Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 20 DIE^ELT 433 seine Heiligkeit und Makellosigkeit glauben. Indes seine völlige Absonderung von der Welt und vom Leben flößte auch ihnen eine gewisse Achtung vor ihm ein. Die Achtung bestand darin, daß sie ihn nicht bespöttelten und ihn gehen ließen. So konnte Feitele Zaddik Tag und Nacht über seinen Folianten brüten, ungehindert seine langen Gebete verrichten und ungehindert auf der langen Bank am Ofen schlafen. Kein Mensch sprach mit ihm, er pflegte auch keinen anzusprechen, und so kam es oft vor, daß er wochen- und monatelang in der Klause blieb, ohne einen Menschen gegrüßt, gesprochen zu haben, oder angeredet worden zu sein. Auch die übermütigen Buben, die jeden Freitag in die Klause gekommen waren, um im Auftrag ihrer Väter die Hängeleuchter zu putzen und den Boden zu fegen, in Wirklichkeit aber in der Klause tobten und allerlei Bubenstreiche ausführten, — wie zum Beispiel eine Rattenjagd in der Klause veranstalten und mit dem Petroleum der Lampen die Mäuse verbrennen oder Talgkerzen aus Abremele Zwiebeis Schublade stehlen und sie dann am heißen Ziegelofen schmelzen, — auch diese übermütigen Buben vergriffen sich nie an Feitele, sondern wichen ihm immer verschämt aus. Er schrie sie nie an, wenn sie Lärm machten, sondern blieb ruhig und still vor seinem Ständer, als wenn er allein in der Klause wäre. Außer langgezogenen Amenrufen nach jedem Gebet hatte man nie einen Laut von ihm gehört. Bekannt war sein Gang vom Ständer am Ofen zum Almemortisch. In der Schublade des Almemortisches fand er Talgkerzen, die er für sein „Abendlernen" brauchte. Nur er durfte sich dem Almemortische nähern und Talgkerzen aus der Schublade holen. Tat es ein anderer, so mußte er sich auf eine ziemlich laute Auseinandersetzung mit dem Klausdiener, dem alten Abremele Zwiebel, gefaßt machen. In der Stadt sprach man nur selten von ihm, sei es, weil man seine Herkunft nicht kannte, oder aus irgendeinem andern Grunde. Man hatte vor ihm eine gewisse Scheu. Wie ernährt sich Feitele, wo ißt er, wie lebt er? Kein Mensch wußte es, es interessierte auch keinen. Feitele Zaddik war immer allein, mutterseelenallein, — auch wenn viele Menschen sich in seiner Nähe bewegten. So lebte er lange lange Jahre, jedem ein Rätsel, was keiner lösen wollte. Nun ereignete es sich einmal, daß die Arbeiter in der Borstenfabrik ihre Arbeit verließen und nicht mehr in die Fabrik gehen wollten. Auf dem Markte und in der Synagoge erzählten die Juden, vor einigen Tagen seien zwei junge Menschen, die nur russisch sprächen, in die Stadt gekommen. Mit der Ankunft dieser zwei russisch sprechenden Menschen, die so jüdisch aussahen, mußte es ein Bewenden haben, denn gleich darauf kam eine Unruhe in die Reihen der Arbeiter. Mehr wußte man nicht. Die Fabrikherrn waren über ihre Arbeiter, sonst ehrliche Juden, — ganz verwundert und wußten .