Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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440 DIE^ELT v No. 20 ir * Chazanowicz (Poale-Zion) erklärt, daß die Poale-Zion für nationale Arbeit im öolus seien. Redner drückt seine Freude darüber aus, daß die Territorialisten zu Erez Israel zurückgekehrt seien und bezeichnet diese Rückkehr als mutiges Bekenntnis zur Wahrheit. Die Zeit der Vereinigung ist früher gekommen, als wir zu träumen wagten, und wenn die Parteien auf de.r Höhe ihrer Aufgaben stehen und einander loyal entgegenkommen werden, wird diese Konferenz historische Bedeutung haben. Apfelbaum (Poale-Zion) meint, daß Mesopotamien nicht als besonderer Punkt in das Programm aufgenommen zu werden brauche, da das zionistische Programm ohnedies die Nachbarländer Palästinas umfasse. Goldberg (Sozialist-Territorialist) spricht für Aufnahme von Mesopotamien in das Programm, damit jeder glauben könne, daß seine Partei gesiegt habe. Redner müsse allerdings gestehen, daß die andern Parteien sich der „Poale Zion" genähert haben und nicht umgekehrt. Ein Redner, Davidowicz (Sozialist-Territorialist), der begeistert von Mesopotamien sprach, jedoch in die alte Tonart der Hoisten über Palästina verfiel, rief bei der „Poale Zion" starken Widerspruch hervor, und die Verhandlungen begannen eine Form anzunehmen, die die Vereinigungsidee beinahe zum Scheitern brachte. Die vernünftigem Elemente griffen jedoch beruhigend ein. Namens der „Poale-Zion" apostrophiert Chazanowicz die Sozialisten-Territorialisten und fragt sie, ob sie denn nicht in Palästina arbeiten wollen, in dem Lande, wo schon heute ein jüdisches Zentruni vorhanden ist, welches nur verstärkt zu werden braucht, damit die Juden eine Majorität oder zumindest eine bedeutende Minorität bilden, die die kulturelle Führung des Landes übernehmen könne. Eine solche Arbeit von sich zu weisen, wäre geradezu ein nationales Verbrechen. Sind die Sozialisten-Territorialisten für diese Arbeit, dann ist die Basis für die Vereinigung geschaffen. Dr. Syrkin appelliert an die „Poale Zion", sich nicht auf den Standpunkt von Siegern zu stellen und eine Spaltung herbeizuführen. Er, Redner, stimme keineswegs mit Davidowicz überein. Es müsse eine breite Plattform für nationale Arbeiten geschaffen werden, andernfalls würde die Bewegung verkümmern. Palästina und Mesopotamien sind ein und dieselbe Sache. Würde man sich nur auf Palästina beschränken, dann könnte man große nationale Kräfte schwer entfesseln, weil der Arbeitsplan zu klein wäre. Vor Abstimmung über eine vorliegende Resolution ziehen sich die Vertreter der „Poale-Zion" zu einer kurzen Beratung zurück 'und erklären nach Rückkehr in den Saal, daß sie vorher in einer Sitzung ihres Zentralkomitees sich über die Vereinigungsfrage endgültig beraten müssen. Um aber nicht resultatlos auseinanderzugehen, wurde vorläufig folgende Resolution angenommen: „Die Konferenz beschließt, daß eine Umwandlung aller existierenden jüdisch-national-sozialistischen Parteien in eine „allweltlich" jüdisch-national-sozialistische Partei jetzt wünschenswert und möglich ist." Diese Resolution wird einstimmig unter großem Enthusiasmus angenommen. Die zweite Sitzung fand am 11. April statt. Sie brachte zwar noch nicht die erstrebte Vereinigung, bewirkte jedoch eine merkliche Annäherung der vertretenen drei Parteien. Die Poale Zion legten eine Resolution vor, welche die unbedingte Anerkennung des Baseler Programms und den Eintritt in die zionistische Organisation fordert. Dies soll die Voraussetzung für eine Vereinigung bilden. Um den Territorialisten entgegenzukommen, empfiehlt die Resolution gleichzeitig dem Zionisten-Kongreß, seine Aufmerksamkeit der Kolonisation Mesopotamiens durch Juden zuzuwenden. Diese Resolution erklären die Territorialisten und Sejrnisten für unannehmbar. Dr. Zitlowsky legte hingegen folgende Resolution vor: „Ohne der endgültigen Präzisierung der Vereinigungspunkte vorzugreifen, drücken wir den Wunsch aus, daß die Vereinigung auf Grund der gleichzeitigen Arbeit für das zionistische Endziel, der Kolonisation von Palästina und seiner Nachbarländer, besonders von Mesopotamien, und der nationalen Arbeit im Qolus erfolgen möge. Die letztere Arbeit muß unter den Gesichtspunkten des territorialistisch-zionistischen Endziels geführt werden." Chazanowicz (Poale Zion) legt eine Resolution vor, welche die Priorität Palästinas gegenüber den Nachbarländern festlegt. Dr. Syrkin meint, daß die Resolution der Poale Zion gegen das zionistische Programm sei, welches die Nachbarländer von Palästina anerkennt. Persönlich stehe Redner auf dem Standpunkt, daß Palästina an und für sich einen Wert habe. Jedenfalls seien Palästina und Mesopotamien nur ein Land. Für