Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-05-21 · 21 (21.5.1909) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
21 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316373--51920-3345603
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

450 DIE^ELT No. 21 f- •t C > »I ► r» r yr< f #*, <*\ % *\ nur diejenigen als Glieder der zionistischen Partei anerkennen, welche diesen Begriff angenommen haben und ihn betätigen. Das ist der alleinige solide Qrund für die Existenz jeder Partei. Fehlt dieser Qrund, dann löst sich die Partei in ihre Elemente auf und stürzt in sich selbst zusammen. Aber gerade dieses Parteibewußtsein, gerade diese Gesinnungstüchtigkeit machen ein loyales Zusammengehen mit andern Parteien nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert und notwendig. Der Zionismus ist nach unserrn Dafürhalten der Schwerpunkt, um den sich das Judentum früher oder später kristallisieren muß; aber der Gedanke liegt uns fern, die Bedeutung der Tätigkeit und die Verdienste derjenigen zu unterschätzen, die jetzt für unser Volk in dieser oder jener Richtung, zum Nutzen der Gesamtheit und für die Linderung der Not wirken. Es ist also ein Irrtum, wenn man annimmt, daß wir den andern Organisationen irgendwelche Schwierigkeiten bereiten, oder daß wir ihre ersprießliche Tätigkeit mit einer gewissen Mißgunst begleiten. Nicht nur die Bewahrung und Erhaltung, sondern auch die Entwicklung und Vollendung ihrer Gegenwartsarbeit erscheint uns als ein unabweisbares Gebot; möge es auch Stückwerk sein, aber es ist notwendiges Stückwerk. Man wird dabei auch nicht verkennen dürfen, daß sich die andern Organisationen manchen Bestandteilen des zionistischen Programms nicht so sehr verschließen, wie es früher der Fall war. Einige von ihnen sind jetzt bei Stationen angelangt, bei denen unser Zug längst vorübergefahren ist. Wir begrüßen diese Annäherung mit aufrichtiger Sympathie. Verschiedene nichtzionistische Kreise äußern den aufrichtigen Wunsch, im Orient zu kolonisieren. Wir unterstreichen das Wort aufrichtig. In der Tat, wir setzen in die Ehrlichkeit der von den verschiedensten Seiten lautwerdenden Mahnungen zur Kolonisierung des Orients und der entsprechenden Vorsätze nicht den geringsten Zweifel. Aber bei Ermahnungen und guten Vorsätzen darf es nicht bleiben. Denn darüber darf man sich nicht täuschen: wenn heute selbst in antizionistischen Kreisen soviel vom Orient gesprochen wird, so ist das zunächst nur Stimmung, aus der Not des Augenblicks geboren, oder Rücksicht auf eine vorhandene iVlassenstimmung seitens der führenden Organe. Stimmungen aber verfliegen zu rasch, und es bleibt dann nichts Greifbares übrig, wenn der günstige Augenblick nicht benutzt würde, um für die Dauer etwas zu schaffen. Es gilt deshalb, diese Stimmung richtig auszunutzen. Dazu brauchen wir nicht den vorhandenen Gegensatz, der in bezug auf Palästina noch herrscht, wegzuleugnen; wir brauchen keine Opportunisten zu sein. Die Politik des Zionismus liegt wie ein offenes Buch vor aller Welt und beruht auf dem historischen palästinensischen Bestreben. Uns kommt es nicht nur darauf an, die Juden zu kolonisieren, sondern sie in Palästina zu kolonisieren. Daß in Palästina ein Mittelpunkt jüdischer Kultur, eine Stätte mächtigen jüdischenGewerbefleißes, ein vornehmer Sitz unserer Musen, ein organisatorisches Zentrum entstehe, wo die Fäden einer Gesamtarbeit sich zum Geschicke unseres Volkes verflechten, ist unser Hauptbestreben. Im Lande der Ahnen soll jenes jüdische Gemeindewesen ins Leben gerufen werden, welches