^ar nicht, was sie tun sollten. An einem Morgen kamen die Arbeiter in die Bethäuser, störten den Gottesdienst und schrien: „Wir wollen nicht mehr für zwei Rubel die Woche 18 Stunden im Tage arbeiten, wir wollen nicht mehr, wir wollen nicht mehr! Entweder wir bekommen drei Rubel die Woche und arbeiten nur 16 Stunden im Tag, oder wir teilen das Geld! Ein Beutel! Ein Beutel! . . . Und wollt ihr auch das Geld nicht teilen, dann arbeiten wir überhaupt nicht!" So schrien und lärmten sie: „Entweder drei Rubel die Woche und nur 16 Stunden arbeiten oder das Geld teilen, oder wir arbeiten überhaupt nicht!" Während die Arbeiter so schrien und lärmten, drang, — man weiß nicht wie, — Polizei in die Bethäuser ein. Auch in die Schneiderklause, wo die Arbeiter ebenfalls tobten, kam Polizei. Die Juden und die Weiber erschraken und liefen die Fenster hinaus. Die Arbeiter flüchteten ebenfalls. Bald war die ganze Klause menschenleer. Drin blieb nur Feitele Zaddik, — den der ganze Lärm nicht im geringsten kümmerte, — und zwei Polizisten. Die Polizisten, erbost und zornig ob der Flucht der Arbeiterund aller Juden, erblickten FeiteleZaddik amOfen, der, als wäre nichts geschehen, über seinen Folianten brütete, und warfen sich zornentflammt, mit geballten Fäusten auf ihn: „Ah, Du Hund, Du Mörder, Du Sozialist, Du Anarchist!" schrien die ihn an und schlugen ihn mit ihren Fäusten, was sie konnten. Der langhaarige Polizist versetzte ihm mit seinem schweren Stiefel Stöße in den Unterleib, zerrte ihn auf den Boden und rief wutentbrannt: „Du Anarchist, Du Mörder — Du — Du! — Nur 16 Stunden arbeiten und noch 3 Rubel dazu — ah, Du Mörder, Du Anarchist, Du Sozialist . . . Warte nur! . . Beide Polizisten schlugen Feitele Zaddik mit ihren Fäusten, mit den Füßen, spuckten ihm ins Gesicht, beschimpften ihn, nannten ihn Mörder, und als sie nicht mehr konnten, zerrten sie ihn aus der Klause und schleppten ihn fort. Feitele Zaddik hatte dies aber hingenommen, ohne einen Laut von sich zu lassen. Keine Träne kam ihm in die Augen, kein Schrei entfuhr seinem Munde. Er ließ sich mörderisch mißhandeln, prügeln, beschimpfen, ins Gesicht spucken, auf den Boden zerren, zur Wache schleppen und sagte kein Wort, er protestierte nicht, er wehrte sich nicht einmal. Als die Schläge ihm gar zu weh taten, seufzte er dumpf und blieb wieder stumm. Als die Leute zum Abendgebet in die Klause kamen, waren sie ganz erstaunt, Feitele Zaddik nicht anzutreffen. Sie näherten sich dem Ständer, vor dem Feitele saß, und fanden noch auf ihm einen weit geöffneten Midraschfolianten, der ganz verkehrt da lag, so daß man sich an die andere Seite des Ständers hätte stellen müssen, wenn man aus ihm lesen wrollte. Die Leute beachteten dies kaum und fragten nur verwundert, wo wohl Feitele Zaddik geblieben sein mochte. Aber noch während des Abendgebets wurde es ruchbar, daß die Polizisten Feitele auf die Polizei geschleppt hatten. Als man . sich dieser Tatsache vergewissert hatte, entstand eine Unruhe in der Klause. Jeder fühlte sich ergriffen, man empfand eine Art Reue, Gewissensbisse, und irgendein unruhiges, quälendes Gefühl stellte sich bei jedem ein. Das öffentliche Gewissen war erwacht. In der Stadt verbreitete sich rasch die Kunde von Feiteles Verhaftung. Noch am selben Abend traten die Gemeindeältesten aller Bethäuser zu einer Beratung zusammen, und man beschloß, da es schon an diesem Abend zu spät war, morgen in aller Frühe eine dreigliedrige Deputation an den Polizeivorsteher zu schicken, um Feiteles Befreiung durchzusetzen. Am Morgen begaben sich drei der angesehensten Gemeindeparnessim zum Polizeivorsteher. Er hieß sie sofort eintreten. Sie trafen ihn in seiner Kanzlei. Vor ihm saß Feitele Zaddik, mit bluttriefenden Wunden auf