Mesopotamien werde man von der türkischen Regierung leichter Konzessionen erlangen. Dr. Syrkin legt eine Resolution vor, wonach alle palästinensischen Möglichkeiten für die Kolonisation der Juden auszunützen seien. Bei der Abstimmung wird die Resolution der Poale Zion von den andern Parteien abgelehnt. Die Resolution Dr. Zitlowskys wird mit den Stimmen der Territorialisten und der Sejrnisten angenommen. Von der Poale Zion stimmen zwei für und die übrigen gegen diese Resolution. Die Resolution von Chazanowicz (Anerken nung der Priorität Palästinas) wird mit den Stimmen der Territorialisten und der Sejmowzes sowie jener zweier Poale Zion angenommen. Die Mehrheit der Poale Zion enthielt sich der Abstimmung. Mit demselben Stimmenverhältnis wurde auch Dr. Syrkins Resolution, „alle palästinensischen Möglichkeiten auszunützen", angenommen. Damit fand die Konferenz noch nicht ihr Ende. Es wurde noch beschlossen, eine Vereinigungskommission einzusetzen, welcher drei Mitglieder von jeder Partti angehören sollen und welche eine Vereinigung auf Grund der angenommenen Resolutionen herbeizuführen versuchen soll. Die Konferenz selbst wird in ihren weitern Sitzungen über die Vorschläge der Vereinigungskommission beraten. Wenn eine vollständige Vereinigung sich als unmöglich erweisen sollte, dann soll wegen einer Vereinigung auf Grund eines Minimalprogramms, besonders der nationalen Arbeit im Golus beraten werden. Eine Volksorganisation zur Regelung der Emigration Aus New-York schreibt man uns über die neue Emigrationsgesellschaft, über die wir in unserer vorletzen Nummer aus London berichtet haben: Ende Februar d. Js. trat hier eine Konferenz zusammen, die von etwa 100 jüdischen Gesellschaften und Organisationen verschiedener parteipolitischer Färbung zahlreich beschickt war. Der Zweck der Beratung, an der 250 Delegierte teilgenommen haben, war die Schaffung einer volkstümlichen Organisation zur Regelung der jüdischen Einwanderung nach den Vereinigten Staaten. Nach zweitägiger eingehender Diskussion wurde die Begründung der „Amerikanisch-jüdischen Gesellschaft zur Regulierung der Immigration" beschlossen. Nachstehende Resolutionen, die das Wesen der neuen Organisation kennzeichnen, gelangten zur Annahme. 1. Die neubegründete Gesellschaft muß durchaus parteilos sein. 2. Die Organisation bekämpft alle Körperschaften, die die gesetzliche Einschränkung der Einwanderung erstreben, ohne jedoch die Immigration aus andern Ländern zu fördern und zu ermuntern. 3. Ortsgruppen der Gesellschaft zur Regulierung der Immigration sollen allerorten in Amerika errichtet werden, um die breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung zu dieser Arbeit heranzuziehen. 4. Die neue Gesellschaft wird beauftragt, sich mit den in den Ländern der Durchwanderung und der Emigration bestehenden Körperschaften in Verbindung zu setzen, zu welchem Zweck ein Weltkongreß für die Fragen der jüdischen Emigration einzuberufen ist. o. Die Gesellschaft wird beauftragt im Einvernehmen mit der „Hebrew Immigrant Aicl Society" vorzugehen, deren Wirksamkeit von der Konferenz als höchst nützlich anerkannt wurde. 6. Die Konferenz tritt an die jüdische Presse mit der Bitte heran, der neuen Gesellschaft ihre Unterstützung zu leihen. Das 48 gliedrige leitende Komitee der Gesellschaft, an deren Spitze Herr Dr. Halpern steht, vereinigt Vertreter der genannten „Hebrew Immigrant Aicl Society", der galizischen, rumänischen und ungarischen jüdischen „Landsmannschaften" und aller politischen Gruppen des Landes, die sich für die Einwanderung interessieren, der zionistischen Föderation, der Soz. Org. Poale-Zion, der Sozialistischen Arbeiterpartei (S. L. P.), der Jüdischen Sozialisten („Szejmisten"), der Soz.-Territorialisten (S. S.) und anderer Körperschaften. Das Komitee, dem unter anderen die Herren Meyersohn, Semel, Dr. Moskowitz, Pain, Fornberg, AI. Harkawy, Dr. Schitlowsky, Dr. N. Syrkin, Neuman, A. Markus und Goldin angehören, beschloß die Errichtung eines Informationsbureaus vorläufig in New-York, dem ein wissenschaftlicher Beirat, bestehend aus Prof. Hoorwitz, Dr. Gisin und Schloßberg, zur Seite stehen wird. Das Komitee geht daran, einen eingehenden Bericht über die abgehaltene Konferenz als Broschüre zu verlegen, und erklärt sich bereit, Vereinen und Organisationen auf Wunsch Vortragende über die Emigrationsfrage zur Verfügung zu stellen. In einem Aufruf an die jüdische Bevölkerung werden die Aufgaben der „Immigrationsgesellschaft" in sehr eindrucksvollen Worten auseinandergesetzt. Der Aufruf hebt die Bedeutung der Emigration für das jüdische Volksleben hervor. Ökonomische Not und national-politischer Druck nötigten Millionen Juden zum Wanderstab zu greifen. Millionen sind bereit, ihnen zu folgen.