Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DI KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIIL JAHRG. KÖLN, 21. Mai 1909 iminb n'nrin \VD V Mo. 21 VEREINIGUNGSVERSUCHE Der Gedanke, den Zionismus zusammenzuschweißen mit den andern Parteien zu gemeinsamer Arbeit auf kolonisatorischem Gebiet, ist, wir dürfen es ruhig eingestehen, auf große,-dem bisherigen Anscheine gemäß kaum überwindbare Schwierigkeiten gestoßen. Im eigenen Lager machten sich schwerwiegende Bedenken geltend. Man befürchtete die Gefahr einer Vertuschung oder Verwässerung des zionistischen Prinzips. Selbst die neuerdings stark betonte Auffassung einer allgemeinen Organisationsidee hat unter den Kreisen der Vereinigungsapostel selbst bedeutende Führer gegen sich. Auf manchen Gebieten steigerte sich die Verschiedenheit der taktischen Auffassung zu scharfer Gegensätzlichkeit. Anderseits hat der Erfolg bisher nicht im entferntesten den gehegten Erwartungen entsprochen. Ein Zurückhalten der heißumworbenen „Ica" auf der ganzen Linie blieb sich konstant und lockte manche Zionisten zu stets weiteren Konzessionen mit Worten, zu verstärkter Betonung der Neutralität des Zionismus. Wir haben die Streitaxt begraben und zollen der Tätigkeit anderer Parteien eine uneingeschränkte Anerkennung. Und doch ist diese Taktik bisher ohne nennenswerten Erfolg geblieben. Über vereinzelte, künstlich herbeigezogene Momente ist man nicht hinausgekommen. Ein Symptom, daß der Antizionismus seine grundsätzliche Stellung unserer Idee gegenüber zu ändern beginne, ist nicht vorhanden. Ehrlicher und weitgehender kann unserseits nicht geworben werden, als es bisher geschah. Mehr Konzessionen können -nicht gemacht werden, ohne dem Wesen unseres Programms Schaden zu bringen. Wenn man sich von der Grundidee entfernt und sich in den Phrasenschwulst von Organisationen und Institutionen verirrt, so ist man leicht versucht, sich mit allen zu einigen, Kompromisse vorzuschlagen und „goldene Brücken" zu bauen. Das Problem des „Brückenbaus" ist aber von weitreichender Bedeutung, und auch die Technik seiner Ausführung ist sehr schwierig. Man vergißt infolge der alltäglichen Arbeit und der Institutionen zu leicht die Idee; man vergißt, daß die Institutionen zu inhaltlosen Formen herabsinken würden, für die kein vernünftiger Mensch ein Opfer an Zeit, Arbeitskraft und Geld zu bringen die Lust verspüren würde, daß sie an Marasmus zugrunde gingen und kein besseres Los verdienen würden, wenn ihnen nicht eine bestimmte, festumrissene Idee zugrunde liegen würde. Diese Idee muß man also bei all den Vereinigungsversuchen immer und immer wieder berücksichtigen. Wir schätzen als Realpolitiker die wirkenden jüdischen Kräfte so ein, wie sie wirklich sind. Wir suchen uns darüber nicht zu täuchen, daß die Welt nicht so ist, wie wir sie wünschen. Die Sturmbläser mit der Trompete von Jericho können die Mauern der bestehenden Einrichtungen nicht nicht so schnell umstürzen. Wir wissen, daß, ein weites, beinahe unermeßliches Gebiet praktischer Betätigung humaner und organisatorischer Bestrebungen sich erstreckt, auf dem andere Parteien und auch wir selbst arbeiten müssen. Die verschiedenen Landesinteressen, die Gemeindeangelegenheiten, die große und kleine Wohltätigkeit, das Wanderungsproblem und all die Hilfsmittel, die zur Linderung der Not dienen, sie waren vor dem Zionismus und sind auch jetzt in ungeminderter Form vorhanden. Zweifellos kann die zionistische Idee mittelbar all diese Gebiete befruchten; die Anschauungen, die sich aus dem nationalen Prinzip ergeben, gelten für verschiedene Arbeiten als Leitsterne, welche die Dinge anders beleuchten und zuweilen auch für die Praxis andere Methoden zur Geltung bringen. Aber der Zionismus hat nicht als „Mädchen aus der Fremde" jedem seine Gabe zu bringen; er soll sich nicht mit allen Dingen beschäftigen und soll auch nicht die andern in ihrer Arbeit stören. Wir leben in einer nervösen Zeit; zuweilen nimmt das Gespenst der Aktualität alle Sinne gefangen, lähmt alle Arme, erstickt alle Gefühle und konzentriert die Aufmerksamkeit und die Bemühungen nur auf einen ganz bestimmten Punkt. Dann entsteht unter den Zionisten das natürliche Bestreben, ihren Zionismus mit diesem Punkt in Einklang zu bringen. Es ist schwer, sich dieser Notwendigkeit zu entziehen; es ist unmöglich, die zwingenden Sorgen des täglichen Lebens wegen eines noch so großen Ideals außeracht zu lassen, man darf aber nicht vergessen, daß der Zionismus, wie jedes andere Ideal, eben eine gewisse Rücksichtslosigkeit besitzen muß. Wir müssen den zionistischen Lehrbegriff streng und klar aufstellen und i j 4 i yJ * '\ * * l'k