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Die Welt · 1909-05-14 · 20 (14.5.1909) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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—- auf, um dann bei den für Tragödien wenig empfänglichen Wienern mit einer alten Posse — „Einer von unsere Leut'" —, deren Held Isaak Stern ist, stürmischen Heiterkeitserfölg zu erzielen. Schließlich führt die „Neue Wiener Bühne" Heyermanns „Ghetto" auf. Und dieser Überfluß an jüdischen Stücken in einer Stadt, deren große Zeitungen jüdische Theaterreferenten haben, die — um mit einem Wiener Theaterdirektor zu sprechen — die Aufrollung der Judenfrage auf der Bühne mit großem Unbehagen sehen. Wir sehen sie auch erstaunt und kopfschüttelnd niederschreiben: „Viel Beifall! Zu viel Beifall . . Das Publikum leistet ihnen keine Gefolgschaft mehr. Merkwürdig! England (Von unserm Berichterstatter) Die Ito und das mesopotamische Projekt Die erste öffentliche Versammlung seit dem Fehlschlagen des Cyrenaicaprojektsv in der Mr. Israel Zangwill sprach, fand am Montagabend, den 10. d.M. in der Great Ass'embly Hall im Eastend statt. Herr Meyer Spielman, Präsident der britischen Ito Föderation, führte den Vorsitz. Er kündigte die Rede Zangwüls in einer Form an, die erkennen ließ, daß er selbst den Ausführungen des Redners programmatische Bedeutung zumesse. Mr. Zangwill erwähnte zunächst kurz das Fiasko des Cyrenaicaprojekts. Nachdem sich dieses Land als ungeeignet erwiesen haben, bleibe von den zwei Ländern, die der Rat der Ito unter zehn, die insgesamt zur Diskussion standen, als empfehlenswert bezeichnet habe, nur Mesopotamien übrig. Auf dieses Land müssen sich jetzt alle jüdischen Kolonisationsbestrebungen konzentrieren. Bevor er des Nähern die spezielle Eignung Mesopotamiens für eine jüdische Großkolonisation belegte, sprach der Redner des Langen und Breiten über den gegenwärtigen Zustand der zionistischen Bewegung. Diese habe nur ein Programm, aber keinen Arbeitsplan. Die Ito aber hat Pläne, die zwar bisher sämtlich fehlgeschlagen sind. Nun aber 'gilt es, das Volk auf einen Plan zu einigen, und der heißt Mesopotamien. Vor wenigen Monaten erst habe Sir William Willcocks einen Bericht über die Möglichkeit einer Besiedelung Mesopotamiens ausgearbeitet. Der berühmte Ingenieur kommt darin zu dem Schlüsse, daß mit einem Aufwand von nur 150 Millionen Mark mehr als 3 Millionen Ar Land in Mesopotamien derart kultiviert werden könnten, daß jährlich 20 Millionen Mark Erträgnis daraus zu erzielen wären. Das Projekt liege jetzt dem türkischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten vor, von dem bereits dem Großvesir darüber berichtet worden sei. Dieses Unternehmen müsse vom jüdischen Volk ausgeführt werden, das der türkischen Regierung das erforderliche Kapital, die Arbeitskräfte und die Volksmassen liefern könne. Auch Achmed Riga habe sich öffentlich dafür ausgesprochen. Das jüdische Volk müsse aber verlangen, daß ihm die Möglichkeit einer großen Kolonisation mit Selbstverwaltungsrecht gegeben werde, ebenso mißte das Einwanderungsverbot in Palästina aufgehoben werden. Mesopotamien sei von der Geographischen Kommission der Ito zwar noch nicht erforscht. Er wisse daher nicht, ob der Plan ausführbar sei. Aber er habe bereits die Versicherung, daß, wenn er sich als praktisch ergebe, ihm die Sympathien der führenden jüdischen Kreise nicht fehlen werden, gleichviel, ob manche von ihnen das Projekt auf einer kleinern Basis, zu einer spätem Zeit, oder auf eine andere Weise ausführen möchten. Er sei erfreut darüber, daß „Die Welt" in ihrer letzten Nummer, ohne Palästina aufzugeben, das mesopotamische Projekt willkommen heiße. Mesopotamien sei ja schon, von Herzl in Betracht gezogen worden und gelte auch zionistisch-offiziell als zu den Nachbarländern Palästinas gehörig. Er hoffe, daß alle jüdischen Organisationen sich auf diesen Plan vereinigten. Mr. Luden Wolf brachte eine Resolution ein, die das Mesopotamien-Projekt begrüßt und an alle jüdischen Organisationen appelliert, ihre Energie auf dieses Projekt zu konzentrieren. Die Resolution wurde angenommen. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Eine Stimme in der Wüste Angesichts der herrschenden antisemitischen Strömungen gewinnt ein Memorandum an Bedeutung, daß der Staatsrat Woylilowitsch (ein Pole) der Finanzkommission des Staatsrats eingereicht hat. Der Verfasser beschäftigt sich darin mit der Frage der ökonomischen Hebung Rußlands und gelangt zu dem Schlüsse, daß für diesen Zweck die Gleichberechtigung der Juden die größte Bedeutung hätte. „Es unterliegt keinem Zweifel, schreibt dieser Deputierte, daß die Aufhebung der Beschränkungen gegen die Juden und insbesondere die Abschaffung des Ansiedlungsrayons die Möglichkeit der Ausbeutung der lokalen Reichtümer Rußlands, die Steigerung des Handels und die Hebung der Industrie zur Folge haben würde. Denn dadurch würde jüdische Arbeitskraft und jüdisches Kapital in einer dem Lande nützlichen Weise in Bewegung gebracht werden." Für die bevorstehende Religionsdebatte in der Duma haben die rechten Parteien schon jetzt angekündigt, daß sie dabei hinsichtlich der Judenfrage sich nicht die geringste Beschränkung auferlegen und sich auch um den parlamentarischen Ton nicht kümmern werden. Sie erklären offen, daß sie nicht befürchten, auch bei den schärfsten Angriffen gegen die Juden zur Ordnung gerufen oder gar von den Verhandlungen ausgeschlossen zu werden. Amerika Vereinigung der jüdischen nationalen Arbeiter» parteien Die Zersplitterung und die Spaltungen, die leider ein Kennzeichen des jüdischen Volks im Golus überhaupt sind, haben innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft in den letzten Jahren geradezu groteske Formen angenommen. Von den den nichtjüdischen Organisationen angehörigen Arbeitern und dem „Bund'* abgesehen, waren auch die bewußt nationalen Arbeiter infolge der russischen Revolution einerseits und des Ugandastreits anderseits in eine große Anzahl von Parteien zerfallen, deren Hatiptrichtungen die folgenden sind: 1. Die „Poale Zion", die bekanntlich im Rahmen der zionistischen Weltorganisation sich betätigen}; 2. die „Sozialisten-Territorialisten", die mehr oder weniger den Itoismus propagieren; 3. die „Sejmowzes", die das Hauptgewicht auf die Golusarbeit zwecks Erreichung von nationalen Autonomien legen, — als Vorbedingung für eine territorialistische Lösung der Judenfrage. Es ist nun ein bedeutsames Zeichen der Zeit, daß die letztgenannten drei Parteien im vorigen Monat zu einer gemeinsamen Konferenz in New-York zusammengetreten sind, um eine Vereinigung herbeizuführen. Die Bestrebungen zu einer Verschmelzung wurde vor allem durch die Umwälzung in der Türkei herbeigeführt. Es bedurfte nur der Anregung einer energischen Persönlichkeit, um den erwähnten drei Parteien eine Verschmelzung wünschenswert erscheinen zu lassen. Diese Persönlichkeit fand sich in Herrn Dr. Chaim Zitlowsky, dem Führer der Autonomisten, welcher nach einer langjährigen Tätigkeit in der sozialrevolutionären Partei zur Erkenntnis gekommen ist, daß der nationale Gedanke einen progressiven Faktor in der menschlichen Entwicklung darstellt. Seiner Initiative ist in erster Linie die stattgefundene Konferenz in New-York zu verdanken, an der sich die Zentralkomitees der „Poale Zion", der „Sozialisten-Territorialisten" und der „Sejmowzes" beteiligten. Vorsitzender war Dr. Zitlowsky. Der Vorsitzende stellte zunächst fest, daß der „Bund" um des Friedens willen eingeladen wurde, um ihm die Möglichkeit zum Anschluß an den zu schaffenden Bruderbund zu geben. Die Bundisten gaben jedoch zur Antwort, daß sie sich die Sache überlegen werden. Der Vorsitzende erklärte dann den Zweck der Konferenz und zählte die Ursachen auf, welche die Parteien zusammengeführt haben. Drei Grundlagen, führte er aus, sind es, auf welche die drei vertretenen Parteien sich stützen. Die Territorialisten wollen die Emigration regulieren und die jüdischen Massen konzentrieren. Die „Poale Zion" wollen dasselbe, nur halten sie Palästina für das geeignetste Land. Die Autonomisten legen den Schwerpunkt auf die Golustätigkeit und Nationalisierung der Juden in den Golusländern, erkennen aber zugleich die Notwendigkeit einer territorialen Lösung der Judenfrage an. Worin kann also ein Hindernis für die Vereinigung liegen? Palästina muß als Endziel in das Programm aufgenommen werden. Doch wird Palästina nichts verlieren durch die Ablenkung der Emigration in ein Nachbarland, was doch keinesfalls ärger wäre, als die Emigration nach Amerika. Die Golusarbeit ist für alle Parteien gleich notwendig. Dr. Sirkin (Sozialist-Territorialist) erklärt, daß die Territorialisten sich den Zionisten genähert haben. 1. Infolge der Vorgänge in der Ito, welche nach dem Fehlschlagen des Cyrenaer-Projekts die Kolonisation von Mesopotamien projektiert und 2. durch die Vorgänge im Zionismus als Folge der Umwälzung in der Türkei. Die Sejmowzes ihrerseits haben auch den Gedanken aufgegeben, daß vorher die Autonomie und dann erst ein Territorium erreicht werden müßte.

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