Orient unsere Qegenwarts-Perspektiven so bedeutend gebessert hat; aber der Zionismus bestand auch vorher und wird unter allen Umständen als ein Gesetz der jüdischen Geschichte die Gemüter beherrschen und alles, was im Judentum kräftig ist, zur Tat anspornen. Etwas anderes ist es mit den Grenzländern. In bezug auf letztere ist das politische Moment wirklich entscheidend: wäre die politische Situation nicht günstig, so könnte kein Projekt einer Kolonisation und kein Vorschlag irgendeines größern Unternehmens, das sich auf jene Länder bezieht, Anklang finden. Die historische Beharrlichkeit, das Festhalten an einem bestimmten Punkte ist nur dem Zionismus gegeben, wir meinen dem palästinensischen, eigentlichen Zionismus; alles andere ist „die Flucht der Erscheinungen" um den „ruhenden Pol". Wenn Mesopotamien einen gewissen Wert hat, so besteht dieser Wert auch in den traditionellen Beziehungen zu Palästina und zum Orient; die Peripherie wird sich, wie gesagt, nur durch den Mittelpunkt erhalten. Jede Oberhebung Palästina gegenüber wäre schon an sich ein logischer Fehler; sie wäre aber auch ein faktischer Fehler, d. h. eine Außerachtlassung gegebener Verhältnisse und bestehender Tatsachen. Denn so sympathisch uns auch das mesopotamische Projekt sein mag, ist es ja vorläufig nur ein Wort und keine Tat. Weil es ein Wort ist und weil man noch nicht auf die realen Verhältnisse stößt, kann das Wort riesig groß gemacht werden, und es ist allzu leicht, die Größe dieses Wortes der Kleinheit der Tat in Palästina gegenüber zu stellen. Aber wenn manche Leute glauben, das in Palästina Unerreichte anderwärts in großem Maßstabe und in schnellem Tempo zu erreichen, so können wir ihnen den Vorwurf der naiven Kurzsichtigkeit nicht ersparen. Man muß die Augen öffnen und die Sache einfach betrachten. Auch in Argentinien war der Anfang von einer schwindelnden Größe, und doch sind die Ergebnisse nach einem Aufwände von vielen Millionen nicht größer, ja noch kleiner als in Palästina. Die ackerbautreibende Kolonisation ist eben ein furchtbar schwieriges und kostspieliges Werk. Man braucht die technischen Fragen nur aufzuzählen, um ihre ungewöhnliche Kompliziertheit zu sehen. Es ist alles leicht und schön, solange man nur Reden hält; es wird ganz anders mit dem Augenblick, in dem man beginnt, die Dinge zu realisieren. Dies sei nicht gesagt, um auf die junge Blüte des mesopotamischen Projekts den Reif des. Pessimismus fallen zu lassen, sondern um der Herabsetzung der nützlichen und realen Palästinaarbeit als einer Propaganda für Mesopotamien entgegenzutreten. Der Zionismus braucht nicht anderweitige nützliche Projekte herabzuwürdigen, um seine Existenzberechtigung hierdurch zu beweisen; ebensowenig ist es für die andern Projekte nützlich, die unbestreitbar großen Leistungen des Zionismus in Palästina in Abrede zu stellen. Das ist der neutrale Boden, auf dem wir offen und ehrlich mit den andern Kreisen und Organisationen arbeiten können. Durch rastlose Selbstbetätigung im Geiste eines edlen jüdischen Bewußtseins der Solidarität und des Gemeinsinns können wir, ohne selbstsüchtige Ziele und Begehrlichkeiten zu verfolgen, auf Zeit und Ortsverhältnisse Rechnung nehmend, in richtiger Wertschätzung gegenseitiger Verdienste, guter Absichten und persönliche/ Ehrenhaftigkeit der Vertreter und Initiateure verschiedener Hilfswerke auf allen Gebieten, unter strenger Aufrechterhaltung des eignen Parteistandpunktes ruhig und nützlich zusammenarbeiten. Der Zionismus, der doch trotz allen Leugnens heute im Mittelpunkte des jüdischen Strebens und Denkens steht, wird diesen Standpunkt zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit vertreten. N. S. Gedanken über Finanzierung von palästinensischen Unternehmungen m* Die dritte Kategorie der Wege, durch welche die Kapitalien der kapitalreichen Länder in die kapitalarmen wandern, bildet der Agrarkredit, oder präziser genannt, hypothekarischer Kredit. Weil die Anlage von Kapitalien in Hypotheken resp. Hypothekenpapieren eine der sichersten Kapitalanlagemethoden bildet, selbstverständlich da, wo die Rechtsbasis und der gesetzliche Schutz für den hypothekarischen Kredit existieren, bilden die hypothekarischen Wertpapiere ein beliebtes Handelsobjekt am Kapitalmarkte. Und tatsächlich bildet bei der stets wachsenden Bevölkerung sämtlicher Kulturländer, bei dem steigenden Wert des Bodens und der Wohnungen eine reelle, nicht spekulative Beleihung des Bodens und der Immobilien eine sehr gesicherte Geldanlage. Die Institute des hypothekarischen Kredits heißen in Deutschland Hypothekbanken oder Bodenkreditanstalten, in Rußland Agrarbanken und städtische Kreditanstalten. Welchen Umfang diese Institute im wirtschaftlichen Leben der Kulturvölker einnehmen, läßt sich an dem Beispiel Rußlands am besten illustrieren, wo der hypothekarische Kredit noch lange nicht die Stelle einnimmt, welche demselben gebührt und in den gut verwalteten Ländern Europas und Amerikas ihm auch tatsächlich zukommt. In Rußland gab es zu Beginn des Jahres 1907 folgende Pfandbriefe im Handelsumsatz: Obligationen der zehn Privathypothekenbanken im Betrage von 965 Millionen Rubel, Obligationen der Adelsagrarbank im Betrage von 676 Millionen Rubel, Obligationen der Bauernagrarbank im Betrage von 566 Millionen Rubel. Zusammen also 2207 Millionen Rubel, also fast zwei und ein viertel Milliarden Rubel oder ca. sechs Milliarden Frcs. Der hypothekarische Kredit ist überall eine der Grundbedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes. Die Geschichte vom russischen Agrarkredit beweist auch gleichzeitig, daß, trotzdem in Rußland finanzielle und ökonomische Krisen sehr häufig stattfinden, noch nie eine Hypothekenbank Verluste erlitten hat, wenn dieselbe nicht auf einfachste Weise von den Leitern derselben bestohlen resp. beschwindelt wurde, oder wenn deren Mittel auf spekulative ungesetzliche Unternehmungen von ihrem direkten * Anmerkung. Meine „Gedanken" habe ich in Form von fünf Kapiteln zusammengefaßt, deren erste zwei in Nr. 11 veröffentlicht sind. Wegen beriifliclier Geschäftsiiberhäufung mußte eine längere Unterbrechung stattfinden. B. G.