Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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etwa 130 Familien, aber die bestsituierten unter den Äschkenasim. Sie besitzt eine große Synagoge. Es existiert außer diesen vier Gemeinden eigentlich noch eine fünfte, die vielleicht die schönste aller Synagogen die Hachnassat örchim, ihr eigen nennt Sie wird aber von allen übrigen, da ihr ausschließlich die Scharidelemente des hiesigen Judentums, die Vertreter der Kupplerzunft, zugehören, gemieden und übersehen. Man kann wohl sagen, daß seit der Gründung der vier genannten Gemeinden noch nicht ein einziger Tag des Friedens zwischen ihnen war. . Die Verschiedenheit der sozialen Milieus und mehr noch das Golusübel der „Vaterländerei", das hier in einem neuen gemeinsamen Vaterlande noch tragikomischer wirkt, als es sonst schon ist, hat bisher keine Verständigung zugelassen. Nicht nur, daß sie weit davon entfernt waren.und sind, sich mit ihren sephärdischen Volksgenossen eins zu fühlen; auch der Gedanke einer aschkenasischen Einheitlichkeit kam unter ihnen nicht auf. Erst ein soziales Momerii zwang sie, eine Annäherung aneinander zu versuchen. Im Jahre 1898 wurde vom damaligen Chachambaschi Mosche Halevy die heute vielbesprochene und verlästerte Gabella eingeführt, die aber damals einen wesentlichen Fortschritt bedeutete. Aus den Einkünften dieser Steuer wurden die Ausgaben der Schul-, Armen- und Kränkenpflege bestritten und den einzelnen Teilen der Konstantinopeler Großgemeinde zu diesen Zwecken Subventionen bewilligt. Als nun die aschkenasischen Zwerggemeinden sich um diese Subvention an den Großrabbi wandten, lehnte er es ab, mit irgend, einer von ihnen gesondert zu verhandeln, um den Eifersüchteleien derselben und ihren einander scheel überbietenden Ansprüchen zu entgehen. Er stellte daher das kategorische Verlangen einer offiziellen gemeinsamen Aschkenasim- Vertretung auf und wollte lediglich eine Aschkenasimgemeinde anerkennen. Das Ergebnis dieser Zwangsforderung war dann ein gemeinsames Komitee, das aus 5 Österreichern, 4 Schneidergemeindedelegierten, 6 Kertschern und 2 von der i,Or-Torä" zusammengesetzt war, Dieses Komitee erhielt aus der Gabellakasse 6000 Piaster monatlich zur, Verteilung an ihre Untergemeinden. Im Laufe der Zeit jedoch trat eine Art Hegemonie der Österreicher ein, die immer mehr und mehr den Anspruch geltend* machten, die wahre Vertretung der deutschsprechenden Juden zu sein, und infolge davon neue endlose Streitigkeiten zwischen den Kehiilas, die das Großrabbinat schlau zur immer förtschreiten den Schmälerung der Gabella-Subventionier ung explöitierte. Diesem verworrenen Zustande machte auf einmal die Konstitution ein Ende. Zwischen dem österreichischen, russischen und rumänischen „Patriotismus" jüdischer Nation begann jungtürkischer Wind zu wehen. Neue Elemente kamen herauf. Man fand, daß auch unter den Äschkenasim nur ein wahrhaft ottomanisches Judentum Berechtigung hatte, ein Judentum, das in der neuen Heimat, die ihnen im Gegensatz zu den Ländern des Antisemitismus wahren Schutz" gab, sein Eirigungsprinzip hab3n mußte. So wurde auf Antrieb einiger „Revolutionäre** vom Großrabbiner eine Generalversammlung aller Äschkenasim berufen, die zum erstenmal auf demokratischem Wege einen gemeinsamen Vorstand wählte. Die Gabellaverteilung nahm von nun an ihren Weg durch dies Komitee, das damit die wahre Macht in Händen hatte. Aber nicht damit eine loyale Anerkennung. Die deutsch-österreichisch-isralitische Kultusgemeinde grollte, da ihre Hegemonie dahin war. Alle Einzetgemeinden bestanden neben, nicht einmal unter dem neuen Komitee, wie früher fort. ludessen wuchs, besonders unter dem Einfluß des Gabellastreiks, die Erkenntnis, daß man vereinigt besser sein Interesse wahrnehmen könnte als unter eifersüchtiger Kultivierung des Jichus. Das „Aschkenasimkornitee" ist in anerkennenswerter Weise unermüdlich an der Arbeit. Hoffentlich ist die restlose Vereinigung bald volle Wirklichkeit. Sie könnte unschätzbaren - Segen stiften. Alle die einzelnen- Institutionen, besonders die Schulen, zusammengelegt und einander ergänzend, können zu Musteranstalten werden. Und das ganze aschkenasische Gemeindegefüge kann vielleicht dem hiesigen sephärdischen Judentum, das auch alles andere als einig ist, zum nachahmenswerten Beispiel dienen. Noch ist der Kampf, der auf dem Wege dahin durchzukämpfen ist, nicht völlig beendet. Auf welcher Seite die zionistischen Elemente zu finden sind, ist unnötig zu sagen. ö o o o o o o o o mis' NACHRICHTEN Ss^äi o o o o o o o o o I Deutschland Verein für