das alte Land mit dem Reize ewiger Jugend umhüllen und die dort beginnende Arbeitsperiode zu der herrlichsten Phase in der neuern Geschichte unserer Nation machen soll. Wir wollen die geistige Zusammengehörigkeit fördern, einen Brennpunkt für alles Edle und Hohe schaffen. Der Mörtel, welcher die Quadern eines solchen Baues bildet, ist mit den Tränen und dem Schweiße vieler Generationen befeuchtet; die Sorge, der Kampf, die Not begleiten den Bau, und wo das Auge einst den Linien bewundernd folgen wird, durch welche die künstlerische Gestaltungskraft einer unglücklichen Nation das Herbe und das Spröde bis zur natürlichen und gefügigen Erhabenheit steigern wird, mischt, sich in den Stolz, daß solches wenigstens zum Teil in unserer Zeit hervorgebracht werden soll, der trübe Kummer, der sich nicht bannen, nicht im Augenblick des Vergessens unterdrücken läßt, daß unsere Kräfte zu schwach sind, um einen solchen Bau aufzurichten. Es kommt uns manchmal vor, als ob wir uns selbst erschöpft hätten und als ob wir nicht . imstande wären, das Bild des Aufstrebens, die Verkörperung des sonnigen Glanzes zu schaffen, die wir erstreben, und in solchen Momenten empfinden wir die Neigung, die andern, die dazu noch gar nicht vorbereitet sind, für die Mitarbeiterschaft zu gewinnen. Doch vielleicht ist es töricht, das Schicksal der Nationen nach dem beengten Maße des menschlischen Lebens zu messen. Was bedeutet die jetzige Episode in der Geschichte eines Volkes, das mit den Assyriern und Babyloniern kämpfte, das Jerusalem schon mehrere Male erbaute und erneuerte, dem die Hügel Judäas schon lange prangten und die Gefilde Sarons schon im Altertum mit verheißender Ernte entgegenlachten? Wir stehen in einer neuen historischen Entwicklung, und für uns ist das ethisch-historische Moment viel wichtiger als das vorübergehende politische. Wir betrachten es als unsere Pflicht, der Zukunft das Erbe unverkürzt zu überantworten, den jüdischen Charakter Palästinas zu wahren, auch die Ungunst der Verhältnisse und der Entwicklung durch Tüchtigkeit, Ausdauer und Charakterfestigkeit zu besiegeln. Auch wenn das Gewicht der trüben Zeit die Gemüter belastet, dürfen wir den Mut nicht sinken lassen, um so mehr, wenn die Verhältnisse für uns dort wirklich günstig sind und wenn der Fortschritt und die Entwicklung freier Einrichtungen uns möglich machen, die legalen Voraussetzungen nicht nur für ein menschenwürdiges Dasein, sondern auch für ein nationales Leben zu schaffen. Mit Bezug auf dieses Ideal, richtiger gesagt, auf diesen Rahmen eigentlicher zionistischer Tätigkeit heißt es für uns: „Ne varietur" — nur nichts daran ändern! Die andern Angelegenheiten mögen noch so dringend sein, sie dürfen uns nicht dazu verlocken, diesen Rahmen zu erweitern. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister." Aber außerhalb dieses Rahmens besteht noch eine ganze Menge wirtschaftlicher, sozialer und philanthropischer Wohlfahrtsbestrebungen, die wir fördern können, ja auch fördern müssen. Wir hegen keinerlei grundsätzliche Bedenken, uns bei jedem Hilfswerke zu beteiligen, welches geeignet ist, die Not unseres Volkes auch nur einigermaßen zu lindern. Am nächsten stehen unserrn zionistischen Empfinden die kolonisatorischen Unternehmungen, die doch geeignet sind, nicht nur die materielle Lage zu bessern, sondern auch die kulturelle Tüchtigkeit unseres Volkes zu heben. Und selbstverständlich stehen uns die Bestrebungen, die auf den Orient gerichtet sind, am allernächsten. 'P

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.