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Die Welt · 1909-05-14 · 20 (14.5.1909) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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428 DIE^ELT No. 20 sie aufs eifrigste bemüht, das Vorurteil zu zerstreuen, als wollten sie den Funken der Zwietracht anfachen? Es kann nicht Zufall, nicht Herrschsucht sein, welche alle diese Männer verbindet; es ist vielmehr die große Verantwortung, welche die Lage des jüdischen Volkes auferlegt, der, Schmerz über den Goluth, die unverwüstliche Hoffnung, daß sich ein Ausweg dort finden müsse, wo das jüdische Volk einst wie jedes andere lebte und Großes geschaffen hat. Das war nicht immer so. Mit tiefem Bangen haben wir die Zerteilung und Zerbröckelung gesehen.... Oft sind wir von dem quälenden Gedanken überfallen worden, welch ein Bild der Zionismus einst bieten würde, wenn es mit der Differenzierung so weiter und wreiter ginge, welchen Jubel die Gegner anstimmen würden, welche Depression der Gemüter, welche Entmutigung eintreten würde, wenn der Zerfall weiter sich zu einer beständigen Erscheinung ausgestaltet hätte. Was hätte man dem jüdischen Volke sagen, wie hätte man den Glauben der Nation an sich selbst festigen können, wenn in der Zeit der Bedrängung die innere Zwietracht das Werk der äußern Feinde gefördert hätte. Es ist anders gekommen — Gott sei Dank! Der Verlauf dieser Konferenz wird unsere Partei mit Zuversicht erfüllen, er wird sie stärken für die schwere Arbeit, die ihr bevorsteht. Denn wir brauchen die Volksmassen, und ihre Mitwirkung ist für uns eine Vorbedingung von großer Wichtigkeit. Vor aller Welt wurden die Differenzen besprochen. Niemand wollte zugeben, daß er an nationaler Gesinnung hinter der andern zurückstehe, offen wurde die Konzentrierung der organisierten Kolonisation im Orient gefordert, und offen verlangen die Poale-Zionisten die ausschließliche Anerkennung Palästinas. Es gab kein Vertuschen, kein Verschleiern, mit edlem, männlichem Freimute wurden die Ansichten ausgetauscht, und dennoch war kein Tropfen der Bitterkeit zurückgeblieben, dennochvereinigte sich die ganze Partei zu gemeinsamer Beratung über ihre zukünftige Organisation. Der Name, dieses ganze Alphabet der Initialen, die an die kabbalistischen Buchstaben-Kombinationen erinnern, werden nicht mehr die Scheidewand bilden, der Titel ist nicht mehr eine Frage des Prinzips, sondern der Zweckmäßigkeit; die Schärfe der Diskussion ist verschwunden, und wieder einmal sind hervorragende Wortführer der jüdischen Massen durch die Anerkennung des gleichen nationalen Interesses und durch die gemeinsame Achtung verbunden. Drei Programme wurden vorgeschlagen: Mesopotamien und Palästina, Mesopotamien und vorzugsweise Palästina, zuletzt Palästina selbst, und außer diesem Problem ist kaum ein Gedanke, kaum eine Wendung in denselben enthalten, die nicht in die Fundamentalsätze einzufügen wären, welche der Zionismus seit seiner Gründung mit der höchsten Ausdauer verfochten hat, die er nicht stets als das Motiv für seine Berechtigung, als die Bedingung seiner Existenz betrachtet hätte. Schüchtern gemahnt ein Wort hie und da an Wünsche, deren Erfüllung nicht einmal von jenen für möglich gehalten wird, welche sie hegen, an die Vertretung der Klasseninteressen in der Mitte des Zionismus, in dem dieser Kampf ja noch gar nicht recht zur Geltung kommen kann; die Gründe, welche der Zerstreuung und der Assimilation entgegengehalten werden, sind dieselben, mit welchen wir sie bekämpfen. Wenn