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Die Welt · 1909-05-14 · 20 (14.5.1909) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 20 DIE3aKELT 435 Aus meinem Notizbuch Ein Bild aus Palästina. «Von Haifa, der aufstrebenden Hafenstadt, bin ich in Morgensonnenglut hinaufgestiegen auf den Berg Karmel, der weit vorspringt ins blauglitzernde Mittelmeer. Nun vorwärts auf verwahrloster Straße in stundenlanger Fahrt, hinein in das feierlichstille Galiläa, entgegen den Gestaden des Sees Kinereth (Genesareth). Ach, in sehnsuchtsvollen Träumen war ich schon oft hier; nun sind diese goldnen Träume greifbare Wirklichkeit geworden____ Frischsprossendes Hellgrün hat über Hügel und Gelände weiche Piüschteppiche gehaucht, die nur da bedenklich durchlöchert sind, wo graue Felsen aufragen. Bald zeigen sich melancholische Wüstenstreifen, bald herrliche, in warmem Morgenwind wogende Getreidefelder, reiche Erntepracht verheißend, bald lange Sandstrecken, dicht bestanden mit Anemonen, welche erschöpft die brennendroten Köpfchen neigen. Manchmal das milde Aufleuchten anheimelnder biblischer Erinnerungen: der freistehende Kegel des Berges Tabor, am nordöstlichen Ende der Ebene Esdrelon, der Schauplatz zahlreicher Kämpfe in der alten Geschichte unseres Volkes, die Gegend, die hebräisch Jisre'el, Same Gottes, wegen ihrer Fruchtbarkeit hieß. Kein Wölkchen, das dahinsegelt über den schwülen Glanz des Himmels. Fernher vom Libanon blinkt die schneefunkelnde Kuppel des großen Hermon.....Und immer weiter auf einsamer Fahrt. Erst gegen Nazareth wird es etwas lebhafter. Wir begegnen verschiedenen Touristen. Eine blonde Engländerin, das runde zarte Kinn auf die duftige Halskrause gedrückt, spielt mit ihrem schottischen Sonnenschirm, während ihr spindeldürrer Begleiter die etwas ins Weite strebende Nase in den Baedeker steckt. Manchmal trippelt durch dickes Staubgewölk eine Herde schwarzer Ziegen oder eine müde Schafherde und nach ihr der Hirte, der fremde Hirte auf unsern Fluren. Ich durchstreife das bunte Nazareth---- Beim stundenlangen Weiterziehen durch traute Stille, wo es sprüht vor Licht und wonnigem Zauber einer herrlichen Natur, — immer melancholische Wegstrecken. Höchstens hier und da eine wuchtige Ruine oder ein elendes Fellachendörfchen, — sonst trotz der wunderbaren Naturschönheit starre Wüstenöde____Dann auf einmal in wehmütigzaubervoller Landschaft üppige Wiesen und Blumenflächen. Weit dahinter entrollt sich die grasreiche, in Schweigen und glühender Traurigkeit ruhende Ebene.... Plötzlich strahlt zwischen Gebirgsfalten der sonnenfunkelnde Spiegel des Sees Kinereth auf, allmählich sich mehr und 'mehr vergrößernd. Gleich einem geliebten himmelblauen Auge, so dämmert es aus bergiger Einsamkeit zum wolkenlosen Himmel empor. Endlich Tiberias mit seiner Tropenflora, mit seinen Feigen- und Granatbäumen und den über verfallenen Mauern lugenden Palmen, Tiberias mit seinen düstern, zerborstenen Wällen und zahlreichen Synagogen, eine alte, arme, müde Stadt. Juden aus aller Welt sind hier im Laufe der Jahrhunderte zusammengeströmt. Aber das ist nicht Altneuland, es ist Altghetto. Bleiche Gesichter, gebogene Rücken, Kaftane. Ein Überbleibsel des alten „Jischuw". Hinab zum Seeufer! . . . Mein Erscheinen am weißen, von Sonnenglut durchbrüteten Strand, weckt die schlafenden Fischer in ihren Barken. Vorwärts, hinaus auf den See! Kräftig setzen die Ruder ein. Feierlich gestimmt liege ich im Boot und lasse eine Hand ins Wasser hängen. Mein Blick wandert den duftverklärten Ufersaum entlang, streift die kleinen Vorgebirge und die in grünem Hauch darüber erschimmerden Berge, geht weit dahin, bis er sich verliert in blaudämmeriger Ferne. In diesen stillen Buchten, an deren Rand jetzt hohes Gras, Schilf und Buschwerk irn linden Hauch des Windes säuselt, an diesen im Sonnenbrand glitzernden Sandstrecken —, überall