Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DIE^ELT 429 zionistischen Parteisplitter betrachtet und die seltsame Verlegenheit der in bittern moralischen Nöten befindlichen Doktrinäre überblickt. Sie wollen noch immer das Unzusammenhängende künstlich verbinden: Zionismus und Sozialismus, Zionismus und Materialismus usw. Aber die starren Fanatiker, die für die Zeit und ihre Forderungen kein Verständnis besaßen, keins besitzen wollten, die nur auf ihren Marx schwuren, deren jedes Wort ein Verdammungsurteil wider das Rückständig-Nationale war, sie sind verschwunden. Qanz anders sind die heutigen Wortführer der Massen. Ihnen liegt ohne Zweifel das Wohl der Arbeiter und das Klasseninteresse nicht weniger am Herzen als den frühern Wortführern, und im Innern hegen sie ebenso den geheimen Wunsch, das Proletariat einst über alles zu stellen. Aber soweit soziologische Theoretiker der Zeit Rechnung tragen und die gegebenen Verhältnisse berücksichtigen können, tun sie es jetzt mit bedächtiger Oberzeugung. Was die frühern durch fanatischen, einseitigen Eifer erzwingen wollten, streben die letztern, durch Geduld und Ausdauer zu erwerben; wo jene Wunder erwarteten, verlassen sich diese auf ihre Geschicklichkeit. Ihnen sind die rüden Hetzer, die Kampf¬ und Streithähne verhaßt, weil sie richtig urteilen, daß sie mit ihrer Bärenart mehr schaden als nützen. Der Wunsch, ihre Autorität gegen die eigenen übereifrigen Parteigänger aufrecht zu erhalten, ist in ihnen nicht weniger lebhaft als die Sorge, die Klasseninteressen zu verteidigen. Jener Wunsch und diese Sorge haben Herrn Dr. Shitlovski den Aufsatz diktiert, den er in seiner jiddischen Monatsschrift geschrieben hat. Ein merkwürdiges, bedeutsames Dokument, dieser programmatische Aufsatz: voll Feinheit und halbversteckter Anspielungen, ein Muster vornehmen Stils; von Anfang bis zu Ende wider jene Heißsporne unter den Sozialisten gerichtet, denen der bewährte Freiheitskämpfer zu wenig energisch dünkt, seine Taktik zu hoch ist. Er hält ihnen eine Strafpredigt, die zwar nicht einen einzigen derben Ausdruck aufweist, aber durch die Eleganz, mit welcher darin die Rute geschwungen wird, nur noch empfindlicher auf die Betroffenen wirken muß. Dr. Shitlovsky ist deutlich genug, um ein Mißverständnis unmöglich zu machen; er bezeichnet die Schuldigen so klar,, daß sie sich selbst in einem Spiegel erkennen mögen, wenn sie seine rügenden Worte lesen. Seine Ermahnung gilt zunächst jenen, die für jeden Preis eine Theorie verwirklichen wollen, welche auf die jüdische Masse unter den gegebenen Verhältnissen keine Anwendung findet. Er betont, daß zwar die Theorie allen Proletariern die gleichen wesentlichen Pflichten auferlege, jeder Nation aber die Art und Weise anheimgegeben sei, wie sie dieselben nach Zeit und Umständen erfüllen könne. Aus diesem Satze hört man den ganzen Charakter der jetzigen Richtung. Darauf beruht der große Unterschied zwischen den frühern und jetzigen Führern, daß diese der Zeit und den Umständen Rechnung tragen wollen. Und nicht nur dergegenwärtigen Zeit und den aktuellen Umständen, sondern auch dem Geiste der Geschichte, dem Wesen der ununterbrochenen Fortdauer der jüdischen Nation. Man mag sich noch so sehr um diesen Punkt drücken, man kommt immer auf ihn hinaus. Das ist der logisch notwendige, sozusagen unausweichliche Zionismus. Die Fanatiker werden daran noch Anstoß nehmen, sie werden an allen Ecken und Enden gegen diesen Grundsatz sündigen, und während die erfahrungsreichen ältern