Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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414 [)IE3qKE1_T -. .....No. 19 bangend wie immer. Er mußte sofort hernach die Stätte seiner freiwilligen Gefangenschaft und seiner volksvernichtenden Ränke verlassen, wurde erst nach dem Palaste Tschiragan, in"der nächsten Nacht aber schön .weiter nach Salonik befördert, wo er einstweilen in der Villa Allatini, die übrigens einem Juden gehört, seinen Kerker gefunden hat. Schon aber spricht man davon, daß auch hier ihm noch nicht die Ruhe eines Zufluchtsortes für seine letzten Tage beschieden sein, sondern die Sicherheit des Landes seine weitere Oberführung nach Monastir verlangen würde.. Über sein ferneres Schicksal ist noch nichts gewiß; karin sein, daß ein Gericht über ihn noch ein anderes, schärferes Urteil sprechen wird. Einstweilen soll eine Finan2kommissipn in Bildung sein, die den Umfang der von Abdul Hamid dem Staate gegenüber begangenen Eigentumshinterziehungen feststellen und wieder rückgängig machen soll. Sein Jildis aber ist in der Umwandlung zu einem Nationalmuseum und einem Volksparke begriffen. Das Schauermärchen wird noch lange von seinen vernichteten Schrecken fabeln. Mohammed V. Jaschassin Sultan Mehmed chamiss! Von diesem Ruf hallten dieser Tage die Straßen und Gassen der Hauptstadt und das ganze weite Riesenreich wieder. Es lebe Sultan Mohammed der Fünfte! An der grenzenlosen Freude der Millionen, die natürlich nicht der Person des neuen Herrschers gelten konnte, da sie dem Volke noch unbekannt ist, läßt sich die ganze Tiefe der Qualen ermessen, die die Herrschaft des Gestürzten ihnen bedeutet hatte. Die ganze seelenbange Hoffnung und brennende Erwartung dreier Jahrzehnte liegen in diesem Jubel. Kaum ein Zweifel aber, daß ihn auch der neue „Kalif der Gläubigen" persönlich verdient. Er hat den großen Vorzug und Ruhmestitel für sich, dieselben Jahrzehnte hindurch einer der Mitleidenden im Volke gewesen zu sein. Als Gefangener hatte er in seinem Hause schmachten' müssen. Und wie das jüdische Volk keinem andern gleich die Sklaverei gehaßt hat, weil es sie am eignen Leibe in Ägypten erlebte, so wird sich Mohammed V. zweifellos mit ewigem Schaudern von jenem Despotismus fernhalten, unter dem er selber bitter genüg zu tragen hatte. Zwar wäre ihm ja bei irgendeinem Versuche, zu einer solcher! Regierungsform umzukehren, jede Aussicht auf Gelingen benommen, da die freiheitlichen Kräfte im Lande bereits allzu gewaltig sind.- Gleichwohl ist bei einem konstitutionellen Herrscher von der ungeheuren religiösen Autorität wie der des Sultans-im Orient die aufrichtige Herzensergebenheit des Monarchen an die' Sache der Freiheit und des Fortschritts von höchster Bedeutung für die innere Ruhe des Reiches. So kann die Türkei steh* glücklich schätzen, einen Mann auf ihrem Throne zu habön, der den etwa noch gebliebenen Resten der absolutistischen und religiös fanalischen Klasse von vornherein jede noch - so fernste Aussicht auf - ein Wiedergelingen ihrer alten Machinationen ausschließt. Die jüdische Nation, die hingebend wie die übrigen zum Kampfe für die jungtürkische Freiheit auf den Plan trat, hat eines Herzens mit den andern Elementen des Reiches das glückliche Ereignis der Thronbesteigung des neuen Sultans begrüßt und gefeiert, der ihr nicht nur der Landesyater schlechtweg, sondern zugleich der Herrscher und Schirmer der Freiheit ist. Das neue Ministerium Ks ist die letztem Serge der alten und die erste schwere der neuen Ära. Noch ist nichts Gewisses über die Bildung der neuen Regierung bekannt: Zu allererst, zugleich mit der Nachricht von dem Thronwechsel, wurde eine vollkommen jungtürkisch zusammengestellte Liste verbreitet in der — ein Ereignis für uns Juden — das Milien- und Fortministerium einem Saloniker Juden, Vitalis Strumsä, Vorbehalten sein sollte. Allein, diese erste Kombination verschwand bald aus dem Gesichtsfeld, und neue wechseln tagtäglich ihre Farbe. Wahrscheinlich wird aus parlamentarisch-jungtürkischen Kreisen nur die Finanz mit Dschawid Bey, einem Dornne" (Sabbatianer) aus Salonik, und der Unterricht mit Hussein Dschahid, dem begabten Redakteur des „Tanin", besetzt werden,' wenn diese „Jungen" sich zur Übernahme der verantwortungsvollen Posten entschließen. Für den Zionismus das Wichtigste dürfte sein, daß aller Voraussicht räch das Ministerium der öffentlichen Arbeiten nicht wechseln wird und so die Linie der Weiterentwicklung in der Erschließung des Landes, wie sie der großartige Plan Noradunghian Effendis vorzeichnete, gesichert erscheint. Die jüdischen Freiwilligen Nach den Mitteilungen türkischer Offizien und einiger