Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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um Rechenschaft zu geben über das Getane einerseits und anderseits das noch lose Gefüge der ungarischen Organisation zu festigen und auszubauen. — Wenn auch die Ergebnisse der "jahrelangen, opfervollen Agitationstätigkeit nicht zufriedenstellen und keineswegs die immense Summe der angewandten Arbeit und Mühe aufwiegen, so ist es doch ein erhebendes Gefühl und zeugt für die Werbekraft der zionistischen Idee, wenn es einer kleinen Gruppe beherzter Männer gelungen ist, aus dem Vernichtungskampfe, den die offizielle neologe und orthodoxe Judenheit im Bunde mit der Antiseniitenpartei in der Presse und Parlament dem Zionismus vorbereitet hatten, siegreich hervorzugehen. Der Kampf hat dem Zionismus nicht geschadet, eine Anzahl neuer Kräfte ist uns beigetreten, die Zahl der Ortsgruppen hat sich verdoppelt, und heute, wo das Eis der Gleichgültigkeit zum Teile gebrochen ist, läßt sich hoffen, daß der Zionismus, der jetzt erst nur in 150 Orten des Landes Wurzel gefaßt hat, nach einem weitern Jahre Arbeit bereits ganz Ungarn umfassen wird. Das Programm der Konferenz wurde folgendermaßen festgesetzt: 1. Sonntag-Vormittagsitzung: 1. Eröffnung der Konferenz, 2. Kommissionswahlen, 3. Kassabericht (David Kohn), 4, Nationalfondsbericht (Adv. D. Dömeny Lajos), 5. Bericht der Revisoren. 6. Berichte der Provinzgruppen. II. Sonntagnachmittag, öffentliches Meeting im Festsaale des Rathhauses: 1. Eröffnungsrede (Adv. Dr. Bela Österreicher), 2. Die allgemeine Lage der zionistischen Bewegung (Rabbiner Dr. Annin Abrahamsohn), 3. Landeskomiteebericht über die Entwicklung der zionistischen Bewegung in Ungarn (Dr. Nison Kahan), 4. Jüdische Kultur und Presse (Dr. Josef Schönfeld), 5. Palästinaarbeit (Ingenieur Armin Beregi). III. Montag-Vormittagsitzung: 1. Allgemeine Diskussion über die Berichte des L. C, 2. Spezialdebatte: a) über Organisationsfragen, b) über praktische Palästinaarbeit. IV. Montag-Nachmittagsitzung: 1. Fortsetzung des Vormittagprogramms, 2. Feststellung des Budgets pro 1909/10, 3. Anträge, 4. Wahl des engeren und weiteren Landeskomitees. Mit Stimmrecht nehmen an der Konferenz teil die Delegierten der Schekelzahlergruppen, und zwar wählen 25—50 Scheckelzahler einen Delegierten, 51 —100 Scheckelzahler zwei, 101—150 drei usw. Mit beratender Stimme nehmen an der Konferenz teil die Mitglieder des engeren und weiteren L. C. und der Distriktskomitees, die Präsidenten und Nationalfondskommissäre der Vereine und die vom L. C. eingesetzten Vertrauensmänner. Überdies hat jeder Verein das Recht, ebensoviele Delegierte mit beratender Stimme zu entsenden wie stimmberechtigte. Anläßlich der Konferenz veranstaltet das Landeskomitee eine Ausstellung von Bezalel-Kunstprodukten. Es wird dies die erste „Bezalel-Ausstellung" in Ungarn sein und wird hoffentlich dem jüdischen Kunstgewerbe Palästinas auch in Ungarn Freunde sichern. Frankreich Paris. Am 2.Mai fandin Paris eine von misrachistischer Seite einberufene große Versammlung statt, in der als Hauptredner Herr Rüben Cohn aus Antwerpen, Präsident der Antwerpener Misrachigruppe, über Zionismus und religiöses Judentum sprach. Mit überaus warmen, von echt zionistischem Geiste durchglühten Worten gelang es ihm rasch, das zahlreiche Auditorium für den Zionismus zu gewinnen; auf Grund von ausführlichem Beweisniaterial aus unserer heiligen Schrift und jüdischen Literatur wußte er in glänzender Weise darzutun, wie sehr es sich gerade religiöse Juden zur Pflicht machen müßten, dem Zionismus ihre Mithülfe nicht zu versagen. Speziell bestrebte sich der Redner in seinen Ausführungen, in überzeugender Weise klarzulegen, in welch innigem Zusammenhang der Zionismus mit dem Judentum steht. Die mit großem Beifall aufgenommene Rede war denn auch von durchschlagendem Erfolg begleitet: es meldeten sich augenblicklich 50 Mitglieder zu einer neuen rnisrachistischen Gruppe an; — die Begeisterung, mit der hier allgemein die Gründung des Vereins aufgenommen wird, verspricht demselben eine segensreiche, von Erfolg gekrönte Zukunft, die bei den hier herrschenden Verhältnissen doppelt zu wünschen wäre. Kanada Eine Anzahl kanadischer Zionisten aus Winnipeg in Manitoba hat im Einverständnis mit Herrn Clarence de Sola, Präsident der kanadischenFederation, einen Plan zu einer praktischen Verwirklichung zionistischer Ideen zur Ausführung gebracht. Sie haben sich verpflichtet, jeden Monat eine bestimmte Summe einzuzahlen, die dann zum gemeinsamen Erwerb von Land in Palästina benutzt werden soll. Diese kleine Zahl ernsthafter Arbeiter hat schon genügend Kapital zusammengebracht, um 1000 Dunam Land zu kaufen, und sie haben die