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Die Welt · 1909-05-07 · 19 (7.5.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
19 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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406 b\EJ Erfolg für Tugend. Erfahrung und Schlauheit machten ihn lange zu einem praktischen Selbstherrscher, wenn es sich um Fragen der Erhaltung seiner innern Macht handelte, aber sein Geist entbehrte des hohen Fluges, der eigentlichen Genialität und staatsmännischen Voraussicht. Er folgte dem Gange der Ereignisse und betrachtete die Bildung eines Faktums wie ein Botaniker das Aufblühen eines Keims, um ihn zu klassifizieren. Er hatte nichts Schöpferisches. Er lenkte nicht die Politik, sondern wurde von ihr geleitet, wie die meisten Menschen. Er folgte dem Laufe, ohne ihm je voraus zu sein. Alle Eigenschaften .einer starken Willenskraft, die ihn im normalen Leben auszeichneten, schienen in demselben Augenblicke zu erblassen, wo ungewöhnliche Verhältnisse eintraten. Seine Haltung war in den schwierigen Fragen unentschlossen, zweideutig. Die außerordentliche Ausdauer seines Wesens konnte nicht über die Beschränktheit seiner Ideen, sein Selbstbewußtsein nicht über deren ängstliches, talentloses, weil zu keinem Resultat führendes Abwägen täuschen. Er war Skeptiker, Quietist und hatte das „Kismet"-Prinzip fast zu einer Regierungsmaxime erhoben. Seine Kunst, eine Verwicklung zu behandeln, machte seine eignen Anhänger nervös; sein Scharfblick war intermittierend, woher dennzahlloseVerwirrungen,zahllose Inkonsequenzen seine Entschlüsse schwächten. Stolz und reizbar, selbst hochmütig und von der Größe seines Wertes zu sehr durchdrungen, war er nach und nach exklusiv und intolerant geworden, was ihn zu verhängnisvollen Fehlern verleitet hat. Der beschränkte Horizont seiner Ideen hatte ihn zum Vertreter einer stationären Politik bestimmt. Er war ein Fürsprecher des Konservatismus, der Ruhe, ein unerschütterlicher Leiter der friedlichen Politik gewesen. Aber als Autokrat von kleinen Gesichtspunkten war er nicht der Mann, dem die Jungtürken die Ausführung ihres weitausschauenden Programms hätten anvertrauen können. Der Mann, der Midhats Verfassung konfiszierte, das erste Parlament auflöste, jede Spur der Erinnerung an diese Verfassung zu tilgen suchte, der Mann, welcher sich als die Inkarnation des Absolutismus betrachtete, war nicht geeignet, auf seine alten Jahre der Bannerträger einer neuen Zeit zu werden. Er fiel denn, und ohne Bedauern sahen die Freunde der Freiheit in der ganzen Welt dieses Selbstherrschertum unter der Last seiner Fehler, Sünden und Unglücksfälle zusammenbrechen. Zu den auffälligsten Zeichen der Kurzsichtigkeit hat auch das gehört, daß es unfähig war, die Bedeutung der jüdischen Kolonisation für Palästina und für das ganze osmanische Reich zu erfassen. Ja, das alte Regime hatte wohl manche „helle Augenblicke", als es die Tragweite dieser Bestrebungen zu begreifen schien, und da feierten wir es aufrichtig. Wir schämen uns unserer Anerkennung und unserer Hoffnungen nicht, wenn wir an die Anfänge unserer Bewegung zurückdenken. Denn in der Majestät eines Regierenden feierten wir nicht ein autokratisches System, nicht die Willkür einer Herrschaft, nicht die rückständigen Methoden einer Verwaltung, sondern das Gegenteil von all dem: die Aussichten auf Rechtsverhältnisse, auf freiheitliche Einrichtungen und auf eine bessere Ordnung in jenem Teil des osmanischen Gesamtreichs, der uns angeht. Was die Jungtürken für das ganze türkische Reich erstrebt und erkämpft