Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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396 - DIE 3 Turnverein „Makkabbi" hatte heute morgen in aller Eile einen Verprovi antierungsdienst eingerichtet. Eine flinke Sammlung unter einigen seiner Mitglieder lieferte die notwendigen Mittel, und dieselben Braven trugen den eingekauften Proviant: Zwieback, Käse und Oliven, den ermüdeten und hungrigen Freiheitskämpfern in den Straßen der Stadt herum, bis in die feuergefährdeten Viertel hinaus. Mehrere Hundert Soldaten sind durch diese wackere Arbeit erquickt und gestärkt worden. Es ist eine eigene, erhebende Gelegenheit, bei der zum erstenmal die Juden der Türkei ihre Blutsteuer entrichten. Sie hatten nicht, erst das Gesetz abzuwarten, das ihnen an der allgemeinen Bürgerpflicht ihren Teil geben sollte. Indem sie zu den Fahnen der Freiheit eilten, bewiesen sie, daß sie ihrer wahrhaft würdig seien — wenn es dazu noch eines Beweises bedurfte. Die Bande zwischen Türken und Juden werden von nun an nur immer noch innigere werden. Nicht eine Höflichkeitsphrase war es, daß in diesen Tagen ein Stabsoffizier mir sagte: „Wir werden die Juden, hoffe ich, bald in unserm Heere, Offizierskorps und Generalstab, bis hinauf zum Generalissimus haben!" Konstantinopel, 2h. April. Die Nationalversammlung Unter den Ängsten und Beklemmungen, die die ganze vergangene Woche die Einwohner Konstantinopels zittern machten, waren wohl die der Volksvertreter die schlimmsten. Wer konnte denn wissen, ob nicht auch ihnen jenes Schicksal bestimmt war, das Ahmed Risa und Hussein Dschahid gesucht und verfehlt, und dafür den unschuldigen Deputierten von Beirut getroffen hatte? Erst als die Befreiungsarmee unter den Mauern der Stadt war, atmeten sie auf. Und am Mittwoch, den 21., begaben sie sich sämtlich unter den Schutz des Heeres selbst, indem sie San Stefano zu ihrem Parlamentssitze machten. Das war auch der glückliche Tag, an dem -der erst verloren, dann weit fort entflohen Geglaubte, der Stolz der Volksvertretung, Ahmed Risa, wieder in ihrer Mitte erschien, Talaat Bej, der Vizepräsident und seine übrigen Genossen mit ihm. Da zeigte es sich, wie alle vergangenen Angriffe und Verleumdungen wirkungslos von ihm abgeglitten waren. Unter Jubel und Freudentränen wurde ihm das Präsidium der Kammer wieder übertragen, das ihm gewaltsam entrissen worden war, und damit alle im Laufe der Unglückswoche vollzogenen, furchtdiktierten Aktionen der Kammer für null und nichtig erklärt. Am gleichen Tage schloß sich der Senat dem Parlament im Exil an, und am folgenden Donnerstag vereinigten sich beide zu feierlicher gemeinsamer Sitzung als „Nationalversammlung", die entscheidende, freilich geheim gebliebene Entschlüsse für das Schicksal des Reichs faßte. Während die Nationalversammlung tagte, nahte sich plötzlich über das Marmarameer die türkische Flotte. Erst Momente des Zweifels, ob sie nicht in feindlicher Absicht gekommen wäre, dann ein unbeschreiblicher Jubel, da man erfuhr, daß sie der Freiheitsarmee und der Nation ihre Mitwirkung antragen wollte. Als wenige Stunden später der Oberstkommandierende der gesamten Streitkräfte zu Lande und zu Wasser beim Parlament eintraf, war das Hochgefühl überwältigend. Es war ein großer Tag, der größte der neuen Türkei. In der Gefahr vor der drohenden Knechtschaft fanden sich die Gesamtvertretung des Volkes und der Armee zusammen, um mit gemeinsamer, unwiederstehlicher Kraft sich zur Verteitigung der Freiheit und der Unterdrückung der Tyrannei anzuschicken. Es war ein großer Tag auch für das Komitee „Union et Progres", unter dessen Führung, für das und durch das dies alles geschah. Erst damals wurde es klar, wie tief doch ihre Gedanken in die besten, kräftigsten Elemente des Volkes gedrungen war, und wie groß das Vertrauen des Volkes zu ihm ist. Die Nationalversammlung legalisierte, sie wie Armee und Flotte indentifizierten sich mit der Unternehmung des Komitees, die damit zur Unternehti ung des ganzen großen, erst jetzt eigentlich mit Bewußtheit sich bildenden, neutürkischen Volkes wurde. Der Einmarsch der Truppen Unsere vorwöchentliche Ausführungen gipfelten darin, daß alles von dem Vormarsch oder der Umkehr der herangerückten Truppen abhing. Dieselbe Erkenntnis hatte zweifellos bei den jungtürkischen Führern, und ihnen nach bei der Nationalversammlung Platz gegriffen. Die Stadt war indes Beute der fieberhaftesten Unruhe und der bald himmelhoch strebenden, bald niederschmetterndsten Gerüchte. Man sprach von Unterhandlungen, von Kompromissen mit dem Palais, der Pessimismus gewann die Oberhand. Ganz besonders, als am Freitag der Selamlik fast genau wie gewöhnlich, und in aller Ruhe verlief. Und die