Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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442 DIE ELT No. 20 P t f \l k r?t » * » p Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Das neue Ministerium Das neue, wirklich jungtürkische Ministerium ist nun endlich gebildet. Das Verlegenheitskabinett Tewfik Pascha war nahe daran, wieder ernste Kritik wachzurufen. Die. Patrioten fürchteten von seiner Ünbestimmbarkeit und Schwächlichkeit gefährliche Folgen für die eben erst glücklich wieder befestigten Zustände. Es waren Anzeichen dafür vorhanden, daß die Reaktion noch nicht vollkommen zertreten war, und alles rief nach einem starken, seiner Stärke bewußten Regiment, das den Belagerungszustand und die Diktatur der Armee, die doch nicht ewig währen können, endlich ablösen sollte. Noch am 2. Mai war ein Nachklang der Militärrevolte zu ersticken; die Marineinfanterie, einer der schlimmsten Truppenkörper der alten Garnison, mußte gewaltsam entwaffnet werden. Und am gleichen Tage wurde ein Putsch der Kurden, die für Abdul Hamid manifestieren wollten, von den wachsamen Heeresposten rechtzeitig entdeckt und im Keime vernichtet. Auch aus den asiatischen Provinzen kamen Nachrichten, die nicht ganz beruhigend klangen. Die siebte Division sollte bereit gewesen sein, sich der massakrierenden, konstitutionsfeindlichen'Volksmasseanzuschließen und für den gestürzten Sultan auf den Plan zu treten. All das alarmierte die jetzt so leicht erregbare öffentliche Meinung und ließ sie mit fiebernder Ungeduld nach den starken neuen Männern rufen. Die Radikalsten plädierten für einen Großwesir, der aus dem Heere hervorginge, und nannten Mahmud Schefket Pascha den heldenhaften greisen Führer der Freiheitsarmee. Andere riefen nach Ferid Pascha, der zwar unter dem alten Regime noch das Staatssiegel geführt hatte, aber trotzdem als Mann moderner Ideen gilt und vor allem durch seine außerordentliche Tatkraft bekannt ist. Die dritten bestanden auf Hilmi Pascha. Die letzte Kombination wurde Wirklichkeit. Damit erhielt Hilmi die Genugtuung, die das Reich ihm schuldig war, da er bis zum 13. April das volle Vertrauen der Volksvertretung besessen hatte und nur verräterischerweise von Abdul Hamid den durch ihn selbst aufgewiegelten und bezahlten Massen geopfert worden war. Obwohl nun Hussein Hilmi Pascha wegen seiner mangelnden Umsicht vor der Militärrevolte, die ihn ja vollkommen überraschte, mancher Kritik ausgesetzt war, erweckt doch, in Anbetracht seiner ganzen festen und von allgemeinem Vertrauen getragenen Persönlichkeit, seine Ernennung große Genugtuung und Zuversicht. Die zweite Hairptstütze des Kabinetts ist der schon genannte Ferid Pascha, dem mit dem Ministerium des Innern der Spielraum für seine Energie gegeben wurde. Man erwartet von seinen Maßnahmen die schnellste Beseitigung aller noch drohenden Schwierigkeiten, die übrigens nach den neuesten Meldungen aus der Provinz doch nicht als so ernst erscheinen. Der Minister findet in den Schrittendes Armeekommandanten, der bedeutendeTruppenkontingente nach Kleinasien hinübergeworfen hat, bereits treffliche Vorarbeit. Ein Krieg zwischen türkisch Asien und türkisch Europa scheint, nach den Versicherungen Schefket Paschas, nur eine schwarzseherische Schreckidee und durch nichts in der Wirklichkeit gerechtfertigt. Das Arbeitsministeriuni, für uns so ziemlich das wichtigste, ist den gleichen Händen anvertraut geblieben; der Ackerbau untersteht Aristidi Pascha, dem bisherigen zweiten Vizepräsidenten der Kammer. Dem Finanzministerium ist Dschawid Bej, einer der glänzendsten Gestalten in „Union et Progres", als Unterstaatssekretär beigegeben worden. Wie wir aus guter Quelle erfahren, ist die Berufung Nissitn Masliahs auf den gleichen Posten beim Ministerium des Innern als bevorstehend zu betrachten. Doch gedenkt Masliah diesem Rufe unter dem gegenwärtigen Ministerium, das ihm wohl noch nicht als das endgültig bleibende erscheint, noch nicht Folge zu leisten. Jedenfalls ist er zweifellos einer der kommenden Männer. Die Regierenden scheinen bestrebt, allen Elementen des Reiches eine Vertretung in der Exekutive zu verschaffen, und so werden auch wir Juden, wie die Armenier ihren Noradunghian und die Griechen ihren Aristidi, früher oder später unsern Minister haben. Wir werden begreiflicherweise Nissirn Masliah lieber als jeden andern an dieser Stelle sehen. Die Geheimnisse des Jildis Während Abdul Hamid in der Villa Allatini zu Salonik seine finstern Tage beschließt und überall im Reiche aus den öffentlichen Gebäuden und Institutionen sein Name gelöscht wird, durchwühlt eine Untersuchungskommission in seiner verlassenen Zwingburg droben die Reste seiner Herrlichkeit. Zurückgelassene Frauen, die ihn anscheinend nicht werrger hassen als die Aufgeklärten des Volkes, und der Eunuch Nadir Agha, eines seiner Werkzeuge von ehemals, dienen als Führer in dem mysteriösen Labyrinth. Es sind in einer Gewölbekammer, in seinen Privatgemächern und der berühmten Tischlerwerkstatt, die Hamids Sport bildete, fabelhafte Reichtümer in Gold, Banknoten, Wertpapieren, Kleinodien und Kunstgegenständen entdeckt worden, deren Äquivalent bis jetzt auf etwa 110 Millionen Mark zu schätzen ist. Dieser ehemalige Volksbesitz, denn um Anhäufung von unrechtmäßig entzogenes nationales Gut handelt es sich, wird natürlich nun dem Staat wieder zugute kommen, der dadurch in die glückliche Lage gerät, einer Anleihe überhoben zu sein. Auch das übrige Vermögen Abdul Hamids, das auf das fünf- bis sechsfache des bereits eingezogenen geschätzt wird und in den großen Banken der alten und neuen Welt niedergelegt ist, wird konfisziert werden. Die nötigen diplomatischen Schritte zur Beschlagnahme der Summen sind bereits eingeleitet. Ein im Jildis vorgefundenes Heft gibt ein peinlich genaues Verzeichnis aller dieser Posten des Hamrdschen Reichtums. Funde von anderm Charakter, die vielleicht nicht minder wichtig sind, treten nun gleichfalls in großen Mengen zutage. Es sind die Korrespondenzen des Sultans mit Kabinetten, Herrschern und Privatpersonen, die sorgfältig geordnet von ihm aufbewahrt wurden. Arn interessantesten sind die Haufen „Dschurnals", Spionenberichte, deren bereits zwei Wagenladungen voll beschlagnahmt wurden. Sie geben den genauesten Aufschluß über die ganze Geheimgeschichte des Jildis und stellen erbarmungslos alle die gefährlichen Elemente bloß, die jahrzehntelang das Unglück des Landes ausgemacht haben. Jetzt wird endlich die Möglichkeit gegeben sein, die verborgensten dieser Giftpflanzen aufzufinden und auszurotten. Unter den notorischen Spionen, sogar denen großen Stils, nimmt nach diesen Dschurnals der Exchefredakteur des „Ikdam", der Geschichtsprofessor Ali Kemal, einen ersten Rang ein. Dieser verkleidete Frciheitsheld ist als eine der traurigsten Gestalten der Neutürkei entpuppt. Und wieder ist mit ihm eine der Säulen der sich so stolz gebärdenden „Union liberale" gefallen. Erst Ismail Kemal, der so gern Minister, dann Kammerpräsident sein wollte, dann Ali Kemal, und nun scheint noch als dritter der eigentliche geistige Führer der „Ahrar", Fasli Bej, der Zwillingsbruder Prinz Sabaheddins, an die Reihe zu kommen. Er ist dieser Tage verhaftet und dem Kriegsgericht überliefert worden; es sollen schwer kompromittierende Beweisstücke für seine Teilnahme an der Organisierung des reaktionären Aufstandes existieren. Selten hat eine politische Partei unter so glänzenden Auspizien und Voraussetzungen begonnen, selten aber auch ein so klägliches Ende genommen, als diese „Union liberale", die eine gesunde Theorie durch morsche Vertreter kompromittierte. Staatsreligion und Nebenreligionen Bei der Diskussion des neuen Konstitutionsentwurfs, der in den letzten Tagen die Kammer angestrengt beschäftigte, rief der Paragraph 11 eine besonders lebhafte Kontroverse hervor. Er lautet folgendermaßen: ..Der Islam ist die Staatsreligion." „Indem er dieses Prinzip wahrt, gewährt der Staat seinen Schutz der freien Ausübung aller im Reiche anerkannten Kulte und hält die religiösen Privilegien aufrecht, die den verschiedenen Religionsgemeinden bewilligt sind, unter der Voraussetzung, daß der öffentlichen Ordnung und den guten Sitten dadurch kein Eintrag geschieht." Die letzte Bemerkung wurde begreiflicherweise als beleidigend für die nichtmoslemischen Bekenntnisse angesehen. Die Führer der Griechen haben ein Memorandum in diesem Sinne dem Kammerpräsidium eingereicht und in der Debatte verfochten. Die jüdischen Deputierten haben ein analoges Vorgehen anscheinend nicht für notwendig erachtet. Vielleicht weil sie überzeugt waren, daß der beanstandete Satz aus Voraussetzungen und Erfahrungen der Staatspraxis erwachsen ist, die mit der jüdischen Gemeinschaft die allergeringsten Beziehungen haben. Vermutlich sind die Kirchenkämpfe in Mazedonien und jüngstens in Jerusalem die Veranlassung gewesen. In der Parlamentsdebatte gelang es den Wortführern der Kommission, die den Gesetzentwurf vorbereitete, die Griechen über den Sinn des Paragraphen zu beruhigen und ihre Opposition auszuschalten. Ein Versuch, den Begriff der Staatsreligion überhaupt auszuschalten, wurde mit dem Hinweis auf die Praxis der christlichen Staaten Europas aus dem Felde geschlagen. Jemen eine autonome Provinz? Hiesige Blätter bringen die Meldung, daß man in leitenden Kreisen mit der Absicht umgehe, der Provinz Jemen Autonomie zu bewilligen. Man erhoffe, durch diese entgegenkommende Maßregel den ewigen Kämpfen mit den arabischen Stämmen dieser Gegend