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Die Welt · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 18 DIE ELT 397 Ihr schlechtes Gewissen trieb viele, noch bevor man sie zu fassen suchte, schleunigst von dannen. Man weiß jetzt, daß nicht nur die Chodschas, die Priester, und nicht nur die mohammedanische Union, die Anstifter der Meuterei waren, sondern auch Führer der „Union liberale", die vorgab, die Freiheit absolut zu wollen und die Reaktion herbeirief. Selbst Ali Kamal Bej, der Redakteur des „Ikdam", der sich als fleckenloser Biedermann aufspielte, istin letzter Stunde geflohen. Was aber viel wichtiger ist, es scheint ziemlich festzustehen, daß der Mord an dem unglücklichen Redakteur des „Serbesti" von dem eignen Besitzer der Zeitung, auf Anstiften des Sultans, zu reaktionären Zwecken inszeniert war! Und von ihm nahm die Katastrophe, die Verjagung des Komitees, die Diktatur und Anarchie der Soldateska ihren Ausgang!. Für das Komitee ist das eins glänzende Reinigung. Kein Zweifel, daß nun sein Schild fleckenloser und glänzender erscheinen wird als jemals. Nicht nur das Komitee, die ganze türkische Welt, weiß jetzt genau, welche Elemente in der Opposition ehrlich und welche gefährlich waren. Überhaupt sind alle wahrhaften Freunde und Feinde des Neuen Regimes scharf gegeneinander gezeichnet, wie nie. 'Vielleicht ist das auch etwas von dem Glücke, das in dem Unheil der letzten Wochen verborgen war. Aus der bittern, blutig-ernsten Erfahrung, so hoffen alle, wird eine bessere, gereinigte, wiedergeborene Türkei hervorgehen. Und ein jeder weiß, daß das Komitee „Union et Progres" sie heraufgeführt hat, das zweite wie das erste Mal. Der Zionismus aber beglückwünscht freudig die Helden der Freiheit, an deren Erfolg er nie gezweifelt hat. Emanuel Carasso Im „Berliner Tageblatt" schreibt Eduard Mj'gir.d über den jüdischen Deputierten Salonikis, Emanuel Carasso: „Das bedeutendste Mitglied des jungtürkischen Komitees, ich möchte sagen, das geistige Haupt, ist jedenfalls Emanuel Carasso, Advokat, geborener Salonikier, ein Mann von 55 Jahren und nebenbei — was aber in der ganzen Bewegung eine Hauptrolle gespielt hat - - Meister vom Stuhl der spanischen Freimaurerloge. Dieser ganz hervorragend intelligente und energische Mann hat es verstanden, nicht nur unter den 4- bis 500 Mitgliedern der drei in Saloniki arbeitenden Logen die freiheitlichen Ideen zu verbreiten, sondern auch die für ihre praktische Ausführung geeigneten Leute unter den Offizieren und Beamten an sich und in die Loge zu ziehen und aus ihnen den Kern der über das ganze Reich verbreiteten Freiheitsgarde zu bilden. Von seiner Loge aus liefen die Fäden bis ins Palais vom Jildis und die Bureaus der Hohen Pforte, bis ins Arbeitskabinett von Hilmi Pascha und die Räume des Generalstabs." ^sr NACHRICHTEN r~\ °° Jr^ä&___ V Österreich (Von unserm Berichterstatter) Jüdischer Gemeindetag Am 4. Mai tritt in Wien der zweite Bundestag der jüdischen Gemeinden Österreichs zusammen. Der wichtigste Beratungsgegenstand ist der Organisationsentwurf der Herren Dr. Sonnenschein (Troppau) und Fiala (Brünn), den wir in den Grundzügen bereits wiedergegeben haben. Das Kennzeichen dieses Entwurfs ist die indirekte Wählbarkeit aller seiner Funktionäre. Die Delegierten der Bundestage und somit die Vorstände der Landesverbände und die Oberräte werden von den Kultusvorständen und nicht von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden gewählt. Da es in den jüdischen Gemeinden Österreichs kein allgemeines Wahlrecht gibt, so wäre der Bundestag auch bei direkten Wahlen keine volkstümliche Vertretung der Judenheit Österreichs. Um so weniger wird es nunmehr bei indirekten Wahlen der Fall sein. Merkwürdig ist der Beschluß, den in Aussicht genommenen Wahlmodus schon für die Wahlen zum bevorstehenden Bundestag gelten zu lassen. Ein Gesetz, das noch vor seiner Annahme in Wirksamkeit tritt, — eine sonderbare Rechtspraxis. Die Bundesleitung ist sehr bemüht, den zu schaffenden Gemeindebund von vornherein unpopulär zu machen. Das wird ihr gewiß gelingen ... Rußland (Von unserm Berichterstatter) Arbeiteraussperrungen in der jüdischen Industrie In unsern Korrespondenzen haben wir öfters auf die schwere ökonomische Kriese hingewiesen, die gegenwärtig die arme jüdische Industrie in Rußland beherrscht. In der letzten Zeit tritt dazu eine Erscheinung, die unter den armseligen Verhältnissen der russischen Judenheit einen geradezu grotesken Eindruck machen muß, und deren Wirkung auf das ökonomische Gleichgewicht der jüdischen Masse von direkt vernichtendem Einfluß sein muß. Wir meinen die