Meldung eines Blattes vom Abend zuvor, der Sultan sei krank und zeige Anzeichen von ^ELT No. 18 geistiger Störung, sowie Artikel mit Uberschriften wie „Der letzte Selamlik" erschienen fast keiner Beachtung wert. Plötzlich, am frühen Sonntagmorgen, donnerten die Kanonen. Wie Musik erklangen sie Tausenden in den Ohren. Die Besetzung der Stadt erfolgte mit wunderbarer Schnelligkeit und Methode. Als die Bürger erwachten, war schon in ganz Galata und Pera ein geradezu vollkommner Sicherheitsdienst der neuen Armee eingerichtet. Die militärischen Operationen vollzogen sich mit einer erstaunlichen Umsicht und Exaktheit. Viele Opfer auf beiden Seiten sind gefallen; der Widerstand war viel allgemeiner und hartnäckiger, als vermutet wurde; aber alles war gründlich vorgesehen. Und \es konnte nicht anders kommen, als daß die von Freiheitsbewegung erfüllte, prächtig disziplinierte, mit intelligenten Offizieren ausgestattete Armee, der vom Sultan gekauften, schuldbewußten, undisziplinierten Horden bei weitem überlegen war. Jetzt, Sonnteg nachmittag, ist die ganze Stadt und alle militärisch wichtigen Punkte eingenommen: nur der Jildis widersteht noch. Abdul Hamids Sturz Ein Drama von fürchterlicher Großartigkeit naht sich seinem Ausgang. Ein Herrscher, mit den glänzendsten Fähigkeiten für den Tron begnadet, mißbraucht sie zum Unglücke seiner Völker und geht an ihnen zugrunde. Durch Gewalt zur Krone gelangt, muß er durch Gewalt sie verlieren. Wie Macbeth und Richard III. jagte ihn seine Untat zur zweiten. Aber diese Untaten selber gebaren die Empörungskräfte seiner Untertanen. Die Freiheit und Gerechtigkeit hatten über seine Grausamkeit und sein Willkürregiment triumphiert und ihn niedergeworfen. Mit verschlagener Schlauheit hatte er sich dem Neuen scheinbar untergeordnet, schien er allem eigenen Wollen nd Tun untersagt zu haben. Bis der Augenblick ihm gekommen dünkte, sich wieder mit Macht in den Sattel zu schwingen. Skrupellos, genial beutete er diesen Augenblick aus. Aber die Last seiner Vergangenheit zog ihn nieder; die Furcht vor ihm und einer Wiederkehr seiner Schreckensherrschaft gab den Gegenkräften Flügel. Es war ein kurzes Aufflackern seiner alten Herrlichkeit, dann stürzte er endgiltig. Die Wahrheit gebietet, auch das Gute über ihn zu sagen. Er war begabt, oft weichherzig und immer liebenswürdig. Kenner seines Wesens behaupten, er wäre kein Tyrann, sondern ein edler Mensch geworden, wenn zweierlei nicht gewesen wäre: seine Gier zu leben und zu herrschen, und seine Furcht vor dem Tode. Die Wahrheit gebietet auch, hier zu sagen, daß er den Juden niemals Übles tat, sondern immer als ihr Freund sich zeigte. Vielleicht weil die Juden die Einzigen im Reiche waren, von denon er glaubte, nichts zu fürchten zu haben. Wir werden dessen nach seinem Sturze gedenken; an seinem Gesamtbild ändert es nichts. Seit dem Schreckenstage des 13. April dachte niemand an etwas anderes als an ihn. Aber niemand nannte seinen Namen. Die Zeitungen zitterten und schwiegen, die Kammer bebte und schwieg ebenfalls. Erst als die Jungtürken herannahten, lösten sich alle Zungen. Man wagte, erst anzudeuten und zu flüstern, dann zu sagen und zu drucken, endlich auszuschreien: daß er der eigentlich Schuldige war. Und da war kaum einer im Reiche, außer den Gekauften nnd von ihm Gehätschelten, die es nicht im Tiefsten fühlten: daß er verschwinden müsse, wenn Volk und Land in absehbarer Zeit ihre Ruhe haben, oder gar, nicht sofort zugrunde gehen sollten. Dieser stille, leidenschaftliche Wunsch war der Sinn all der fiebernden Erwartung. Er inzwischen tat alles, um sich zu retten; log, heuchelte, versprach, bot Millionen, drohte mit dem Ausland und mit dem Untergange aller Fremden. Es half ihm nichts. Hätte er es ehrlich gemeint und nicht gleichzeitig immer wieder Spione, Priester und Soldaten gedungen, — vielleicht hätte man ihn die Spanne Zeit, die er noch zu leben hat, auf dem Throne gelassen. Aber man war ihm zu scharf auf der Spur. Nun nützte es ihm auch nicht, daß er alle seine Mitschuldigen, seine Kreaturen und Anstifter der Revolte, preisgab, ihn wollte man treffen, ihn selber mit allen. Und es hat sich die Schlinge immer fester um ihn zugezogen. Schon sind alle seine Getreuen dahin; nur seine eigene Burg schützt ihn noch eine Weile. Aber der eiserne Ring ist rings um ihn geschlossen; die Armee fordert bedingungslose Ergebung. Ist die Stundenfrist dafür abgelaufen, werden die Kanonen ihre letzte furchtbare Arbeit verrichten. Ganz Konstantinopel aber bereitet sich schon auf ein kommendes Freudenfest. Die Mitschuldigen Soviel ihrer sind, sind dingfest gemacht oder in Panik entflohen. Es sind unter ihnen, die noch eine Woche zuvor triumphierten.