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Die Welt · 1909-05-14 · 20 (14.5.1909) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Wege gehen wollen, dann sollen sie die materielle Hilfe der westösterreichischen Juden nicht in Anspruch nehmen, sie mögen auf den Galizischen Hilfsverein, die Hirsch-Stiftung und die Unterstützung anderer Körperschaften verzichten. Sie sollen die zur wirtschaftlichen und kulturellen Hebung der Juden Galiziens verwendeten Summen selbst aufbringen. Kais. Rat Pollak (Bielitz) redet unter wohlwollender Duldung des Präsidenten über die galizischen Schnorrer, Haman, Esther und Purini. (Beifall.) Dr. Eben wendet sich gleichfalls gegen die Juden Galiziens, denen zum großen Teil die Feindseligkeit zuzuschreiben ist, die man den westösterreichischen Juden entgegenbringt (sie!). Wir eifahren soeben, daß nach Mitteilungen des Präsidenten Proteste von 206 Kultusgemeinden Galiziens bereitliegen, um dem Ministerium überreicht zu werden, falls wir die Gesamtorganisation beschließen. Es hat dann keinen Zweck, für die Reichsorganisation einzutreten. Wenn das Ministerium den Eindruck gewinnt, daß von 300 jüdischen Gemeinden — 206 gegen die Organisation sind, dann wird unser Gesetzentwurf in den Papierkorb wandern, aus dem Judengesetze niemals herauskommen. Es ist dann ratsamer, die Organisation nur der 100 Gerneinden Österreichs, und ohne Galizien, zu verlangen. Das würde Aussicht auf Erfolg haben. Abg. Dr. Gabel: Die Orthodoxen Galiziens sind irregeführt worden von Leuten, die die Geschäfte des Polenklubs besorgen. Man verbreitete die Verleumdung, daß der Gemeindebund zur Taufe führe. Als die Hetze bedrohliche Dimensionen angenommen hatte, verlangte ich im Ausschuß die Öffentlichkeit der Sitzungen und bat den Präsidenten, den Verleumdungen gegen den „Bund" entgegenzutreten. Unsere Anträge wurden nicht beachtet, man ließ die Verleumder gewähren! Nun will man Galizien preisgeben. Das können wir nicht zulassen. 'Sie wollen die Juden Galiziens aus der Gesamtorganisation verdrängen. Das wird der Jüdische Klub zu verhindern wissen. Gegen die Organisation sind die Kultusvorstände, die auf die frechste, schamloseste, ungesetzlichste Weise gewählt wurden. Helfen Sie uns im Kampfe. Wenn der Wille des jüdischen Volkes von Galizien in den Kultusstuben zum Ausdruck kommen wird, dann werden Sie sich überzeugen, daß auch die Judenschaft Galiziens die Gesamtorganisation wünscht. Führen Sie das allgemeine Wahlrecht ein, und die galizische Debatte wird überflüssig werden. Dr. Sonnenschein (Troppau): Es wird uns stets versichert, daß die Meinung der galizischen Juden von den Kultusvorständen gefälscht wird. Wir können und müssen uns aber an den offiziellen Vertretern halten. Da liegen vor uns 206 Proteste, mit Siegeln der Kultusgemeinden versehen. Die Jüdischnationalen haben offenbar die Massen nicht. Den Kampf in Galizien können wir nicht aufnehmen. Das ist (zu den Abgeordneten gewendet) Ihre Aufgabe. Übrigens muß ich der Phrase vom allgemeinen Wahlrecht entgegentreten: Wir könnten wie in Wien das allgemeine Wahlrecht in Lemberg einführen! Das ist mir unergründlich. (Ruf: Führen Sie es in Troppau ein!) In Troppau mach' ich, was mir paßt. (Heiterkeit.) Wenden Sie sich lieber an Ihren Gesinnungsgenossen Dr. Straucher, ob er in Czernowitz das allgemeine Wahlrecht einführen will. (Beifall.) Abg. Stand: Ich habe mir die Liste der protestierenden Gemeinden Galiziens angesehen. Da sind z. B. darunter auch Ottyniä, Ssczezecz, Podkamien, Monasterzyska. Meine Herren! Ich habe rekommandierte Briefe mit Siegeln dieser jüdischen Gemeinden, die mir meine Wahl zum Delegierten dieses Bundestages mitteilen und sich für die Organisation aussprechen. (Lebhafte Hört! Hört .'-Rufe. Bewegung:) Daraus können Sie ersehen, daß viele Proteste ohne Wissen, ja wider Willen der Gemeindevorstände verfaßt wurden. Will Ihnen noch einen Fall anführen. Vor einigen Wochen hatten wir in Lemberg eine Konferenz der kleinen Gemeinden, die für die Organisation sind. Den Vorsitz führte der Kultusvorsteher von Rymanow, der auf Kosten seiner Gemeinde zur Konferenz erschienen war. Die Kultusgemeinde Rymanow ist aber gleichfalls unter den Protestierenden. (Heiterkeit.) Dr. Ascher: In Galizien hat jeder bessere Mensch eine Stampiglie in der Tasche. So werden Proteste erzeugt. (Heiterkeit.) Dr. Brau de: Es ist außer jedem Zweifel, daß der Gedanke der Gesamtorganisation alle galizischen Kultusvorstände in zwei Lager spaltete. Da aber in Galizien jeder Kultusrat in den Besitz der Gemeindestampiglie gelangen kann, war es den Gegnern der Organisation möglich, ihre Proteste mit Siegeln zu versehen. Der Antrag, Galizien auszuschließen, durfte vom Referenten ohne Beschluß des Ausschusses nicht eingebracht werden. Galizien darf nicht ausgeschlossen werden. Dr. Lewy (Brünn): Die Herren, die vormittags die jüdische Kultur Galiziens priesen, haben uns nunmehr die Kenntnis der galizischen Stampiglien-Kultur beigebracht. (Sehr wahr!) Hieraus folgt nur, wie gefährlich es wäre, wenn sich Westösterreich von Galizien ins Schlepplau nehmen ließe. Galizien darf im Gemeindebund den Ausschlag nicht geben. Wir sind eine Minorität. 