Statistik der Juden Gelegentlich der jüngst in Berlin stattgehabten Hauptversammlung des- Vereins für Statistik der Juden konnten* die stetigen erfreulichen Fortschritte dieser Organisation festgestellt werden. Aus dem Bericht des Vorsitzenden Dr. Alfred Nossig ging hervor, daß das vom Verein geschaffene Bureau für Statistik der Juden im vorigen Jahre zwei größere Arbeiten, veröffentlicht hat: „Die Juden in Österreichu von Dr. Jakob Thon und „Die Juden in Rumänien" von Dr. Arthur Ruppin. Beide Schriften bringen zum erstenmal das gesamte amtliche Material, das über die Juden der betr. Länder vorhanden w^ar, in übersichtlicher systematischer Bearbeitung. Eine bereits früher im Auftrag der Großloge des U. O. B. B. vollendete Arbeit, über „Die Juden in Hessen" befindet sich z. Z. im Druck und wird demnächst erscheinen. Im Lauf des Berichtsjahres sind zwei weitere Arbeiten zu Ende geführt worden. Dr. Jakob Segall hat eine Untersuchung über „Die jüdische Bevölkerung in München" vollendet, die namentlich deshalb von außerordentlichem Interesse ist, weil sie zum erstenmal die Verhältnisse der nach Deutschland ausgewanderten ausländischen Juden erschöpfend behandelt. Die von Norbert Weldlec bearbeitete Monographie über „Die Juden in Ungarn" verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil die amtliche Statistik in Ungarn ein außerordentlich vielseitiges Material bringt, das die Erforschung der Lage der Juden in einem Maße ermöglicht, wie dies kaum in einem andern Lande geschehen kann. Mit der Veröffentlichung dieser Arbeit wird, abgesehen von einigen kleinern Staaten, wie die Niederlande und die skandinavischen Länder, im großen und ganzen das vorhandene Material vom Gesichtspunkt der Statistik der Juden verarbeitet sein. Für das Bureau f. St. d. J. eröffnen sich nun drei weitere Aufgaben: zunächst sind die neuen statistischen Angaben für die bereits bearbeiteten Länder fortlaufend zu sammeln und von Zeit zu Zeit zu veröffentlichen. Eine zweite, schwierigere Aufgabe besteht darin, statistische Erhebungen in jenen Ländern zu veranstalten, deren amtliche Statistik das Religionsbekenntnis gar nicht oder-in ungenügender Weise berücksichtigt, wie Frankreich, England, Belgien, die-Schweiz,. die Vereinigten Staaten, sowie, in den Ländern, die keine amtliche Statistik, wohl aber, .eineÄjü.(üsehe* Bevölkerung besitzen. Es handelt sich hier um Originalerherfungen,. die natürlich nur unter Aufwendung grfoßer Mittel in Angriff genommen werden können. An zwei Punkten haben die diesbezüglichen Bemühungen des Vereins eingesetzt. Es schweben Unterhandlungen mit den maßgebenden Körperschaften der Schweiz,, um dort eine eingehende Enqu6te zur Durchführung zu bringen. Seit längerer Zeit wird ferner eine Originalerhebung der jüd. Bevölkerung in Palästina vorbereitet, die zunächst die Unterrichts¬ und Erziehungsverhältnisse beleuchten soll. Diese Untersuchung^ deren Leitung in den Händen des frühern Leiters des Bureaus, Dr. Arthur Ruppin, liegt, wird jedoch erst dann rßstiger fortschreiten können, wenn finanziell kräftige Organisationen die entsprechenden Mittel zur. Verfügung stellen. Eine dritte Aufgabe bildet die Zusammenfassung des bereits gewonnenen Materials für die Zwecke einer Gesamtstatistik der Juden. An diese Arbeit ist das Bureau eben jetzt herangetreten. Es liegt der Plan vor, tabellarische Übersichten zu schaffen, die die gesamten Verhältnisse der Juden in den einzelnen Ländern übersichtlich darstellen und einerseits zur schnellen Orientierung über einzelne Fragen dienen, anderseits Bausteine für die Gesamtstatistik der jüdischen Bevölkerung der Welt bilden sollen. An diese Serie von Arbeiten werden sich, wie schon in frühem Jahren, Monographien über einzelne soziologische Erscheinungen angliedern. So wird z. Z. auf Anregung des Vorsitzenden des Kuratoriums, Geh. Rats Dr. Maretzki, eine Originalerhebung über die Verhältnisse der arbeitenden jüdischen Mädchen und Frauen in Berlin vorbereitet, die hauptsächlich die Lebensbedingungen der in den großen Warenhäusern beschäftigten Frauen und Mädchen beleuchten soll. Ferner werden Monographien über die Verhältnisse großer jüdischer Gemeinden, wie Berlin, Frankfurt u. a., vorbereitet. Ein weiteres Betätigungsfeld des Bureaus bildet die „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden", die nunmehr im 5. Jahrgang erscheint. Wer die Entwicklung dieser Zeitschrift verfolgt hat, wird zugeben, daß ihr Niveau sich stetig gehoben hat. Das Artikeln! aterial hat an Vielseitigkeit, anderseits aber auch an Exaktheit der Bearbeitung zugenommen. Die Tatsache,