Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316372--51901-3345583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lehrerinnen Europäisch gebildete Lehrerinnen sind an folgenden palästinensischen Schulen angestellt: 1. an der Mädchenschule der Alliance Israelite Universelle in Jerusalem; Unterrichtssprache: Französisch. 2. an der Evelyn of Rothschild School for girls in Jerusalem; Unterrichtssprache: Englisch. 3. an der Mädchenschule des Odessaer Komitees in Jaffa; Unterrichtssprache: Hebräisch. 4. an der Mädchenschule des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jerusalem; Unterrichtssprache: Deutsch und Hebräisch. Auch an einigen Knabenschulen oder gemischten Schulen, wie z. B. dem Hebräischen Gymnasium in Jaffa, sind Lehrerinnen für Elementarfächer oder für fremde Sprachen. (Französisch, Deutsch) tätig. Die Schulen der Alliance stellen fast ausschließlich solche Lehrerinnen an, die in dem Lehrerseminar der Alliance in Paris ausgebildet oder selbst aus einer Allianceschule hervorgegangen sind. Die Evelyn of Rothschild School verlangt von ihren Lehrerinnen die Beherrschung des Englischen und Religiosität im Sinne des traditionellen Judentums. Bewerbungen sind zu richten an die Leiterin Miss Annie Landau in Jerusalem. Die Mädchenschule des Odessaer Komitees ist in jüdisch-nationalem Sinne geleitet. Die Beherrschung des Hebräischen als Umgangssprache ist für die Lehrerin durchaus erforderlich. Bewerbungen sind zu richten an den Leiter Dr. Turoff in Jaffa. Die Mädchenschule des Hilfsvereins nimmt ihre Lehrerinnen vorwiegend aus Deutschland (und Deutsch-Österreich). Bewerbungen an den Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin, Steglitzerstraße 12. Alle obengenannten Schulen sind sechs- bis achtklassig, außer der Unterrichtssprache werden gewöhnlich noch ein bis zwei andere Sprachen gelehrt. Die wöchentliche Stundenzahl einer Lehrerin beträgt zirka dreißig, das monatliche Gehalt zwischen 100 bis 200 Frcs. Wohnung und Beköstigung in einer bürgerlichen Familie oder in einem mittlem Hotel kostet bis zirka 100 Frcs. monatlich. Ein Mangel an Lehrerinnen besteht augenblicklich nicht, doch werden von Zeit zu Zeit durch Fortgang der jetzigen Lehrerinnen oder Vermehrung der Klassen Stellungen frei. Es empfiehlt sich in jedem einzelnen Falle, wegen einer Vakanz bei den oben bezeichneten Schulleitern vorher anzufragen. Für weibliches Hauspersonal (Köchin, Hausmädchen) gibt es zahlreiche Stellen. Der Lohn schwankt zwischen 15 bis 30 Frcs. monatlich. Ein geschultes Hauspersonal würde vielen Familien, in deneninsbesondere die Frau einen Beruf außerhalb des Hauses (z. B. als Lehrerinj'auszuüben hat, den Aufenthalt hier bedeutend erleichtern. Vielen jungen Mädchen aber, denen das Vorurteil, daß häusliche Arbeit etwas Herabwürdigendes ist, nicht zu eigen ist, würde dieser Beruf die Möglichkeit bieten, in Palästina zu leben. O o FEUILLETON □ □□□□□]) O DIE GESCHICHTE EINES EINSAMEN JUDEN Von S. M. Melamed Nach dem Abendgebet blieben noch die alten Juden in der Synagoge, um gemeinsam Midrasch zu lernen. Sie setzten sich an den langen Tisch, der vor dem großen Ziegelofen stand, jeder nahm seine Talgkerze in die Hand, die alten Leute setzten ihre Brille auf, dieser und jener hüstelte, schob sein Käppi an den Hinterkopf, und nach einigen wenigen Augenblicken saßen alle vor ihren großen Folianten. Allein die müden Juden, die den ganzen Tag auf dem Markte oder im Hause schwer gearbeitet hatten, waren bei der einschläfernden Wärme auf der langen Ofenbank nicht recht zum Lernen aufgelegt. Sie blätterten etwas träge in ihren Folianten; die Alten, halb verschlafen, schmatzten vor Wohlgefühl und brummten so gleichgültig vor sich hin; andere wieder plauderten miteinander, erzählten sich gegenseitig dieses und jenes vom Hause, von der Gemeinde, vom Markte und von der Synagoge. Die Müden und Schläfrigen wurden bald neugierig und lauschten den Gesprächen und Geschichten ihrer „Mitlerner". Jeder gab etwas von seinen Erfahrungen und Erinnerungen zum besten. Jeder erzählte in ernstem Ton, und keiner vergaß die Moral von der Geschichte, nachdem er die Geschichte selbst erzählt, zu ziehen. Man sprach viel von Menschenglück, von Menschenschicksal, von den Verschiedenheiten des Schicksals, — man führte Beispiele an, jeder aus der reichen Schatzkammer seiner Erinnerung und Erfahrung, aber im ernsten, würdevollen Ton. Dann kam auf die Besucher dieser Synagoge die Rede. Die uralte Synagoge hatte natürlich eine wechselvolle Geschichte. Reb Schlome, der bis jetzt ruhig und mit Interesse nur zugehört, begann, sobald man von der Synagoge zu reden anfing, sich am Gespräche zu beteiligen. Bald, nachdem sein Vorredner mit seiner Erzählung zu Ende war, fing er etwas leise und schüchtern an: „Juden, was wißt ihr, welche Menschen schon in dieser Synagoge gelebt und gebetet und gelernt haben?" Ein Greis fiel ihm ins Wort und lächelte: „In der Synagoge betet und lernt man, aber in der Synagoge lebt man nicht." Da antwortete Reb Schlome etwas gereizt: „Doch, gewiß lebt man in der Synagoge, — Gewiß lebt man in der Synagoge, — gewiß, gewiß —, laßt mich doch erzählen!" „Juden, hat jemand von euch Feitele Zaddik gekannt?" Alle schwiegen. Darauf weiter Reb Schlome: „Feitele Zaddik hat in dieser Synagoge gelebt. — Wißt ihr nicht, wTer Feitele Zaddik war? — Ich will's euch erzählen." Reb Schlome griff zu seiner Tabaksdose, schob eine tüchtige Prise in die Nase, und nachdem er sich so erfrischt hatte, fing er an zu erzählen: „Feitele Zaddik, ein kleiner, rundlicher Jude und starker Siebziger, war weit und breit als Sonderling bekannt. Er hatte keine Beschäftigung. Tag und Nacht saß er auf der langen Ofenbank in diesem Bethause und blätterte stumm in einem Midraschfolianten, der vor ihm auf einem wackligen Ständer lag. Niemand kannte ihn. Er hatte kein Heim, kein Haus, keine Familie und keine Verwandten in der Stadt. Man sah ihn selten auf der Straße, noch seltener hörte man ihn sprechen, höchstens, daß er einmal Abremele Zwiebel, den alten, griesgrämigen Synagogendiener, um eine Talgkerze bat. Die alten Juden und die Großmütter sahen in ihm einen Heiligen, einen Zaddik, und bezeugten ihm stumm und still ihre Ehrfurcht. Die jungen Leute meinten, Feitele sei ein überspannter Mensch oder ein Büßer, der viel zu bereuen hat, und wollten nicht recht an