Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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halten. Sowohl der Vortrag als wie die Bankettreden wurden in hebräischer Sprache gehalten. An der überaus zahlreichen Veranstaltung beteiligten sich auch Zionisten, die aus den benachbarten Städten gekommen sind. Außerdem hielt Sokolow Vorträge allgemein-jüdischen Inhalts in Warschau und in Lodz. In Warschau fand der Vortrag im großen Saale der „Philharmonie" statt und gestaltete sich zu einer außerordentlich imposanten, nach Tausenden zählenden jüdischen Versammlung, Die ziemlich bedeutenden Einnahmen wurden zugunsten des Warschauer jüdischen Informationsbureaus für Auswanderer bestimmt. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) 24. April Eine Wiedergeburt der Neuen Türkei Wenn es wahr ist, daß jedes Unglück ein Glück in sich enthalte, so ist das Unheil, das am 13. April über Konstantinopel hereinbrach, ein besonders segenschwangeres gewesen. Es hat, so furchtbar niederschmetternd und lähmend es im Anfang erschien, einen so wundervollen Aufschwung alier aufwärtsstrebenden und befreienden Kräfte zur Folge gehabt, daß seine schließliche Wirkung nicht anders als heilsam genannt werden kann. Am 24. Juli wurde die Türkei mit dem Geschenke der Konstitution überrascht; es fiel ihr fertig, von draußen her vorbereitet, wie von den Wolken herab, in den Schoß; das Volk hatte in seinen großen Massen nichts dafür getan; und auch die Armee hatte außer einer gelungenen Drohung keine fernere Anstrengung oder gar Opfer zu bringen gehabt. Eben darum war es gewesen, daß es trotz des ganzen schönen Elans und des Enthusiasmus, der nach jenem glücklichen Ereignis das Ottomarienreich erfüllte, hartnäckige Pessimisten gab, besonders in Europa, die dem Bestände der neuen Verhältnisse nicht trauen wollten. Selbst als die Wahlen zum Parlament und dieses selber zur Wahrheit wurden und die gesetzgebende wie die exekutive Konstitutionsmaschine prompt funktionierten, rüstete ihre Skepsis nicht ab. Und es waren nicht die schlechtesten Kenner der Türkei unter den Zweiflern. Sie wiesen mit Recht nicht nur auf die bedenkliche Lehren erteilenden Geschichtsparallelen, sondern auch vor allem darauf hin, daß die Neue Türkei noch keinerlei wirklich beweisende Kraftprobe bestanden habe, daß ihre Fähigkeit zum Widerstande bei einem ernsten Reaktionsversuch, der kommen müsse, durchaus noch nicht erwiesen sei. Diesen völlig natürlichen, historisch wie psychologisch begründeten Pessimismus haben wir auch in unserer Mitte, unter den besten unserer zionistischen Mitkämpfer, gehabt. Hier war er auch auf einem ursprünglich gesunden Verantwortlichkeitsgefühle basiert, das sich nicht leichten Kaufes dazu überreden ließ, Unternehmungen oder gar eine völlige Änderung unseres bisherigen Arbeitssystems bloß auf ein blindes Vertrauen in die neue Gestaltung der Dinge hin zu dekretieren. Freilich hatten andere, gestützt auf eine nahe und gründliche Beobachtung der neutürkischen Zustände und ihres Menschenniaterials, mit kräftigen Gründen diesen Pessimismus zu widerlegen versucht; aber sie konnten keinen durchschlagenden Erfolg erzielen, da auf ihrer Seite so gut wie auf der negativen die Argumentierung eine wesentlich theoretische war. Die Folgen des 13. April, der allen bösen und unheilkündenden Vorahnungen und der aus ihnen resultierenden Tatlosigkeit recht zu geben schien, haben endgültig zugunsten der Optimisten den Ausschlag gegeben. Das geschichtliche Notwendige war erfolgt, die Reaktion, und zwar in konzentriertest^ Form, war eingetreten, ihr Terrain war wieder gewonnen und die ganze Hauptstadt ihr Untertan. Aber