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Die Welt · 1909-05-07 · 19 (7.5.1909) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
19 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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f^SF =^ot SPRECHSAAL ,SD^1 Diese Rubrik, für die die Redaktion keine Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise zum freien Meinungsaustausch offen Der Dr. Bodenheimersche Ö *) In Nr. 11 dieser Zeitung veröffentlichte Dr. Bodenheimer einen Entwurf zür Abänderung des Organisationsstatuts und unterbreitete ihn der öffentlichen Kritik. Im Gegensatz zu der vom Kongreß gewählten Kommission bin auch ich von der Notwendigkeit der Statutenänderung überzeugt, leider aber glaube ich, daß der gut gemeinte Entwurf von Dr. Bodenheimer durchaus nicht geeignet ist, die Mängel unserer Organisation zu heben. Zur Begründung dieser Auffassung mögen folgende Zeilen dienen. Ich werde hierbei keine Kritik der einzelnen Satzungs punkte geben, auch keinen Gegenentwurf aufstellen, sondern nur die allgemeine Richtlinien und die großen Gesichtspunkte eines zweckmäßigen Organisationsstatuts angeben. Die Aufstellung eines Satzung*entwurfs ist nicht die Aufgabe eines ein zelstehenden Outsiders. Ich behaupte zunächst, daß die zionistische I d e e der zionistischen Organisation weit voraus ist, eine Ansicht, die wohl kaum auf Widerspruch stoßen dürfte. Beweis die kaum merklich wachsende Zahl der Schekelzahler, speziell in Deutschland. Dr. Bodenheimer fühlt dies wohl auch und kommt zu dem Schlüsse, daß die Schuld daran liege, das der Schekelzahler eine unbrauchbare organisatorische Einheit wäre. Er empfiehlt daher, den Verein oder die Ortsgruppe zu Grundlagen der Organisation zu machen. Ich behaupte aber, daß dieses von Dr. Bodenheimer befürwortete Statut de facto bereits besteht. Nahezu sämtliche Schekelzahler eines Ortes sind in der Ortsgruppe organisiert, während der verschwindende Prozentsatz der bloßen Schekelzahler organisatorisch sowieso wertlos ist und auch das Wahlrecht zum Kongreß nicht ausübt. Auch unter den Mitgliedern der heutigen Ortsgruppen ist die Wahlbeteiligung meist gering und übersteigt wohl in den wenigsten Fällen 20%. Würde also der Bodenheimersche Satzungsentwurf hier keine Besserung bringen, sondern nur alte Dinge mit dem neuen richtigen Namen bezeichnen, so muß der Fehler an anderer Stelle zu suchen sein, und zwar liegt er meiner Ansicht nach gerade da, wo ihn wohl Dr. Bodenheimer am wenigsten vermutet, in der fehlerhaften Organisation der heutigen Ortsgruppe. Die Ortsgruppe der heutigen Form verfolgt zwei ganz verschiedene Zwecke, einen zentralen verwaltungstechnischen und einen lokalen agitatorischen und gesellschaftlichen Zweck. Wie weit sie diesen beiden Aufgaben gerecht wird, sieht" man aus der Verwendung der vereinnahmten Gelder. Kaum 25°/o (bereits inkl. Schekel und Landesbeitrag) gehen an die Zentrale ab, 75 °/o werden für lokale Spesen, Porti, Veranstaltung von Festen usw. verbraucht. Ich verkenne keineswegs den Wert der lokalen Agitation. Jedoch ist die Ortsgruppe infolge ihres gesellschaftlichen Charakters häufig die Vertretung einer Clique oder einer sozialen Schicht, wodurch häufig der Anschluß weiter Kreise an die Organisation verhindert wird. Anderseits soll aber unsere Organisation ihren demokratischen Charakter wahren und kann und soll daher nicht exklusiv sein, aus diesem Gesichtspunkte erklärt sich die Tendenz nach unten, die wir so häufig in unsefn Ortsgruppen zu bemerken Gelegenheit haben und die auch wieder hemmend auf den Fortschritt der Organisation wirkt. ' Dies mag genügen, um zu zeigen, daß die Ortsgruppe der heutigen Form an der Zweiheit ihrer Aufgaben erlahmt und daß der neue Satzungsentwurf zunächst diese Zweiteilung konsequent durchführen muß. Die Ortsgruppe der neuen Form darf nur die zentrale verwaltungstechnische Aufgabe besitzen. Die Organisation muß allumfassend, daher gesellschaftlich vollkommen farblos sein. Unser letztes Ziel ist doch die Zionisierung der gesamten Judenheit. Wo das lokal bereits erreicht ist, d. h. wo die Gemeindemitglieder eines Ortes in der überwiegenden Majorität Zionisten sind, geht die verwaltungstechnische örtliche Tätigkeit offiziell oder inoffiziell in die Hände der Gemeindeorgane über. Auch hierauf muß der Satzungsentwurf Rücksicht nehmen. Daher stellt die „neue Ortsgruppe" nur eine Übergangsform dar. Sie soll nur diejenigen Zionisten eines Ortes umfassen, die für die zionistische Arbeit zur Verfügung stehen, d. h. die „aktiven Zionisten". Sie bilden aus ihrer Mitte Ausschüsse für Agitation, Schekel, Nationalfonds, Herzlklub usw. Alle andern Zionisten eines Ortes werden nur als Schekelzahler