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Die Welt · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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unter solchen Bedingungen kein Geld geben und rufen: entweder — oder! Da soll nun das Gerichtsich mit dieser wahrhaft russischen Affäre befassen. Die geplante Gleichstellung der Juden in Finnland Aus Helsingfors wird uns vom 15. März geschrieben: Dieser Tage hat das Gesetzvorbereitungsinstitut des Senats einen Entwurf bezüglich der Judenrechte fertiggestellt. Gemäß dem betreffenden Projekt sollen alle Juden, die in Finnland geboren bzw. dort über 10 Jahre wohnhaft sind, völlige Gleichberechtigung erhalten. Dagegen sollen fremde Juden bestimmten Beschränkungen ausgesetzt sein. So wird ihnen in Dorfansiedlungen jeglicher Aufenthalt versagt, aber auch in den Städten soll ihnen ohne besondere Erlaubnis ein Aufenthalt von nur 3 Monaten gestattet sein, worauf diese Frist unter Innehaltung bestimmter Bedingungen um 1Jahre verlängert werden kann; eine weitere Fristverlängerung ist sodann von de Stadtkommune abhängig. Es ist klar, daß dieses Kompromiß bei weitem nicht den wirklichen Forderungen der menschlichen Gleichheitsgrundsätze genügt, daß es insbesondere jene Juden schwer trifft, die zwar in Finnland seit Jahren, aber nicht über ein Jahrzehnt wohnen. Gleichwohl würde das Projekt doch schon einen wesentlichen Fortschritt in der Lage der Juden in Finnland bedeuten. Da jedoch das ganze Projekt gemäß dem Reglement vom Mai 1908 noch erst an das russische Ministerkommitee zur Durchsicht zu übersenden ist, so ist es bei den darin herrschenden Reaktionsströmungen sehr leicht möglich, daß es im sogenannten Interesse der Reichseinheit abgelehnt oder bis zur Unkenntlichkeit modifiziert werden wird. England (Von unserm Berichterstatter) Die Regulierung der jüdischen Auswanderung Ein neues Projekt, das sich mit der täglich brennender werdenden Frage der jüdischen Auswanderung befaßt, ist soeben aufgetaucht: es bezweckt die Schaffung einer internationalen Organisation, die die Flut der Emigration aus Rußland und Rumänien in diejenigen Zentren der Vereinigten Staaten lenken soll, die hinreichende Aussicht für eine genügende Unterhaltsmöglichkeit der Auswanderer bieten. Ein Anfang in dieser Richtung wurde vor einigen Monaten in New York durch die Gründung der amerikanisch-jüdischen Gesellschaft für die Regulierung der Auswanderung gemacht, die von einem Komitee ins Leben gerufen wurde, das sich aus Vertretern aller jüdischen Richtungen New-Yorks zusammensetzt und an dem einige der bedeutendsten und einflußreichsten Vereine beteiligt sind. Diese amerikanische Gesellschaft sandte einen Vertreter, Herrn D. Davidowitch, nach London, um dort Propaganda für die Sache zu machen und auf die Gründung einer ähnlichen Gesellschaft in London hinzuwirken. Herr Davidowitch sagte Ihrem Berichterstatter, daß die hygienischen und ökonomischen Bedingungen des Judenviertels in New-York dem verfolgten Juden, der sein Heim in Rußland oder Rumänien verläßt, keinerlei Erleichterung seines Schicksals bieten können. Wenn die materielle Lage des Einwandernden gebessert werden soll, ist es unerläßlich, daß ihm Arbeit in einer gesunden Gegend auf3erhalb New-Yorks verschafft wird, noch bevor er in Amerika landet, so daß er direkt dorthin reisen kann. Um ein solches System der Regulation der Auswanderung möglich und praktisch zu machen, ist notwendig, daß alle Organisationen, die sich jetzt mit der Sorge um die Auswandernden befassen, sei es in Rußland, Österreich, Deutschland und England, sei es in Amerika, in vollständiger Harmonie und Mitarbeit verfahren. Herr Davidowitch erzählt, daß Herr Zangwill den Plan durchaus billige und daß die Unterstützung (?) der. Ito gesichert sei. Während seines Londoner Aufenthalts wird Herr Davidowitch sich mit den Leitern des „Boards of Guardians" und des „Jews Temporary Shelter" in Verbindung setzen, um ihre Mitwirkung für die neue Gesellschaft zu gewinnen. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg dieser neuen Körperschaft ist der Umstand, daß sie die materielle Unterstützung des Westends finden und sich des vollen Vertrauens des Eastends erfreuen wird. Ob eine solche gegründet werden kann, muß natürlich abgewartet werden. Aber daß ein Bedürfnis nach einer solchen Vereinigung vorhanden ist, kann nicht zweifelhaft sein, wenn man bedenkt, daß allein im letzten Jahre 6000 Juden über England nach Amerika gewandert sind, ohne zu wissen, welches Schicksal sie drüben erwartet. (Uns scheint dieser Versuch, eine unmögliche Sache möglich zu machen, bei aller Sympathie, die wir ihm entgegenbringen, nicht mehr Aussicht auf Erfolg zu haben als die verschiedenen „Removal"- Versuche, die in allzu großer Fülle in den letzten Jahren in der jüdischen Öffentlichkeit hervorgetreten