haben, das Wesentliche daran: die Sicherheit des Eigentums, die Freiheit der Person, die Arbeitsmöglichkeit, die fortschrittliche KE LT -=: No. 19 kulturelle Entwicklung haben wir schon früher, freilich ohne Kampf und ohne Machtmittel, wie sie die Jungtürken besitzen, auf friedlichem Wege, mit all unsern materiellen und moralischen Kräften für Palästina erstrebt. Und so oft es uns schien, daß wir ein williges Ohr finden, regten sich in uns natürlicherweise dte Gefühle höchster Begeisterung. Unsere Huldigungen gälten dem edlen osmanischen Volke in der Person seines Herrschers, der obgleich Alttürke und konservativ, das traditionelle Wohlwollen seiner Vorgänger für unser Volk mehrfach zum Ausdruck brachte. Wir haben nicht viele Freunde in der Welt und noch weniger unter den Mächtigen dieser Welt. Wir sind ein dankbares Volk. Wir schätzten die Zeichen milder Liebe, die so seltenen Äußerungen tiefer Barmherzigkeit, und es war weder duckmäuserisch noch pompös, wenn wir diese Beweise des Festhaltens an die großen Traditionen Mohammeds II. mit aufrichtiger Ergebenheit erneuerten: An den Guten denken wir noch jetzt liebevoll. Aber was uns nicht vorwärts kommen ließ, war das alte System, oder richtiger die Systemlosigkeit, die Laune. Diejenigen, welche mit dem alten Reginjie unterhandelten, hatten mitunter die Empfindung, als ob sie am Schleier der Penelope webten, oder eineSisyphusarbeitzu verrichten hätten, aber sieließen sich nicht entmutigen. Sie standen unentwegt zur Türkei, auch als die Türkei noch ein „Sklavenhaus" war, in der Hoffnung, in diesem „Sklavenhaus" einen hellen und freien Winkel zu schaffen, aus dem Licht, Ordnung und Wohlstand für das ganze Haus ausstrahlen würden. Daß diese Hoffnung sich nicht erfüllt hat, daran ist eben, wie an allen Mißständen in der Türkei, einzig und allein das alte Regime schuld. Die „hellen Augenblicke" haben die Finsternis nicht verscheucht. Das alte Regime hatte nicht nur unsere, sondern auch alle andern Hoffnungen vereitelt. Warum ist die Türkei im In- und Auslande mit größern Gefahren denn je bedroht? Warum existiert eine „Armenische Frage?" Warum sind die Araber feindselig? Warum sind die Griechen feindselig? Warum ist Mazedonien trotz aller Zusagen und Verpflichtungen nicht reformiert worden? Warum ist das Eigentumsrecht nicht modern geregelt, das Vertrauen erschüttert? Warum fehlt eine Landesindustrie, und warum ist der größte Teil der Territorien unkultiviert? Kann diese beispiellose Wirtschaft, diese Kombination von Gefahr, Unglück, Enttäuschung, Isolierung, das Resultat natürlichen Menschenverstandes sein? Nein, es ist unmöglich. Es ist im Gegenteil das Resultat eigenwilliger Unwissenheit, Leidenschaft, Vorurteil, Einbildung, strafbarer Gleichgültigkeit, alberner Eitelkeit, das Resultat des Regimes, das jetzt zum Glück der Osmanen so schmählich geendet hat. Die endgültige Niederlage dieses Regimes und die Thronbesteigung des konstitutionellen Monarchen Mohammed V. bedeuten deshalb einen glückverheißenden Wendepunkt in der Geschichte des Zionismus. Was ein reaktionärer Selbstherrscher nur momentan zu begünstigen versprach, und was er nach seiner ganzen launenhaften, zögernden und inkonsequenten Art nicht auszuführen vermochte, wird hoffentlich durch eine freie Regierung und durch einen in den Bahnen der Verfassung wandelnden Herrscher zur Ausführung gebracht werden können. Kein Land ist mehr geeignet als Palästina, die Vorzüge einer freien Regierung hervortreten zu lassen und in den Forderungen, welche es

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