sich Herzl aus seinem Grabe erheben könnte, so würde er keinen Augenblick zögern, für diese Prinzipien seine unvergleichliche Beredsamkeit einzusetzen, und wenn Pinsker wieder erwachen würde, so müßte er diese Grundsätze als die seinen erkennen. Eine jüdische Nation, die einem Mittelpunkt für ihren Stamm im Orient und vorzugsweise in Palästina zustrebt, ein Festhalten an nationalerGemeinsamkeit und jüdischem Volksbewußtsein in der Diaspora. Das wollten die Zionisten von Anbeginn ihrer Tätigkeit, das werden sie auch in Zukunft wollen, das werden sie einmütig verfechten, bis die Stunde anbricht, wo auch die Gegner darüber staunen werden, daß es jemals anders sein konnte. Die Erklärungen der Wortführer der jüdischen Massen sind geeignet, das Gemüt des jüdischen Volkes wieder der Genugtuung zu eröffnen; sie werden aber auch eine nachhaltige Wirkung auf die andern jüdischen Organisationen ausüben. Der Scheiterhaufen wird immer wieder aufgerichtet, auf welchem die Leiche der zionistischen Partei hätte verbrannt werden sollen; die Fischer waren schon aufgestellt, welche sich des Strandgutes bemächtigen wollten. Der Zionismus gespalten, die einzelnen Teile desselben in wechselseitiger Feindschaft, ein unversöhnlicher Bruch, eine schwache haltlose Minderheit im jüdischen Volke! So dachte man sich das Resultat der innern Spaltungen, und frohlockend rieb man sich die Hände in dem Gedanken an den Genuß, eine solche Demütigung des unerbittlichen Zionismus vor Augen zu sehen, den verwundeten Gegner ungestraft verhöhnen, ihm jede Berechtigung der Kritik absprechen zu können. Ach, wie ist das Vergnügen so rasch vergällt worden. Nach allen Regeln der Wissenschaft müßte der Patient sanft unter der Erde ruhen, und doch wandelt er leibhaftig in den Straßen umher, aller Prognosen spottend. Nun, der Zusammenhang des jüdischen Volkes in Palästina wird noch bestehen, wenn die Erinnerung an sonstige Kolonisationsproben nur mehr als ein trüber Schatten über den Blättern der Geschichte schweben wird, und die Einigkeit, deren sicherer Vorbote die Beschlüsse der proletarischen Wortführer sind, wird so gewiß den Sieg an die zionistische Fahne fesseln, als unsere andern Organisationen weit abgeirrt sind von ihren ursprünglichen Zielen, wie die „Alliance" von der internationalen Emanzipation und die „Ica" von dem territorialistischen Ideal. Unsere Partei ist aus einer ernsten Prüfung unversehrt hervorgegangen, sie wird geschlossen und einig Palästina zustreben, die jüdische Nationalität schirmen, den jüdischen Geist in seinem vollen Glänze betätigen. Es wäre schrecklich gewesen, wenn es anders gekommen wäre. Alle unsere Kräfte wären in fremden Kämpfen aufgerieben worden. Nun kommen sie zurück! In dem lieben, anheimelnden Jiddisch, das man jetzt so abgöttisch ehrt und national überschätzt und in dem man das Allereinfachste, nach berühmten Mustern, mit einem großen Apparat wissenschaftlicher Termine zu beweisen sucht, wird jetzt die Entdeckung gemacht, daß die „Benkschaft", die zweitausendjährige Sehnsucht des jüdischen Volks nach Palästina, eine „Tatsache" sei, die jeder Wirklichkeitsdenker, ja sogar jeder materialistische Soziologe als solche respektieren muß, und die Schar derer, denen jede Vertiefung und jede Theorie außerordentlich imponiert, fällt vor dieser Entdeckung in Ekstase nieder. Eureka, ein neues Wort! Man fühlt sich unwillkürlich zur Heiterkeit gedrängt, wenn man die augenblickliche Lage der frühern anti-

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