Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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408 DIE 35^ Dr. Schreiber (Lemberg) wendet sich gegen den Vorschlag' des Referenten. Wir haben gestern beschlossen, daß die zionistische Organisation nicht geteilt" werden sollte, und heute verlarigt wieder Dt. Pachtmann eine solche Teilung. Wozu würden wir eine zionistische Organisation brauchen, wenn wir ihr die :<Palästinaarbeit entziehen wollen? Die Arbeit für Palästina kann nur eine einheitliche zionistische Organisation leisten. Es ist unwahr, daß die zionistische Partei die Arbeit für Palästina in Galizien vernachlässigt habe. Niemals wurde soviel für die palästinensischen Institutionen gesammelt und Propaganda gemacht, als eben in den letzten zwei Jahren. Man müsse Vertrauen den Führern entgegenbringen, daß sie es mit der Palästinaarbeit ernst meinen. Der Vorschlag des Referenten müsse abgelehnt werden. Del. Frankel (Mosciska) tritt gegen den Organisationsentwurf Dr. Pachtmanns entschieden auf. Die Verantwortlichkeit für die'Palästinaarbeit, welche die einzige rein-zionistische Tätigkeit ist, müsse dem Zentralkomitee überlassen werden. Dr. Wald mann (Tarnopol): Die ganze Palästinaarbeit müsse die zionistische Organisation leisten. Das Streben der „Palästinenser" sich selbständig zu machen und eine besondere Organisation zu bilden, ist eine Gefahr für den Zionismus. Genug schon des Spiels mit besondern zionistischen Parteien. Würden die Anträge des Referenten angenommen werden, dann wird die zionistische Arbeit eine national-jüdische sein, aber kein;Zionismus. Er beantragt, daß der Vorschlag Dr. Pachtrnanns dem Zentralkomitee überwiesen werde. Del. Frostig: Man müsse gestehen, daß die türkische Revolution, .welche, uns neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnete, nur wenig auf die Entwicklung der Arbeit für Palästina in Galizien gewirkt hat. Daran sind die zentralen Parteibehörden schuld, weil sie keine genügende Agitation im passenden Momente einleiteten. Die Arbeit müsse jetzt eine viel intensivere werden. Galizien kann aber aus seiner eignen Kraft keine neue Institutionen in Palästina schaffen und darum müssen wir hur die Institutionen der Gesamtorganisation unterstützen. Während der Rede des Del. Frostig erschien im Saale, mit langanhaltendem Beifall der Delegierten empfangen, Dr. Franz Oppeniieimer, welcher von den Poale-Zion eingeladen, einige Tage in Lemberg verbrachte. Vorsitzender Abg. Stand begrüßte Dr. Oppenheimer als einen unserer besten, der uns nicht nur als einer der originellsten jüdischen Gelehrten der sozial-ökonomischen Wissenschaft, sondern auch als überzeugter, der Partei ergebener Zionist in Galizien willkommen ist. Prof. Dr. Oppenhei mer dankt herzlich für die Ovation die ihm bereitet wurde. „Das war ein richtiger Überfall", sagte Oppenheimer. Ich hatte keine Ahnung, daß mich hier jemand kennen und' mit solcher Liebe begrüßen wird. Ich danke ihnen aus ganzem Herzen für die Begrüßung, die für mich beschämend war, weil ich sie nicht verdiene. Der Bewegung habe ich nur einen kleinen Teil meiner Kraft widmen können. Die Bewegung ist aber Bahnen gegangen, die ich nicht gangbar hielt. Wenn die Zeit kommen wird, werden Sie.mich wiederhaben. In den letzten Jahren habe ich auch deshalb für die Sache weniger getan, als ich hätte tun sollen. Darum bitte ich Sie um Verzeihung. Ich danke Ihnen nochmals für diesen schönen Augenblick und werde versuchen, in der Zukunft wieder in die Reihen der Tätigen einzutreten (Lebhafer Beifall.) Vors. Stand begrüßt sodann die eifrige poale-zionistische Agitatorin für Palästina, Frau Pewsner, welche in vielen Versammlungen das Interesse der jüdischen Bevölkerung in Galizien für das neue Palästina weckte, und den vortrefflichen, nie arbeitsmüden Leiter der österreichischen Sammelstelle des Nationalfonds Dr. Egon Zweig, aus Wien. Darauf wird zur weitern Verhandlung geschritten. Auf Antrag des Gesinnungsgenossen Wechsler beschließt die Konferenz, die Vorschläge Dr. Pachtmanns einer besondern Kommission zu überweisen. Die Wahl dieser Kommission wird sofort vorgenommen. Zu einem Referat über „Unsere Kulturarbeit" ergreift das Wort Gesinnungsgenosse Dr. Osias Thon (Krakau). Das Kulturproblem hat auf den zionistischen Kongressen seit einigen Jahren kein lebendes Wort hervorgerufen. In den ersten Kongressen war es wenigstens Gepflogenheit gewesen, ein Referat über die Kulturaufgaben des Zonismus zu erstatten; jetzt kommt der Indifferentismus so weit zum Ausdruck, daß man sich sogar dazu nicht mehr veranlaßt sieht. Unsere Führer haben nämlich kein Verständnis für dies große Problem des modernen Judentums; denn sie kamen nicht vom Nationalen zum Zionismus, sondern vom Zionismus zum Nationalen. Das Problem, wie wir das alte Judentum in die europäische Kultur hineinbringen sollen, daß es nicht zermalmt und zertrümmert werde, existierte für die Führer [ELT No. 19 nicht, weil ihnen das Judentum mit all seinen Anschauungen und Eigentümlichkeiten