lebten und webten hier unsere Ahnen in emsiger Arbeit, frei und glücklich. . . . Aber all die ehemals blühenden, sich in diesem Gottesgarten von wunderbarer Fruchtbarkeit die Ufergelände entlang ziehenden Städte, in denen frisches Leben pulsierte, und von denen unser Geschichtsschreiber Josephus Flavius ein so großartiges Bild entworfen hat, sanken in Trümmer, und die Trümmer sind verstoben und verweht im Winde des Sees. Wirres Gestrüpp und Oleander und Gras wuchert jetzt dort empor, und dichte Fliegen und Miickenschwärme umstimmen ewiges Schlafen. Hoch oben schwebt ein dunkler Vogelzug dem Libanon zu, wo der schneegekrönte Gipfel des Hermon hoch aufblitzt, in der Sonne funkelnd, gleich einem Eispalast der Gletscherweit. O Märchenzauber des herrlichen Sees im frischen Wehen mildklarer Abendluft, wenn die gegenüberliegenden Gebirgshöhen in violetten Farben flammen und eine selige Begeisterung das Herz erfreut! . . . Und erst dieser. Zauber bei Nacht, wenn unter dem Baldachin diamantenfunkelnder Sternen die Wellen in weihevoller Stille schlafen! . . . Eigenartiges Bangen durchwallte meine Seele, als ich am folgenden Tag dem blauleuchtenden See und der milden,grünumhauchten, melancholischen Pracht seines Gebirgskranzes leise „Schalom" sage. Mir ist, als ob ich meine liebe, liebe Heimat verloren. Doch das Leben ruft nach unsern — Kolonien. . . Dieses Bild malte mir ein Freund in einem an mich gerichteten Privatbrief aus Palästina, das er jetzt bereist, in begeisterter Stimmung. Er schrieb mir so manches —, in einem schwungvollen Hebräisch. Ich konnte der Versuchung nicht wiederstehen, einen Passus, wenigstens in dieser freien Obersetzung, zu zitieren. Einer der treuesten Freunde der hebräischen Sprache, der für die Verbreitung und die Verlebendigung unserer Nationalliteratur im Laufe vieler Jahre tätig war, ist aus den Reihen der Lebenden geschieden. Er war auch einer der letzten Mohikaner der Aufklärungszeit, ein Anhänger der schöngeistigen, emanzipatorischen, humanen Richtung der „Haskalah". Aus glaubensstarken Kreisen und streng konservativen Erziehungsstätten hervorgegangen, machte der Verblichene eine glänzende Karriere in der russischen Residenz. Er trat, nachdem er seine Studien mit Erfolg absolviert hatte, in den Staatsdienst ein, wo er trotz seines Judentums, und eines stark prononzierten Judentums, eine hohe Stellung im russischen Finanzministerium erlangte. Man kann sich leicht denken, welche außerordentlichen Fähigkeiten einen Juden auszeichnen müssen, unter dem Regime der Ausnahmegesetze und der unendlichen Beschränkungen die Gunst der Machthaber in einem solchen Grade zu erwerben, um zu einer privilegierten Stellung zu gelangen. Der Dahingeschiedene soll auch wirklich in dieser Beziehung ganz hervorragend begabt und geschickt gewesen sein. Ich kannte ihn von einer noch andern Seite, — und das seit vielen Jahren. Er war kein Schriftsteller und belästigte die Redaktionen nicht mit den Erzeugnissen einer dilettantischen Muse, aber er war ein Liebhaber der hebräischen Sprache und Literatur, wie es nur wenige gibt. Er trug dazu bei, daß die gesammelten Schriften Perez Smolenskin's geordnet und in anmutiger Form herausgegeben worden sind. Er war die Seele des neu gebildeten Vereins der „Freunde der hebräischen Sprache" in Petersburg. Bis zu seinem letzten Atemzug schwärmte der greise Staatsrat — diesen Titel hatte ihm die Regierung verliehen — für die Verbreitung unserer nationalen Sprache; dort in der:kalten Atmosphäre der nördlichen Palmyra, zwischen den Mauern der wuchtigen Ministeriumsgebäude unter den starren russischen Bureaukraten ging ein jüdischer Idealist unter, dessen Herz vom Geiste des Orients durchglüht war. Ehre seinem Andenken! N. S-!;'! Tobia Margolin i:f Vt H,;"' ti *■ n t,-n 4. X* ¥:i t\ß lm T>; r

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