200 Gemeinden sind gegen uns. Nun, organisieren wir uns ohne Galizien. Dr. Zweig: Der Entwurf muß nicht morgen dem Ministerium überreicht werden. Machen Sie ihn akzeptabel. Schalten Sie alle Anträge aus, die Galizien benachteiligen. Vielleicht werden dann viele Gemeinden von der Überreichung der Protesterklärungen absehen. Dr. Stern tritt für die Zulässigkeit des Ausschlußantrages ein. (Großer Lärm.) Abg. Dr. Straucher: Wer soll dann diesen Wechselbalg im Parlament vertreten? Ich erkläre als Delegierter von zwei jüdischen Gemeinden der Bukowina: Sollte Galizien aus der Gesamtorganisation ausgeschieden werden, dann erklären sich auch die Bukowinaer Juden mit den galizischen solidarisch. Der Antrag, Galizien und Lodomerien in den Entwurf nicht aufzunehmen, wurde daraufhin abgelehnt. Inder Spezialdebatte wurde beschlossen, für Galizien vier Verbände zu schaffen, je zwei für große und kleine Gemeinden in Krakau (Westgalizien) und Lemberg (Ostgalizien). Jeder Verband entsendet fünf Delegierte, in den Reichsverband. Außerdem werden errichtet Landesverbände: in Wien für Niederösterreich, Oöerösterreich, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Krain, Tirol und Vorarlberg (mit zehn Delegierten); in Tri est für das Küstenland Triest, Istrien, Dalmatien, Görz und Gradiska (mit vier Delegierten); in Czernowitz für die Bukowina (mit sieben Delegierten); in Prag für Böhmen (mit zehn Delegierten); in Brünn für Mähren (mit fünf Delegierten); in Troppau für Schlesien (mit fünf Delegierten). Es wurden somit zehn Landesverbände in den Entwurf aufgenommen, die 61 Delegierte in den Reichsverband entsenden. Davon entfallen 27 Delegierte auf Galizien und die Bukowina, der Rest — 34 Vertreter — auf Westösterreich, das nur ein Drittel aller österreichischen Juden umfaßt. Diese Benachteiligung der Ostjuden ist nur geeignet, den Widerstand gegen den Reichsverband zu nähren. Freilich am Bundestag haben die galizischen Delegierten das Übergewicht. Ein Antrag auf Einführung der direkten Wahlen zum Bundestag wurde abgelehnt. Dagegen wurde der Antrag Dr. Straucher — „In den Wirkungskreis der Verbandsversammlung gehört auch die Feststellung der Mittel, die geeignet sind, den Geist des Selbstbewußtseins und der Zusammengehörigkeit zu heben und die Kenntnis von jüdischer Geschichte und Kultur zu verbreiten" — als Zusatz zu § 7 angenommen. In vorgerückter Stunde wurde der Bundestag geschlossen. Die Auswanderung aus Galizien Die jüdischen Zeitungen in Amerika verzeichnen die steigende Einwanderung galizischer Juden. So sind auch im Jahre 1907/8 nach den Vereinigten Staaten mehr als 15 000 Juden aus Österreich-Ungarn eingewandert. Um die Verhältniszahl dieser österreichjüdischen Emigration zu bestimmen, muß immer festgehalten werden, daß Westösterreich und Budapest als Immigrationsgebiete von der Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung der Monarchie in Abzug zu bringen sind. Ferner, daß die jüdischen Auswanderer aus Österreich-Ungarn sich in bedeutender Anzahl nach Deutschland, Paris und England wenden. Wird all das mit in Rechnung gezogen, dann ergibt sich, daß die jüdische Emigration aus Österreich- Ungarn relativ die Höhe der Auswanderung aus Rußland erreicht. Das statistische Handbuch Galiziens für das Jahr 1908, herausgegeben vom statistischen Landesamt, läßt sogar die Annahme zu, daß die jüdische Emigration aus dem Osten der Monarchie den natürlichen Bevölkerungszuwachs übersteigt. Nach den Angaben der galizischen Statthalterei bestehen in Galizien 253 jüdische Gemeinden, deren Mitgliederzahl im Jahre 1908 793 360 Seelen betragen hat. Im Jahre 1900 betrug die jüdische Bevölkerung Galiziens 811 000. Da im Laufe von acht Jahren die Bevölkerung mindestens um 12°/o anwachsen mußte, sollten im Jahre 1908 in Galizien rund 910 000 Juden zu zählen sein. Die Auswanderung riß also 117 000 Juden aus Galizien in acht Jahren fort, d. h. den gesamten Geburtenüberschuß, und verursachte einen absoluten Rückgang der jüdischen Bevölkerung des Landes um rund 18 000 Seelen. Judentum auf den Bühnen Wien erlebt ein seltsames Schauspiel. Und zwar dort, wo Schauspiele zu sehen sind. Nie wurden Stücke jüdischer' Autoren und jüdischen Inhalts in so auffallend großer Zahl auf den Wiener Bühnen aufgeführt. Im Theater an der Wien räumte die siegreiche Operette Henri Bernsteins „Israel" den Platz. Das Berliner Theater, das im Karltheater ein Gastspiel absolviert, führte Hebbels mächtiges Trauerspiel — „Herodes und Mariamne"

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