Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316372--51910-3345592- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 20 DIE Mq£E LT 441 Die jüdische Wanderung ist eine lief eingreifende, dauernde Erscheinung des nationalen Lebens, der die jüdischen Parteien und die Intelligenz bis nun wenig Beachtung schenkten. Der Aufruf weist auf die Leiden der hilflosen Emigranten hin, die in den Ländern der Auswanderung der gewissenlosen Ausbeutung der Agenten und Schiffahrtsgesellschaften freigegeben sind und allerlei Demüigungen zu ertragen haben. Im Ankunftslande sich selbst überlassen, ohne Auskunft über die Erwerbsmöglichkeiten im Innern des Landes, überfüllen die jüdischen Einwanderer eine beschränkte Anzahl von Industrien in den großen Zentren. Das Ergebnis dieser planlosen Imm gration ist die allerschärfste Konkurrenz unter den Juden, ein Rückgang des Wohlstandes der jüdischen Gemeinden, eine Verschlechterung der Lebens- und Wohnungsverhältnisse, die hygienischen Zustände verlangen Abhilfe. Die Gesellschaft erstrebt eine planmäßige Ablenkung der jüdischen Einwanderung nach neuen Ortschaften und neuen Erwerbszweigen, womöglich die Zuwendung zum Ackerbau. Dies kann nicht den Wohltätigkeitsgesellschaften überlassen bleiben. Ein nationales Problem von derartiger Größe erfordert die Anstrengung aller jüdischen Volkskräfte, die Schaffung einer allgemeinen Volksorganisation, die die Interessen der jüdischen Emigration in allen ihren Stadien wahrzunehmen hat. In dieser großen Volkssache hat das Judentum Amerikas die wichtigste Arbeit zu leisten — die Gründung von neuen Siedelungszentren zu fördern, den Einwanderern neue Arbeitszweige zugänglich zu machen, eine genaue wissenschaftliche Information ins Leben zu rufen. Wie wir erfahren, ist man auch in Westeuropa am Werke, eine analoge Volksorganisation in den Ländern der Durchwanderung zu schaffen. Das Angebot Achmed Risas in der amerikanisshen Presse Die bemerkenswerte Ansprache Achmed Risas an den türkischen Großrabbiner, worin er die Juden aufforderte, nach der Türkei einzuwandern, wo sie eine gesicherte Heimstätte finden würden, hat in der ganzen jüdischen Presse einen kräftigen Widerhall gefunden. Aus den zahllosen sympathischen Preßstimmen der letzten Wochen bringen wir nachstehend einen Auszug aus einem Artikel des „Boston Advocate", worin es heißt: Das türkische Angebot Es liegt jetzt eine Bestätigung vor über das glänzende Angebot, welches die führenden Geister der Türkei den Juden gemacht haben. In der Tat, es ist mehr als ein Angebot; eine Hand des Willkommens und der Brüderlichkeit wird uns entgegengestreckt in einer so hochherzigen Weise, wie sich niemals ein anderes Volk gegen die Juden gezeigt hat. Nicht allein, daß Achnied Risa Bey den Leidenden in Israel eine dauernde Heinistätte anbietet, wofür wir ihm schon allein dankbar sein müssen, sondern die Türkei verlangt die tatkräftige jüdische Mitarbeit. Sie braucht die Juden, und sie erkennt, daß sie dieselben braucht. Nicht nur, daß auf diese Weise eines der wichtigsten zionistischen Argumente durch die gegenwärtigen Ereignisse gerechtfertigt wird, sondern es bedeutet auch die Gewährung der Gleichberechtigung der Juden in einem Umfange, wie sie solche nirgendwo erlangen können. Es ist genau das, was Theodor Herzl für das jüdische Volk zu erreichen suchte, als er die Blicke auf Zion richtete. Es ist derselbe Geist, der die amerikanische Presse erfüllt, wenn sie von der skandinavischen Einwanderung, aber niemals von der jüdischen schreibt. Der Willkommgruß, welcher dem jüdischen Volke vom Präsidenten der türkischen Deputiertenkammer dargebracht worden ist, beschränkt sich augenscheinlich nicht auf Palästina, sondern erstreckt sich auch auf Mesopotamien, das ein Teil des größern Palästinas ist, daher ein Feld, das zu bearbeiten die Zionisten bereit sind. Und deshalb sollten alle jüdischen Gedanken jetzt auf dieses Angebot gerichtet sein. •Zwei Dinge haben sich während der letzten zehn Jahre als wahr erwiesen. Erstens, kein Land außer der Türkei bietet den Juden, welche gezwungen sind, auszuwandern, eine wirkliche Heimstätte; zweitens b etet die Türkei, ihr Volk, ihr Sultan, ihre Volksvertreter dem jüdischen Volke nicht nur ein herzliches Willkommen dar, sondern sie wünschen die Mitarbeit der Juden an der Wiederaufrichtung ihres Reiches. Diese Haltung trägt in sich die Elemente der Beständigkeit. Sie hat nichts zu tun mit Politik, sondern sie scheint dem Muselman natürlich zu sein. Politische Konstellationen mögen dieselbe beinflussen, aber sie können sie nicht zerstören. Die vergangene Revolution beeinträchtigt in keiner Weise den Wert dieses Angebots. Es würde deshalb ratsam sein, wenn alle jüdischen Bestrebungen sich auf eine erfolgreiche jüdischorientalische Bewegung richteten. Es ist Zeit, daß alle Parteien ihre kleinen Sonderbestrebungen und Streitigkeiten jetzt beiseite schieben. Es ist eine Zeit für das jüdische Volk, Rat zu halten. Es ist eine Zeit, in der die Masse der Vertreter des Judentums von allen vier Ecken der Welt zusammenkommen müssen, urn die Erlösung des jüdischen Volkes in die Tat umzusetzen. Scheinbar sind wilde Träume in das begrenzte Land der absoluten Möglichkeiten eingezogen. Das theoretische Argument kann fallengelassen werden, denn diese Arbeit kann getan werden. Wie heißt es bei Theodor Herzl? Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen! Ein jüdischer Weltkongreß müßte jetzt vorbereitet werden. Dieser Kongreß sollte stattfinden in diesem Lande, dessen Juden am besten geeignet sind, diejenigen Projekte zu finanzieren, wie sie zu solchen Bewegungen gehören. In diesem Lande wohnt die Mehrheit der Juien, welche in Freiheit leben. Und die Juden dieses Landes können nur gewinnen, wenn sie ihren Miibürgern solch ein Bild jüdischer Intelligenz und jüdischen Idealismus zeigen, wie ein solcher Kongreß es bieten würde. Die großen Türen zum Osten haben sich geöffnet. Ein neuer Hauch von Hoffnung schwebt durch die ungesunden Ghettos. Möge jeder Jude sein Scherflein dazu beitragen, diese Hoffnung in die Wirklichkeit umzusetzen. Ein Regierungsdepartement für Einwanderung Die vom Gouverneur Hughes eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Einwanderungsfrage im Staate New-York hat ihre Arbeit beendigt und einen Bericht erstattet, der interessante Streiflichter auf die Bedingungen wirft, denen die nach New-York Einwandernden entgegengehen. Die Kommission hat folgende Mißstände festgestellt: Anhäufungder Einwanderer im Staate New-York, wo drei Viertel der Fremden ankommen und bleiben. Das bedeutet in manchen Jahren eine Million Menschen. Diese Einwanderer sind schlechten Lebensbedingungen, einer unmoralischen Umgebung und der Ausbeutung unterworfen und bleiben oft arbeitslos. Die Institutionen zur Verteilung der Einwanderer auf die verschiedenen Gegenden sind alle privater Natur und arbeiten ungleichmäßig. Viele Einwanderer bleiben in der Stadt, die gerne draußen arbeiten möchten, weil ihnen nicht bekannt ist, daß an vielen Plätzen Arbeiter sehr gesucht sind. Die Einwanderer werden ausgebeutet durch Auswanderungsagenten, durch Winkelbanken, — allein im letzten Jahre sind 25 solcher „Banken" in New-York verkracht durch Schifffahrtsagenten, durch Winkelkonsulenten, die ihnen falsche Papiere "verschaffen, durch Winkeladvokaten, durch gewissenlose Händler usw. usw. All dies ist möglich wegen der Unwissenheit der Einwanderei und ihrer Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse. Die Kommission empfiehlt daher die Einsetzung einer staatlichen Behörde, die die Verteilung der Einwanderer auf das Land durchführen, sie vor Ausbeutung schützen und die Erziehung der einwandernden Jugend befördern soll. Die jüdische Qroßgemeinde New York Zum geschäftsführenden Vorsitzenden der neugegründeten jüdischen Großgemeinde New York, ein Zusammenschluß der zahlreichen Einzelgemeinden New Yorks zu einer einheitlichen großen Organisation, ist der Urheber dieser Neuorganisation, unser Gesinnungsgenosse Rabbiner Dr. Magnes gewählt worden. Die neue Organisation hat ihre Verwaltungsräume in die Hebrew Charities Building, 356 Second Avenue, verlegt und alle Geschäfte werden schon von dort aus erledigt. Die Räume sind auch für Versammlungen und Konferenzen der Beamten und der Mitglieder der verschiedenen Organisationen geöffnet. Das Propagandakomitee, an dessen Spitze Herr Dr. Joseph Silverman steht, plant jetzt eine Aktion einzuleiten mit dem Zweck, die weiiere Mitwirkung der jüdischen Körperschaften und Vereine von New York an dem Werke der Gemeinde herbeizuführen. Dieses Komitee soll durch mehrere Mitglieder des Vorstandes vergrößert werden. Es soll eine Rednerliste von Mitgliedern und Delegierten aufgestellt werden, welche ihre Dienste zugunsten der Jüdischen Vereinigung in New York zur Verfügung stellen wollen. Rednersollen in alle Versammlungen und Vereine, welche sich mit den Zielen und der beabsichtigten Arbeitder Gemeinde bekannt machen wollen, gesandt werden. In Übereinstimmung mit dem Beschluß der konstituierenden Versammlung wurde die Eröffnungsansprache des Vorsitzenden Dr. Magnes, welche den Plan der Gemeinde kurz skizziert, in Form eines Flugblattes veröffentlicht und an alle Delegierten, Beamten und viele Personen in New York und andern Städten, welche an der jüdischen Gemeindearbeit interessiert sind, verteilt.