Genossen ein harmonisierendes Kompromiß zwischen Volkstum und Klasseninteresse, Vergangenheit und Gegenwart zu weben suchen, werden sie mit plumpen Fäusten in diese Arbeit tappen und sie zerreißen. Man kann sich leicht denken, wie sie in ihrer Parteipresse über den armen Shitlovsky herfallen werden. Ist diese ja mit wenigen Ausnahmen ein Sammelplatz edler Ritter von der traurigen Gestalt, die mit eingelegter Lanze gegen alles anrennen, was sich ohne ihre Spezialerlaubnis zu existieren erfrecht. Sie werden schon dafür sorgen, keinen Frieden zwischen Klassenkampf und nationaler Wiedergeburt eintreten zu lassen; sie werden den Gegensatz, der naturgemäß besteht, verbittern und verschärfen. Aber auf die Besonnenen werden doch die Worte Shitlovskys nachhaltig wirken. Die Herren haben in der Regel eine Hornhaut und sind gegen Angriffe von zionistischer Seite gefeit. Der Shitlovsky'sche Aufsatz aber muß die hartköpfigsten Zeloten zur Besinnung bringen. Shitlovsky verwirft ihre Art, immer und ewig unserm Volk den Klassenkampf zu predigen, ganz und gar; er sagt ihnen unumwunden, daß es ihre Pflicht sei, die Imponderabilien, die Ideale und die historischen Bestrebungen des von ihnen so oft geschmähten Kol-Israel (All-Israel) zu berücksichtigen. Alles an diesem Aufsatz ist durchsichtig klar, und diese Eigenschaft verleiht ihm seine unleugbare Bedeutung. Es ist das erstemal, daß die Presse der unversöhnlichen Klassenkampfvertreter und mit ihr die Häupter dieser Fraktion, die gewohnt waren, Palästina als ein Stück „vermoderten Altertums" in den Kot zu zerren, von dem unmittelbaren, unverhüllten Tadel eines frühern hervorragenden Parteigängers erreicht werden. Das war aber mehr als ein journalistisches Auftreten, es war der Ausgangspunkt für eine neue Vereinigung der radikalsten Flügel unter der zionistischen Fahne. Den Anlaß zur Rückkehr gaben die letzten Ereignisse im osmanischen Reiche; aber gleichviel, was auch die nähere Ursache gewesen sein mag, die sieghafte Kraft der Idee bewirkte es, daß diejenigen, die zeitweise von ihr abgewichen sind, jetzt mit voller Oberzeugung zurückkehren. Die Massen werden auch schon folgen. N. S. Die öffentlichen Arbeiten in der Türkei Von Dr. Israel Auerbach, Konstantinopel Gabriel Efendi Nora dun ghian, der Minister für Handel und öffentliche Arbeiten, hat vor einiger Zeit sein dem Großwesir unterbreitetes Ressort-Programm in einem stattlichen Bande der Öffentlichkeit übergeben. Das Werk, neben dem vom Finanzministerium ausgearbeiteten Budget das zweite bezeichnende Symptom des neuen rührigen Geistes, der heute an den leitenden Staatsstellen herrscht, ist von außerordentlicher Wichtigkeit für alle, die ein reales Interesse an der politisch-ökonomischen Entwicklung des ottomanischen Staates* haben; also für den Zionismus nicht in letzter Linie. Es zeigt, wie die offizielle Türkei ihre eigene Zukunft ansieht, wie sie sie tätig zu gestalten gedenkt; wie weit sie mit eigener Kraft und auf eigene Verantwortung auszukommen meint und wo sie fremde Hilfe akzeptieren will; auf wie lange sie die Ausführungsfrist der wichtigsten und notwendigsten Arbeiten bemißt, wieviel sie an jährlichen Aufwendungen dafür vorsieht und auf welche Weise sie diese heranzuschaffen rechnet. Natürlich ist das nur ein Bild in ungefähren Zügen. Denn einmal ist das dem Ganzen grundlegende Budget noch nicht vom Parlament bewilligt, und dann unterliegt ja auch jede einzelne der vorgeschlagenen Unternehmungen noch der Prüfung all der maßgebenden Instanzen: