Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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434 DIE ELT No. 20 der Stirn und auf den Wangen. Er war gerade einem strengen Verhör unterzogen worden. Zu seinen beiden Seiten standen zwei Polizisten, die Wache hielten und Zeugnis ablegten. Der Polizeivorsteher verstand sofort den Zweck ihres Kommens, empfing sie freundlich, drückte ihnen die Hand, in der nach jedem Drucke etwas zurückblieb, wies ihnen Stühle an, und hieß sie in seiner und Feiteles Nähe sitzen. Der Polizeivorsteher wollte ihnen offenbar demonstrativ zeigen, welchen Schurken sie vor sich haben, und begann daher von neuem mit dem Verhör, damit sie sich überzeugten. Der Polizeivorsteher, ein ergrauter Beamter, mit einer roten Nase und heiserer Stimme, beginnt mit der Frage: „Woher bist Du?" Feitele antwortet mit einem reinen Russisch und mit großrussischem Akzent: „Ich weiß nicht, Hochwohlgeboren". „Wie alt bist Du?" Ich weiß nicht, Hochwohlgeboren. Ich zählte nicht die Jahre. Es ist schon aber recht lange.'* „Was treibst Du hier?'* Feitele errötet, senkt den Blick zum Boden und antwortet endlich, halb unsicher: „Gar nichts, — das heißt, — ich „lerne", Hochwohlgeboren." Der Polizeivorsteher schmunzelte gütig und wendet sich zu der Deputation: „Na, so ein geriebener Gauner, — aber er soll nur sehen, daß man uns nicht betrügen kann". Die drei Juden waren ganz erstaunt, als sie den frommen Feitele so ein reines Russisch sprechen hörten. Sie wußten gar nicht, was sie von Feitele halten sollten. Feitele schämte sich, denn er schaute immer auf die Erde und wagte es nicht, den Anwesenden ins Gesicht zu sehen. Der Polizeivorsteher fuhr im Siegertone fort: „Wo warst Du, bevor Du hierher kamst?" Feitele war feuerrot und begann am ganzen Körper zu zittern. Der Polizeivorsteher wiederholte die Frage in strengerem Ton und fuchtelte, um Feitele zu zeigen, was ihm bevorsteht, mit einer Nagaiki vor sich hin. Feitele zitterte, ward immer mehr schamrot und verlegen. Endlich rückte er stotternd mit der Sprache heraus: „Ith war 25 Jahre im Militär, Hochwohlgeboren!" Der Polizeivorsteher, die Polizisten und die drei Juden sprangen fast entsetzt auf, die Juden zuckten zusammen, und einer von ihnen rief instinktiv mitleidsvoll aus: „A Soi?" Der Polizeivorsteher erholte sich aber bald von seinem ersten schreckenden Staunen, schaute mit erzwungenem Argwohn Feitele an und fifhr mit dem Verhör fort: „Hast Du Papiere?" „Ja, Hochwohlgeboren!" Über Feitele kam dann eine merkwürdige Ruhe, als hätte er sich selbst überwunden. Er griff mit großer Sicherheit in seine Brusttasche und holte ein ganzes Bündel zerfetzter Papiere heraus, die er rasch auf den Kanzleitisch legte. Der Polizeivorsteher griff mit sichtbarer Neugierde zu dem Papierbündel, nahm ein sorgsam zusammengelegtes Papier aus der Mitte hervor, schlug es auf und las — zum Entsetzen der Anwesenden unwillkürlich laut seinen Inhalt vor. Darin hieß es: Regiment Nr. . . . Kommando Nr. . . . Im Namen des Kaisers aller Russen! Wir, Vorsteher der Regimentskanzlei des Regiments Nr. . . bescheinigen hiermit, daß Jwan Muska Abramilow, geboren . . . aus . . . russisch-orthodoxer Konfession, 25 Jahre in Treue und Hingabe als Gemeiner und später als Unteroffizier seinemKaisergedient, daß ersieh während seiner 25jährigen Dienstzeit kein einziges Mal etwas hat zuschulden kommen lassen, was ihm hierdurch urkundlich bescheinigt wird. Der Oberst des Regiments. . . Für das Bezirkskommando. . . Der Polizist las dies Schriftstück nicht ohne innere Bewegtheit, die Juden wurden kreidebleich. Alle Anwesenden waren enttäuscht, sogar die Polizisten. „Nun versteht sich", fuhr Reb Schlome erregt fort, „Feitele war ein Nikolaus-Soldat, wie andere auch. In seiner Jugend haben ihn die Agenten gefangen, — er war Waise —, und nachdem sie ihn getauft hatten, steckten sie ihn unter die Soldaten, — weit, weit in Sibirien oder in Astrachan. Aber Feitele war ein Zaddik, ein wirklicher Zaddik. Die ganzen 25 Jahre belebte ihn nur eine Hoffnung, — zum Glauben seiner Väter zurückkehren zu können. Diese Hoffnung gab ihm Kraft und Mut zu leiden, so viel zu leiden. Als sie ihn, zwölfjährig, getauft hatten, wußte er noch nicht viel, — er war ein Kind, und als jüdisches Kind unter Christen gekommen, tief in Rußland, wo man keinen Juden sieht, hatte er Sehnsucht nach Juden, und er hoffte immer. ... Ja, er war ein Zaddik, ein wirklicher Zaddik." Aber ich will euch von seinem unglücklichen Ende erzählen. . . Der Polizeivorsteher fand sich bald wieder in seine Tyrannenrolle und rief, als wäre nichts geschehen: „Du Schurke, Du Hund, Du Verräter, — warte nur. Du bist als Mitglied der russisch-orthodoxen Kirche zu den Juden gegangen, — Du Verräter, Du Judas, Du Elender. — Warte nur, warte —--—!" Und zu den Juden sich wendend, sagte er aufgeregt: „Er gehört uns, er ist unser, hier habt ihr nichts zu suchen, — er ist kein Jude, — ihr könnt gehen." Die Juden mußten natürlich fortgehen. Feitele war nun einmal ihnen. — Sie konnten ihm nicht helfen. — Feitele Zaddik ist in Untersuchungshaft genommen worden, da, — wie ihr wißt, — der Austritt aus der russisch-orthodoxen Kirche mit schwerem Kerker bestraft wird. Jetzt hatte er gar keinen, der sich seiner annehmen konnte. Er war „Christ" und der Polizei auf Tod und Leben ausgeliefert. Feitele sah nicht mehr die Freiheit. Alt und gebrochen und körperlich geschwächt, erlebte er nicht mehr seine Verurteilung. Er hielt es im feuchten Kerker bei Kost aus Wasser und Brot nicht lange aus. An einem kalten, regnerischen Oktobermorgen sah man einen kleinen, ärmlichen Leichenwagen mit einem aus halb verfaulten Brettern gezimmerten Sarg durch die Stadt zum christlichen Friedhof fahren, von einem abgerissenen Polizisten und einem großen Hund begleitet. „Feitele Zaddik" hat so auf dem christlichen Friedhof in dem Verbrecherwinkel seineletzteRuhestätte gefunden. Die Juden schwiegen. Einige seufzten traurig. Nur Michel der Bader rief bewegt: „Armer Feitele, nicht einmal in jüdischer Erde begraben, nicht einmal zu „Kewer Jisroel" gekommen!"