Freiwilligen sind Tauseflde von Juden zu den Fahnen geeilt. Zu.ihrem schmerzlichen Bedauern mußten jedoch die weitaus meisten vom Kommando der Freiheitsarmee zurückgewiesen werden, entweder weil sie nicht genügende Kenntnis der Schieß waffe. besaßen und zur Einexerzierung keine Zeit blieb* oder, wie ihnen in der Mehrzahl der Fälle eröffnet wurde, weil dem Staate nicht das nötige Waffenmaterial für die unzähligen Volontäre zur Verfügung stand. Die Arsenale mußten für die gedienten Reservisten natürlich zuerst geleert werden, und so blieb der patriotische Eifer .vieler Juden ungestillt Manchen gelang es, in den bulgarischen Freischaren, die von Panitza und andern Bandenführern befehligt wurden, eingereiht zu werden, andere kleideten und bewaffneten sich auf eigene Kosten. Wir haben etlichen von ihnen die Hand drücken dürfen, wenn es uns auch unmöglich war, auch nur annähr&id die exakte Ziffer der jüdischen Volontäre festzustellen/ Einer von ihnen, ein Gesinnungsjgenosse aus Salonik, hat nicht nör besorgte Eitern, sondern auch Weib und Kind daheim zurückgelassen, um sein Blut der Freiheit des Vaterlandes zum Opfer zu bringen. Wir sahen ihn, einen Riesen, mit der weißen Spitzkappe der bulgarischen Freischärler, die den Halbmond als Kriegskokarde, den Magen Davids als nationales Wahrzeichen und die türkisch geschriebene Devise Niäsi Bajs trug: „Der Tod oder die Freiheit"! Ein anderer der braven Saloniker Zionisten, einer der reichsten Söhne der Stadt, nahm die Mühsal des Marsches, die Entbehrungen des Tageslebens und die Todesgefahr genau so begeistert auf sich wie die wilden, wettergewohnten Burschen der Albanerberge. Von einem dritten jüdischen Kämpfer,, einem sehr jugendlichen Rechtsschüler aus Salonik, erzählten türkische Offiziere solche Heltentaten aus dem Kämpfe; daß sie selber sich der Tränen kaum erwehren konnten. Soweit bekannt, sind zwei jüdische Freiwillige unter den ruhmgekrönten Märtyrern der Freiheit geblieben; sie fanden im Kugelregen vor der Taschkischla-Kaserne ihr Ende; im gemeinsamen Ehrengrab ruhen sie neben ihren christlichen und islamischen Kameraden. In Anbetracht des Patriotismus und der tapfern Haltung. die bei den Kämpfen auch die Nichtmohammedaner entfalteten, hat das Kommando der Freiheitsärmee beschlossen, bei der Regierung und der Kammer um die beschleunigte Votierung des neuen Militärgesetzes vorstellig zu werden, das^den Nichtmohammedanern das Heer genau so wie den „Gläubigen" erschließen soll. Der Chachambaschi am Grabe der Gefallenen Der großartigen Beerdigungsfeier, die dreien der gefallenen. Offiziere zu Ehren stattfand,, wohnte neben den Ministern, Vertretern, des Parlaments und des Armeekomrnaridos, auch der Großrabbiner bei und hielt eine Ansprache am Grabe. Ein Zusammenschluß der Aschkenasim In der jüdischen Gememdewelt Konstäntinöpels weht jetzt Einigungsluft. Die seit lange untereinander in Zerrissenheit lebenden aschkenasischen Gemeinden stehen auf dem Punkte, eine- Einheitsorganisation zu schaffen. Wird das zur Wahrheit, so Wäre endlich das trübe Bild, das ihre Geschichte bisher bot, von einem erfreulicheren abgelöst. Vier Grundbestandteile weisen die hiesigen aschkenasischen Juden auf : ~ 1. Die Kertscher Judengemeinde. Vor etwa 60—70 Jahren eingewandert, hatten die Kertscher sich bald in einer Synagoge ihr Zentrum und einen Friedhof in Feri Köi geschaffen und sich mit der Zeit zu einer Gruppe von mehreren Hundert Familien entwickelt. Zu ihrem Schaden soll sich die Gemeinde durch einen ihrer Präsidenten leichtsinnigerweise für ein Spottgeld ihres Friedhofs entäußert haben, der nunmehr, als einziger innerhalb des Weichbildes der Stadt gelegener, den Reichtum der italienischen Sephaidim ausmacht. 2. Die Synagogengemeinde ^Or-Tora", die sich vor sechs Jahren mit der Kertscher Gemeinde unter gemeinsamem Rabbinate vereinigte. Die „Or-Tora" unterhält seit ca. 20' Jahren eine Talmud-Tora-Schule,-die vom Hilfsvereiri der deutschen Juden . in Regie, übernommen und zu einer gehobenen Volksschule ausgebaut worden ist. Dem gleichen Rabbinate untersteht auch: 3. Die Tempel gemeinde des Schnei de rgesellenver eins, von der Schneidergesellenzunft gegründet und ebenfalls mehrere Hundert Familien umfassend, die aus Rußland und Österreich stammen. Sie hatten ebenfalls seit jeher ihre Synagoge, früherauch ihre Chewra Kadischa. Die Gemeinde ist gleichzeitig als Gesellschaft für gegenseitige Hilfe mit gemeinsamer Kranken- und Unterstützungskasse organisiert. 4. Die deutsch-österreichisch-israelitische Kultusgemeinde. Diese. Gruppe mit dem unglaublichen Namen ist ungefähr gleich lange in Konstantinopel ansässig, umfaßt zwar nur