Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 20 DIE^ELT 443 ein friedliches Ende zu bereiten. Der Bau der Mekkabahn würde dann völlig unbehindert vonstatten gehen und der Staat der riesigen Unkosten für Schutz der Baustrecken und ewig neue Truppenexpeditionen enthoben werden. Die Maßregel wäre, weun sie sich bewahrheitete, von einschneidender Bedeutung im ottomanischen Staatsleben. Aber eben ihrer Tragweite wegen darf wohl an der Richtigkeit dar Meldung gezweifelt werden. Die Regierung wird sich, wenn sie einigermaßen den Ideen folgt, die den jungtürkischen Kreisen eigen sind, wohl hüten, in einem so kritischen Augenblick, wie der gegenwärtige ist, die Zentralgewalt auf Kosten einer aufsässigen Provinz zu schmälern und den übrigen nach Selbständigkeit lüsternen Provinzen ein Beispiel zu geben, das ihre Aspirationen aufs höchste steigern könnte. Die syrischen Autonomisten Es ist wohl erinnerlich, welches Aufsehen vor einigen Monaten das in Paris erschienene Manifest der Brüder Moutron erregte, in dem Autonomie des syrischen Wilajets unter arabischer Flagge gefördert worden war. Es waren damals von allen Seiten, selbst von syrischer und arabisch-nationaler, Proteste gegen diese Forderung erhoben worden. Wie nun aus den dieser Tage im Yildis aufgefundenen Papieren hervorgeht, ist in dem großen Volksheros Raschid Moutron nichts anderes als gewöhnlicher Spitzel des Palastes zu sehen, der offenbar von Abdul Hamid den bezahlten Auftrag erhalten hatte, dem parlamentarischen Regime des Komitees auf diese originelle Art Verlegenheiten zu bereiten. Wie alle Unternehmungen der Reaktion seit dem 24. Juli hat aber auch diese, wie die Ereignisse lehrten, einen glatten Mißerfolg zu verzeichnen gehabt. Daß diese Erfahrung dazu beitragen sollte, die regierenden Faktoren den Autonomieansprüchen überhaupt günstiger zu stimmen, ist nicht anzunehmen. Vielmehr wird wohl diejenige Richtung, die erst das Staatszentrum verstärken will, um dann erst nach und nach den Provinzialadministrationen steigende Rechte einzuräumen, eine noch schärfere Akzentuierung als vordem erfahren. Patriotischer Gottesdienst Die drei nichtmohammedanischen Gemeinden der Hauptstadt hatten für diesen Sonntag die Verabredung getroffen, zu gleicher Zeit einen feierlichen Gottesdienst zum Andenken der in den Kämpfen um die Freiheit gefallenen Soldaten und Freiwilligen zu veranstalten. Geichzeitig sollte auch die Tronbesteigung Sultans Mohmeds V. gefeiert werden. Unter grossem Andrang des jüdischen Publikums hat der jüdische Feslgottesdienst in der sephardischen Synagoge zu Galata, derselben, in der die Wahl des Chacham Baschi vollzogen wurde, stattgefunden. Der Großrabbiner, viele Mitglieder des Betdin und des Mischlisch umumi, die Deputierten Faraggi und Sasson, der erste Dragoman im Ministerium des Äußern, Daud Effendi, Jacques Bej de Leon und andere Notabein des hiesigen Judentums, waren unter den Teilnehmern. Die Feier begann mit dem Vortrag einer Reihe von Gebeten mit Chorgesang. Sodann ergriff der Präsident des Mischlisch Aschismani, Herr Farchi, das Wort, um in spaniolischer Sprache eine einfache, aber außerordentlich klare und fesselnde Darstellung der epochalen Ereignisse der letzten Zeit vor den Zuhörern zu entwerfen. SeineGegenüberstellung von dem Sinn und Charakter des despotischen und dann des freiheitlichen Regiments war meisterhaft. Die Rede gipfelte darin, daß auch die Juden, und ganz besonders die Juden, sich des Sieges der Freiheit und der Thronbesteigung eines durch sie emporgetragenen und von ihrem Geiste erfüllten Herrscher zu reuen hätten. Die Juden hätten bewiesen, daß auch sie, wie alle nie ottomanischen Volksbrüder, bereit seien, für die Existenz und las Glück des Vaterlandes mit ihrem Blute zuzahlen. Die gefallenen indischen Freiwilligen seien dessen die Ehrenzeugen. Nachdem die Ansprache verhallt war, erhob sich Kindergesang, 1 nd durch die altehrwürdige Synagoge dröhnten die Klänge der V'atan-Freiheitshymne, die jetzt nach den tragischen Tagen doppelt -ackend erschallen, umso packender und rührender, als man schon vochenlang vor dem traurigen 13. April er. nicht mehr gewagt latte, diese Hymne öffentlich hören zu lassen. Nunmehr betrat der Chachambaschi Chajim Nahum die Stufen or der Heiligen Lade, um in türkischer Sprache vor den Lauschenden loch einmal die Empfindungen wieder erstehen zu lassen, die die Juden Konstantinopels wie alle andern in den letzten Wochen zu durchleben hatten. Er schilderte den dumpfen Schmerz und das ■ahmende Entsetzen, das das neue Hereinbrechen des alten Sklaventums in den Apriltagen auf alle Fühlenden geworfen hatte, und