Arbeiteraussperrungen, die neuerdings in der kleinen jüdischen Industrie zu beobachten sind und die einen Beweis für die völlige Desorganisation der produktiven Kräfte darstellen. Wenn der Kampf zwischen Kapital und organisiert :m Proletariat bei all seiner sozialen Schädlichkeit den Vorteil hat, daß er die Produktivität des Landes steigert, so verschwindet auch dieser Vorteil vollständig bei den Arbeiteraussperrungen, die augenblicklich die Lage der jüdischen Industrie in Lithauen kennzeichnen. Dort wird er betrieben von kleinen jüdischen Fabrikanten und ist gerichtet gegen armes, undiszipliniertes und unorganisiertes Volk, das unter seiner Wirkung direkt Hungers stirbt. Diese Aussperrungen werden gemeldet aus Wilna., Minsk, Grodno, Smorgon und andern kleinern Zentren des jüdischen Ansiedlungsrayons. Dort existieren kleine jüdische Gewerkschaften, die aber viel zu schwach sind, um sich der Organisation der Fabrikanten gegenüber zu behaupten, um so mehr, da sie j i auch von den Behörden in der schlimmsten Weise schikaniert werden. Das Resultat der Aussperrungen ist, daß die Arbeiterbevölkerutig dieser Städte vollständig zugrunde gerichtet wird und daß die Smorgoner und Wilnaer Fabrikanten nichts weniger als Morgans und Rockefellers werden. Eine solche Verwirrung der Begriffe ist bereits eingetreten, daß man die himmelschreiende Tatsache melden muß, daß sich die Wilnaer Lederwarenfabrikanten an den Verband des russischen Volkes gewandt haben, er möge ihnen russische Arbeiter aus den Zentralgouvernements verschaffen, um auf diese Weise die „unbändigen'4 jüdischen Arbeiter zu terrorisieren. All das hat natürlich eine wettere Zersetzung des gegenwärtigen Chaos innerhalb der russischen Judenheit zur Folge. Inzwischen setzen die Behörden ihre Ausweisungspolitik fort. Alltäglich lesen wir in den Zeitungen, daß die Juden aus Sibirien, dem Ekaterinoslawer, Orlower usw. Gouvernement sich an ihre Vertreter in der Duma mit der Klage wegen ungerechter Ausweisungen wenden. Natürlich alles ohne Erfolg. In der Duma selbst wird die Judenfrage nur insofern behandelt, als sich die Vertreter der Rechte fortwährend in den wüstesten Beschimpfungen der Juden ergehen, ohne daß der Vorsitzende irgendwie dagegen einschreitet. Die Frechheit der Antisemiten in der Duma hat inzwischen einen solchen Grad erreicht, daß 50 Deputierte der Opposition einen Protest dagegen eingereicht haben. Selbstverständlich hat auch das eine Wirkung nicht gehabt. Jubiläum der ..Nowoje Wremja" Der Geschichtsscheiber des jüdisch-russischen Lebens kann an dem Jubiläum Suvorins, Chefredakteurs der „Nowoje Wremia" nicht vorübergehen. In dem Buche der Geschichte der Juden Rußlands ist die Tätigkeit dieses Mannes mit blutigen Lettern verzeichnet. Es gab keine einzige Verfolgung, keine einzige Gewalttat, keinen einzigen Pogrom, der nicht von der Nowoje Wrernja inspiriert worden wäre. Das Jubiläum wurde sehr festlich begangen; allerdings nahm nur die Reaktion daran Anteil, die gesamte mehr oder minder fortschrittliche Publizistik und Literatur blieb fern. Wohnrecht für Juden gegen Kirchenspenden Man schreibt uns aus Petersburg: Über eine eigenartige Gerichtssache wird der Wilnaer Kreisgerichtshof demnächst zu verhandeln haben. Das Wilnaer Gouvernementsamt für städtische Angelegenheiten hat nämlich die Juden Schabad, Paperno u. a. wegen Zahlung von 5000 Rubeln zur Errichtung einer orthodoxen Kirche in Nowo-Wileisk verklagt. Interessant mit Rücksicht auf die Judenlage ist nun der Hintergrund der Affäre: Nur sechs Werft vom jüdischen Zentrum Wilna entfernt liegt die Station Nowo-Wileisk, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, in dem jedoch Juden als in einem außerhalb der Städte und Flecken gelegenen Ort laut den „provisorischen" Maigesetzen des Jahres 1882 nicht wohnen dürfen. Nun hatten die Beklagten ein Interesse daran, daß das Dorf Nowo-Wileisk, wo sie Land besitzen, in einen Flecken umgewandelt werde. Die Behörden versprachen auch einem dahinzielenden Gesuche stattzugeben, verwiesen aber auf die gesetzliche Schwierigkeit, daß Nowo-Wileisk die für einen Flecken erforderliche Kirche nicht besitze. Da erklärten sich die Bittsteller bereit, 5000 Rubel zu diesem Zwecke zu spenden. Nach richtiger russischbureaukratischer Manier beantragten nun die schlauen Behörden die Ernennung von Nowo-Wileisk zum Flecken, schalteten aber aus dem Weichbilde des neuen Fleckens die den genannten Schabad usw. gehörigen Ländereien aus, so daß diese nun das Nachsehen hätten. Naturgemäß wollen jetzt die eigenartigen Kirchenspender

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