fremd und fern liegt. Aber trotzdem daß die Anregung so gering war, trotzdem sie sö wenig Förderung von offizieller Seite genossen, ist es Tatsache, daß auf keinem Gebiete so viele positive Werte geschaffen wurden, als auf dem Gebiete der Kulturarbeit. Das jüdische Volk wartete nicht, bis jemand kam und ihm seine Kultur aufpfropfte; aus seiner eignen Tiefe hat es sie sich herausgebaut, und hat seine Regeneration in seine eigne Hand genommen. Die hebräische Sprache hat sich seit 25, oder richtiger seit 10 Jahren, viel mehr entwickelt als je vormals; die jüdische Kunst geht einer hoffnungsreichen Zukunft entgegen, und auf dem Gebiete des hebräischen Schulwesens sehen wir einen gewaltigen Fortschritt. Insbesondere in Galizien verdrangt allmählich die neue hebräische Schule das alte Chedef. An erster Stelle stehen die hebräischen Schulen, welche die Kinder im Geiste des modernen Judentums erziehen. Das kam einfach aus eigner Initiative; die Parteileitung hat dazu die Mittel nicht geboten. Nun wäre es Zeit, doch einen Teil dieser Arbeit in die Hand zu nehmen und zu leiten. Die Konferenz hat ja viel Liebe bewiesen für die sogenannte „Gegenwartsarbeit"; vielleicht versuchen Sie auch einmal die Kulturarbeit, welche eine Arbeit für die Zukunft ist. Redner hatjiicht die Absicht, ein großzügiges Programm zu entwerfen, weil Programme jetzt wirklich sehr billig geworden sind, Die Konferenz müsse nur von dem neuen Zentralkomitee verlangen, daß es diese Arbeit in die Hand nehmen und das ausführen soll, was in seinen Ansätzen bereits vorhanden ist. So müßte das zionistische Zentralkomitee in jeder Weise den neugegründeten hebräischen Schulverein unterstützen und durch seine zionistischen Vereine überall den hebräischen Schulen behilflich sein. Die Kulturarbeit stelle sich dem Referenten dreifach dar: Wir haben dahin zu wirken, das alte Judentum zu europäisieren, wir müssen dem alten Judentum neuen Geist einblasen. Die westeuropäischen Juden verstehen das nicht; sie stellen sich vor, daß es bei uns eine Schichtung nach konservativen und nichtkonservativen, radikalen und njchtradikalen Elementen gibt, so wie in Westeuropa. Bei uns liegen die Verhältnisse anders. Die Aufklärungsarbeit ist bei uns noch gar nicht getan worden. Es waren vor 50 Jahren Ansätze dazu vorhanden, sie sind aber im Golus nicht gewachsen. In den kleinen galizischen Städtchen herrscht noch große Unwissenheit, und viele jüdische Kinder besuchen überhaupt keine Schulen. Wir müssen dort anfangen, wo die Alten aufgehört haben. Tretet hin, klärt die Massen auf, erzählt ihnen von den neuen Errungenschaften der Wissenschaft, gebt ihnen in Toynbeehallen und Analphabetenkursen ein bißchen Wissenschaft, und die Vereine, die sich über Mangel an Arbeit beklagen, werden genug zu tun haben. Diese Arbeit müssen eben wir Zionisten leisten. Wir führen eine besondere Politik, weil wir das jüdische Volk andern Parteien nicht ausliefern wollen; das Volk wird uns aber abtrünnig werden, wenn die Kulturarbeit von andern Parteien und nicht von uns geleistet sein wird. Ich beantrage daher, daß die Zenträlleitung die Vereine beauftragen soll, in jedem Orte, wo es zulässig ist, eine Anatph^betenschule und eine Toynbeehalle zu gründen. Unsere Kulturtätigkeit faßt aber in sich nicht nur die Europäisierung des Judentums, sondern auch die „Verjudung" des Judentums. Überall sollen für breite Leserkreise Volksbibliotheken, mit vorwiegend jüdischer Literatur ausgestattet, gegründet werden, da es in unsern Provinzstädten jetzt insbesondere an jüdischem Lesestoff mangelt. Es sind dies kleine Mittel, welche eben deshalb leicht ausführbar, zugleich aber von größter Wirkung sind. Redner befaßt sich sodann ausführlich mit der Frage der Haschacharvereine jugendlicher Chassidim und ßachurim, und auf die große Bedeutung dieser Kreise für den Zionismus hinweisend, fordert er für sie die Unterstützung des Zentralkomitees. Unsern kulturellen Institutionen in Palästina, dem Bezalel, dem Polytechnikum und hebräischen Gymnasium in Jaffa, der Nationalbibliothek in Jerusalem, müssen wir ein viel größeres Interesse, als bis nun, entgegenbringen. Diese Institutionen schaffen die Zukunft einer gesunden jüdischen KuÜur in unserer Heimat; wer für die freie Entwicklung unserer Kultur Verständnis hat, wird ihnen in erster Reihe seine Unterstützung angedeihen lassen. Was wir vom Zentralkomitee verlangen können, ist, daß es jetzt die zionistischen Vereine zu einer ernsten Kulturarbeit aneifern und die schon vorhandenen Keime weiter regen und fördern solle. Es ist hier viel davon gesprochen worden, was Gegenwartsarbeit ist, was innerhalb des zionistischen Programms und was außerhalb dessen steht. Aber selbst diejenigen, für die die Gegenwartsarbeit so außerordentlich wichtig ist, werden mir zugeben, daß die Kulturarbeit auch für die Gegenwartsarbeit die allerwichtigste Art des Aibiitens ist; wenn sie nicht 30 000 sondern sogar 200 000 zionistische Wähler haben, werden sie noch keine 200000 Zionisten