sind. Bisher sind alle diese Versuche noch an der gegenseitigen Eifersucht der Organisationen, vor allem aber an dem Grundfehler gescheitert, daß sie einer immer weiter eiternden Wunde auf einem prinzipiell falschen Wege und mit Palliativmitteln beizukommen versuchten. Die Red.) Amerika Amerikanische Menschlichkeit Im „Jewish Exponent" vom 16. April d. J. lesen wir folgende erschütternde Tragödie, die wir am besten ohne jeden Kommentar so wiedergeben, wie die amerikanische Zeitung sie berichtet: „Jossil Paskar, einKindvondreiJahrenunddreiMonaten, das während der letzten acht Monate in Ellis Island wegen einer für ansteckend erklärten Erkrankung der Kopfhaut festgehalten worden war, wurde am letzten Samstag auf den Dampfer Noordam gebracht und nach Rotterdam zurückgeschickt. Die Mutter war dem Vater Israel Paskar, einem Schneider, der in der South Seventhstreet 511 beschäftigt ist, mit vier Kindern nach Amerika gefolgt: Louis 12 Jahre, Rüben 7 Jahre, Morris 5 Jahre alt und dem kleinen Jossil, den sie in ihren Armen trug. Bei der Landung erklärten die Behörden, Jossil müsse dableiben und geheilt werden, ehe ihm gestattet werden könne, sich mit seiner Familie zu vereinigen. Der Vater hat nach seiner Angabe, alles in allem, schon 113 Dollar (ca. 500 Mark) für Hospitalkosten in Ellis Island aufgewendet. Infolge der herben Zeiten kam er in Rückstand und wurde jüngst um" die 88 Dollars gemahnt, die er für die Pflege seines Kindes in Ellis Island noch schuldete. Beide Eltern grämten sich Tag und Nacht um ihr abwesendes Söhnchen. Plötzlich kam die Nachricht, das Kind würde nach Europa zurückgeschickt. Die Mutter las das Telegramm, schrie auf und fiel" in Ohnmacht, aus der sie nur sehr schwer ins Leben zurückgerufen werden konnte, um gleich darauf in Krämpfe zu verfallen. Sie schrie nach ihrem Kinde, sie wollte sterben, wenn ihr ihr Sohn genommen werden solle. Der Vater, nur mehr ein Schatten seiner selbst, zum Sklett abgemagert und zerstört von Sorge und Nachtwachen und Leid weinfe, die Kinder jammerten. Während des Nachmittags wurden allerhand Anstrengungen gemacht, um einen Aufschub der Verschickung zu ermitteln — vergebens. Dienstag morgen erhielt Paskar folgenden Brief von Irving Lipsich, Vertreter der Vereinigten Jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaften im Einwanderungsbureau der Vereinigten Staaten in Ellis Island: „Geehrter Herr. Hiermit bestätige ich mein Telegramm von heute wie folgt: „Jossil an Bord des Schiffs Noordam zwecks Deportation gebracht. Abreise morgen früh." „Der Komissar erhielt von der Behörde den Auftrag, Ihr Kind zurückzuschicken und benachrichtigte Sie am 10. ds. hiervon. Heute morgen versuchte ich einen Aufschub in der Verschickung des Kindes für eine Woche zu erlangen, um Sie in den Stand zu setzen, Ihre Frau oder sonst jemanden zu schicken, um das Kind zu begleiten. Der Komissar weigerte sich indessen, meine Bitte zu erfüllen, und das Kind wurde an Bord des Schiffes Noordam gebracht, das morgen früh um 10 Uhr nach Rotterdam abfährt. Ich konnte in dieser Sache unmöglich mehr für Sie tun, als meinerseits geschehen ist. Gleichzeitig muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß die Schuld ganz allein auf Ihrer Seite liegt, da Sie nicht erwarten konnten, das Kind zu erhalten, bevor Sie nicht die Hospitalkosten gezahlt hatten. Ihr ergebener J. Irving Lipsich. Der Bericht erzählt dann weiter, wie der unglückselige Vater berichtet, daß er aus Kischinew habe auswandern müßen, da man seinen Laden geplüdert habe, daß er alles, was er verdiente, über 1600 Mark, nach Hause schickte, um die Herkunft der Seinen zu ermöglichen, daß diese bei ihrer Ankunft in Ellis Island bleiben mußten, weil das Kind krank war, und daß sein Weib aus Sorge und Angst krank geworden sei, bis man sie endlich nach New-York hineinließ. Das kleinste Kind aber wurde zurückgehalten, und er selbst habe unmöglich das Geld für die furchtbar teure Hospitalverpflegung vollständig aufbringen können. Die Behörden hätten gar nicht versucht, irgend eine Adresse zu erhalten, wohin das Kind zu senden sei. Die Großmutter lebe in bittrer Armut in Kischinew, und niemand kann wissen, ob der Junge auch dorthin komme und was mit ihm geschehe. Die Mutter fand der Berichterstatter der Zeitung in einer ärmlichen, aber säubern Wohnung, umgeben von ihren drei ihr gebliebenen Kindern, sprachlos und tränenlos, in Apathie versunken. Nachbarn erzählten, sie habe einen Selbstmordversuch gemacht. Seit mehrern Wochen hätte sie nicht mehr geschlafen und kaum gegessen, um nur den Unterhalt der Kinder zu bestreiten. Die unglückliche Mutter fragte den Berichterstatter, ob es nicht möglich sei, das die Behörden nach Rotterdam kabeln, damit sich jemand des kleinen Kindes bei Ankunft des Schiffes annähme. Belehrt,

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