diesbezüglichen Verhandlungen bereits eingeleitet. Herr de Sola steht in Verbindung mit palästinensischen Autoritäten, damit diese das bestgeeignete Land aussuchen. Auch bereitet er einen Aufruf an die kanadischen Zionisten vor, sich an dem Vorgehen der Winnipeger Gruppe ein Beispiel zu nehmen. NACHRICHTEN tf| Deutschland Jüdischer Separatismus Einen Beweis für die leichtfertige Art und Weise, in der gewisse Kreise des deutschen Judentums mit dem Gedanken der Zerreißung der jüdischen Einheit spielen, bietet die nachfolgende Notiz, die uns aus Karlsruhe zugegangen ist. Ein Fall, der für die Gewissensfreiheit in religiösen Dingen von prinzipieller Bedeutung ist, wurde heute vor dem Schöffengericht verhandelt. Der Kaufmann Kayser ist seiner Religionsanschauung nach israelitisch-orthodox, demgemäß Mitglied der hier bestehenden orthodoxen Religionsgesellschaft, zugleich aber auch der allgemeinen israelitischen Gemeinde, die den Anspruch erhebt, sowohl die orthodoxe wie die liberale Richtung in sich zu vereinigen, während sie bei den Orthodoxen vorwiegend als liberal gilt. Kayser hatte seinen achtjährigen Knaben zunächst in den allgemeinen israelitischen Religionsunterricht der Volksschule geschickt. Dieser genügte ihm jedoch nicht, weil da nur biblische Geschichten gelehrt würden, während die eigentliche Religions- und Sittenlehre ausgeschaltet sei, und weil auch der Religionslehrer fundamentale Gesetze des Judentums, wie z. B. die Sabbatfeier, nicht einhalte. Kayser ließ also seinen Knaben diesen Religionsunterricht nicht mehr besuchen, sondern überwies ihn dem intensiveren der orthodoxen Religionsgesellschaft (4 Wochenstunden gegen 2). Gleichzeitig suchte er bei dem Rabbinat um Befreiung von dem Religionsunterricht der Volksschule nach, wurde aber abschlägig beschieden, obwohl ein solcher Dispens verschiedenen angesehenen Persönlichkeiten der liberalen israelitischen Richtung, die ihren Kindern als Ersatz privaten Religionsunterricht erteilen lassen, gewährt worden war! Die orthodoxe Religionsgesellschaft richtete eine Eingabe an den Oberschulrat, der zunächst entschied, daß der von zwei Rabbinern und zwei andern Lehrern erteilte Unterricht der orthodoxen Religionsgesellschaft als Ersatz vollauf genüge. Auf Betreiben des Oberrats der Israeliten ließ jedoch der Oberschulrat sich von diesem Standpunkt dann wieder abbringen und verfügte neuerdings, daß auch orthodoxe Eltern verpflichtet seien, ihre Kinder von dem liberalen Religionslehrer unterrichten zu lassen, solange sie der badischen israelitischen Landeskirche angehören. In diesem Erlaß erteilte der Oberschülrat den orthodoxen Israeliten auch den Rat, eventuell aus der Landeskirche auszutreten. Der Oberrat der Israeliten versprach für diesen Fall Befreiung von der eigentlich noch auf ein Jahr weiter zu zahlenden Kirchensteuer. Das Gericht nahm an, daß die prinzipielle Seite der Frage vor das Verwaltungsgericht gehöre, und hielt sich zunächst nur an den formalen Hergang. Kayser wurde demgemäß zur Zahlung der gegen ihn verfügten Polizeistrafe von zwei Mark wegen Fernhaltung seines Kindes von dem allgemeinen Religionsunterricht verurteilt. Er hat Berufung eingelegt. Mühlhausen i. E., 11. Mai. Der bekannte Kriegsgerichtsprozeß gegen den Hauptmann Grafen von Gersdorff wegen des Selbstmordes des jüdischen Einjährigen Bloch, hat altenthalben in Elsaß-Lothringen berechtigtes Aufsehen erregt. In diesem Prozeß hat sich der Vertreter der Anklage, Kriegsgerichtsrat Walter, zu antisemitischen Bemerkungen hinreißen lassen. Unter anderm äußerte er etwa, die jüdische Abstammung habe noch niemals als ein Vorzug gegolten, besonders nicht bei der deutschen Armee. Wie wir hören, haben nunmehr die drei israelitischen Konsistorien beschlossen, gegen den Kriegsgerichtsrat beim zuständigen Divisionskommando Beschwerde einzureichen. (Nach neuern Nachrichten trifft diese Meldung nicht zu; die Konsistorien haben sich zu diesem Schritte beleidigter Selbstachtung nicht aufzuschwingen vermocht.) Österreich (Von unserm Berichterstatter) Bundestag der jüdischen Gemeinden Österreichs Nachmittagssitzung Korreferent Dr. Fiala (Brünn) polemisiert eingehend gegen die Einwände der Orthodoxen. In dem Entwurf ist keine einzige Bestimmung enthalten, die als Gewissenszwang oder gar Vergewaltigung bezeichnet werden könnte. Redner tadelt den Widerstand der galizischen Kultusgemeinden gegen die Gesamtorganisation. Wenn die galizischen Juden uns in einem so schweren Moment in den Rücken fallen, so bleibt nichts übrig, als von der Einbeziehung Galiziens in den Entwurf Abstand zu nehmen. Die galizischen Juden mögen sich aber vor Augen halten: Wenn sie mit den Westlern in einer Organisation nicht sein wollen, wenn sie eigene