geführt, wobei nicht der Sollbetra^, sondern , nur der Mindestbetrag für den Schekel l Jt. pro Jahr beträgt. Wo das Bedürfnis nach gesellschaftlichen Institutionen besteht (Gemeindeverein, Literaturverein, Jugendkluö, Frauen verein, Lese^ halle), sind diese außerhalb der Ortsgruppe, evtl. unter deren Protektorat zu gründen. Systematisch ist die private, ehrenamtliche Arbeit durch bezahlte Kräfte zu ersetzen resp. wirksam zu unterstützen. Durch diese Reorganisation gewinnt die Organisation an Straffheit und Elastizität, und der lokale Verbrauch von Geldmitteln beschränkt sich auf ein Minimum. Der Ausbau der Organisation nach oben, Zusammenfassung in Gruppenverbände, Landsmannschaften, erscheint auch mir nur sehr zweckmäßig, ebenso der Vorschlag, sozi ale und religiöse Parteiungen nur auf dem Kongreß, nicht aber in der Organisation zum Vorschein kommen zu lassen. Vielleicht löst imn diese Frage auch durch Einführung der Proportionalwahl. Überhaupt sollten doch in unserer Organisation die größern Gesichtspunkte Platz greifen. Wir müssen uns doch bewußt sein, daß sie der Kern für eine künftige Staatsverfassung ist,.,und deshalb begrüße ich den Bodenheimersclien Entwurf als einen Schritt auf diesem Wege. Joseph Loewy *) lodern wir hiermit die Diskussion über den- Organisationsentwurf Dr. Bodenheimer-; eröffnen, bemerken wir, das Herr Dr. Bodenheimer erst die weitere Entwicklung der Diskussion abwarten will, ehe er sich zu den vorgebrachten Einwendungen äußer»". Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Das vereitelte Gemetzel Die Befreiungsarmee verdient in doppeltem Sinne ihren Namen. Sie hat nicht nur die Türkei aus dem wieder aufgähnenden Abgrund der Tyrannei und des Despotismus, sondern auch die Bürger Konstantinopels vor einem furchtbaren Schicksale gerettet. Es scheinen sichere Beweise dafür erbracht, daß auf Samstag den 24. April ein allgemeines Massaker der Nichtmohammedaner geplant war. Die Banden, kurdische Tulombadschis (Pumpenmänner), Chamale (Lastträger) und Kapudschis (Hauswächter), waren bereits organisiert, mit sehr viel Geld und Waffen versehen und harrten nur noch des letzten Winkes vom Jildis. Daß ihnen der entsetzliche Anschlag mißlang, war nur dem mazedonischen Heere zuzuschreiben, dessen Befehlshaber davon Wind bekommen und den Einmarsch einen oder 2wei Tage früher vollzogen hatten, als ursprünglich beabsichtigt war. Und so verdanken auch wir Juden, die kaum in dem allgemeinen Gemetzel verschont geblieben worden wären, wenn es auch in der Hauptsache wieder auf die unglücklichen Armenier abgesehen war, dem wackern zweiten und dritten Armeekorps die Erhaltung unserer Habe und unseres Lebens. Die große Woche Die jungtürkische Armee und ihre Inspiratoren, das Komitee, haben große, ganze Arbeit geleistet. Nach der wundervoll durchgeführten Besetzung der Stadt, der Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung, die für die gequälten Bewohner am Goldenen Horn und Bosporus sich als wahre Labsal fühlbar machten, der Verhängung des Belagerungszustandes, der eher als wohltätige Gabe, denn als Last und Strafe empfunden wurde, gingen die Befreier der Grundquelle all' des Obels, der Zwingburg Jildis, auf den Leib. Diese Expedition wird nicht nur in der Geschichte der Kriege, sondern auch in der Geschichte der Menschlichkeit unvergessen bleiben. Welche andere Truppe hätte in ähnlicher Situation nicht der Wut und Rache, dem gerecht überschäumenden Triumph der lang unterdrückten Freiheit die Zügel schießen lassen! Hier wurde mit einer Langmut, vor der man sich in Hochachtung beugen muß, geschont und geschont; das Leben unschuldiger Frauen und Diener, der ganze unfreiwillig mitbetroffene Harem sollte um jeden Preis gerettet werden. Und Pera sollte, kostete es, was es wollte, vor dem Bombardement, das die Jildistreuen drohten, behütet werden. So wurde gewartet, bis man unerbittlich fest, aber am wenigsten schmerzhaft, zugreifen konnte. Am Dienstagmorgen endlich mußte sich die Zwingburg, ohne Widerstand auch nur zu versuchen, bedingungslos ergeben. Die Meldung von diesem letzten, abschließenden Erfolge rief die Nationalversammlung sofort zusammen und beschleunigte den historischen Entschluß, den schon geheime Sitzungen seit einer Woche vorbereitet hatten. Die Hauptstadt, die Provinz, die Ruhe der Bürger, die historische Gerechtigkeit, die Logik vor allem verlangten ihn gebieterisch. Und so ist am 27. April, wie vorauszusehen gewesen war, Abdul Hamid endgültig gefallen. Die Mitteilung von seinem Sturze, die ihm durch eine Deputation, an der auch der Jude Carasso teilnahm, übermittelt wurde, traf Abdul Hamid, feige für sein Leben

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