das warmaufquellende, sonnenahnende, jauchzende Wiedererwachen bei dem Vorrücken und endlichen Siege der Freiheitskrieger. Auch seine Worte die hinreißend wirkten, klangen in einen Hymnus auf die Blutzeugen und eine Huldigung an den neuen Herrscher aus. Hierauf sprach der Großrabbiner ein Gebet in türkischer (?) Sprache, dann ein zweites, hebräisches vor geöffneter Bundeslade. Erneuter Gesang und Gemeindegebete beschlossen die erhebende Feier. Anarchische Zustände Für das jüdische Gemeindeleben Konstantinopels ist die Einführung der Konstitution bisher von keinem besondern Segen gewesen. Alle bisher erfolgten Wandlungen, wie der Wechsel im Großrabbinat, sind im Wesentlichen äußerlicher, formeller Natur. Die innere Hebung, die man so sehnsüchtig erwartete, besonders die Reorganisierung des Schulwesens, ist bis jetzt vollkommen ausgeblieben. Die Versprechungen und der gute Wille RabbiNahums haben an dieser Tatsache so wenig ändern können, daß man überhaupt die Existenz eines Großrabbinats nicht verspürt hätte, wenn nicht vor einiger Zeit ein Bann, ein wahrhaftiger alttraditioneller Cherem gegen einen, der Doppelehe Schuldigen, ausgegangen wäre. Die Gerechtigkeit aber muß zugeben, daß diese Zustände nicht die Schuld des Chachambaschi oder des Konsistoriums sind, sondern daß der absolute Mangel an Einkünften die vollständige Stockung des Gemeindeorganismus herbeigeführt hat Alle Repressivmaßregeln des Großrabbinats zur Eintreibung der Gabella sind bisher unzureichend geblieben; es wurde und wird gegen das Verbot der Gemeindebehörden ohne Zahlung der Steuer geschlachtet. Die durch die Konstitution gewährleistete Gewerbet'reiheit steht den aufsässigen Fleischern und Schochetim schirmend zur Seite. Der Großrabbiner gedenkt nun noch ein letztes Mittel zu versuchen, um der unerträglichen Lage ein Ende zu bereiten. Künftighin sollen nicht mehr die Fleischer, sondern die Schächter für die Gabella haftbar gemacht werden und zu ihrer Einlieferung verpflichtet sein. Diejenigen, die sich nicht fügen, sollen mit. Hilfe der Behörden an der Ausübung des Schächtens4 gewaltsam gehindert werden. Wie verlautet, ist ein renitenter Schochet bereits verhaftet worden. Der Chachambaschi hofft von dieser Maßregel Besserung. Sollte diese jedoch wider Erwarten ausbleiben, so wird Rabbi Nahum den großen Mischlisch zusammenrufen, um von ihm Beschlüsse einschneidend reforniatorischer Art zu verlangen, die geeignet sind, die zur Deckung des jetzt bereits kolossalen Defizits und zur Aufbringung der notwendigsten Gehälter und Schulsubventionen hinreichenden Einkünfte zu gewährleisten. Als Mittel hierzu wird er der Versammlung die Schaffung einer Gemeindesteuer nach europäischem Muster und die entsprechende Abänderung der in dein Staatsprivileg enthaltenen Organisationsforrn der Gemeinde vorschlagen. Für den Fall, daß diese Vorschläge nicht durchdringen sollten — und die Reichen, auch die bisherigen Freunde Rabbi Nahums, werden zweifellos einer solchen allgemeinen Steuer energischen Widerstand entgegensetzen — oder wenn der Mischlisch' nicht andere, absolut wirksame Maßregeln zu beschließen in der Lage ist, wird Rabbi Haim Nahum seine Demission einreichen. Die Entwicklung der Angelegenheit verdient alle Aufmerksamkeit. Wieder ein Brand in Haskiöi Am vergangenen Dienstag brach in der jüdischen Vorstadt Haskiöi, die erst vor einem Jahre, wie erinnerlich, eine furchtbare Brandkatastrophe durchzumachen hatte, ein nächtliches Feuer aus. Einundvierzig Häuser wurden eingeäschert. Zum Glück betrifft das Unglück diesmal nicht die Allerärmsten, wenigstens nicht zum überwiegenden Teil. Aus den vom vorigen Jahre durch ein gemeinsames Komitee aufgebrachten Mitteln sind tausend Mark für die Obdachlosen angewiesen worden. Die im vorigen Jahre beschlossene Leihkasse wird, wie bestimmt verlautet, noch im Laufe dieser Wocho, endlich, ins Leben treten. Ehrung eines palästinischen Forschers Aus Tunis wird der „N. J. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Der durch die Entdeckung des wilden brweizens in der wissenschaftlichen Welt bekannt gewordene Agronom Aaronsohn aus Palästina unternahm im Auftrage des unter Vorsitz von Professor Warburg, Berlin, stehenden Komitees zur Schaffung einer landwirtschaftlichen Versuchsstation in Palästina, dem eine^Reihe namhafter Gelehrter aus verschiedenen Ländern angehört, eine wissenschaftliche Exkursion im Interesse der genannten Versuchsstation nach Südfrankreich, Italien, Tunis und Algerien. Von Frankreich aus schloß sich Herr Aaronsohn einer Gesellschaft französischer Gelehrter an, die eine Forschungsreise nach Tunis unternahmen. Hier