unverzüglich war auch die verlangte Kraftprobe in Erscheinung getreten. — Die Neue Türkei erhob sich wie ein Mann. Sie hat Männer von Blut und Mark auf den Plan gestellt und eine Widerstandsaktion von solcher Geradlinigkeit, Umsicht und Durchschlagskraft in die Wege geleitet, daß der Ungläubigste sich vor ihrer Stärke und Größe beugen mu(3. Der Lebensbeweis der Jungtürkei ist geliefert. Sie hat gezeigt, daß sie nicht nur zu erwerben, sondern auch zu erhalten weiß, um zu besitzen. Sie hat gezeigt, daß der Boden zu ihrem ökonomischen Bau solide gelegt und tragfähig ist und daß ihre politische Konstruktion fest genug gefügt ist, um einer Nation, die bereit ist, an ihrem weitern Ausbau und ihrer Befestigung mitzuarbeiten, ein Unterkommen gewähren zu können. Das ist die glückverheißende Lehre, die die Ereignisse der letzten Woche uns, den Zionisten, den aufrichtigsten Freunden der Türkei, bedeuten. Darum mag niemand freudiger bewegt als wir den eben erfolgenden Rückschwung in allen seinen Phasen und Fortschritten begrüßen und kein Einwohner der Hauptstadt beglückter den Einzug der siegreichen Freiheitsarmee miterlebt haben als wir, die Zionisten Konstantinopels. Er verheißt uns nicht nur Sicherheit des eignen Lebens und Eigentums, für die wir eine Woche lang beben mußten, nicht nur baldige Ruhe in Handel und Wandel, sondern auch gesicherten rüstigen Fortschritt des großen türkischen Ganzen und damit auch, — worauf wir am sehnlichsten harren, — frische, rüstige, zionistische Arbeit. Die Bahn zu ihr ist frei. Die Juden in der neuen Bewegung Wir sind leider so daran gewöhnt, unsere Stammesbrüder allerorten auf der Seite der Geknechteten und Unterdrückten und darum auch innerlich Gebeugten und Ergebenen zu sehen, daß der Anblick von Juden, die sich als freie Männer, als Männer der Tat und als Kämpfer der Freiheit erweisen, uns in fast sentimentaler Weise erbaut und begeistert. Gleichwohl gehören einige Erscheinungen am türkischen Judentum der letzten Tage nicht zu denen, die an der großen Glocke lächerlich anmuten. Wir haben wahrhaft Ursache zu Stolz und Genugtuung. Man kann nicht gerade sagen, daß das türkische Parlament in den Tagen des konstitutionellen Niederganges auf der moralischen Höhe seiner Aufgabe gewesen sei. Es hat unter dem Druck der Bajonette alles, was die rohe Gewalt der Meuterer und ihrer reaktionären Anstifter ihm auferlegte, stumm und gefügig über sich ergehen lassen. Es hat die Verjagung seines Präsidenten und einer Anzahl seiner fähigsten Deputierten, wie den Mord eines hoffnungsvollen aus seiner Mitte ohne das geringste Zeichen von Bedauern oder Protest dahingenommen; ja, mehr als das: es hat die Taten der Empörer durch ein quasi Manifest legalisiert und ihre Grundforderung, das Scheriat, förmlich aufgenommen; es hat dem Volke eine Ruhe vorgetäuscht, die nicht bestand, und sogar das Heer, das die Konstitution zu retten kam, zurückzuhalten gesucht, unter der Vorspiegelung, die Freiheit sei ungefährdet. Da war es dann eine Tat, daß ein Mann sich fand, der alle feige Furcht beiseite warf, das Lügengewebe zerriß und die ganze schreckliche Wahrheit zu sagen wagte, der der gesunkenen Kammer mit erschütternder Entrüstung ihre Erbärmlichkeit vorhielt und die schlummernde Mannhaftigkeit in ihr wiedererweckte. Dieser Mann war unser. Nissim Efendi Mazliah wird seit jenem Tage zu den Juden zählen, die in unserer Geschichte bleiben. Er war fieberkrank, als er — am Donnerstag nach der Revolte schon ----- in der geheimen Kammersitzung die Fahne des Mutes und der Wahrheit erhob und nur gewaltsam verhindert wurde, sie auch in der öffentlichen Sitzung desselben Tages zu schwingen. Und fieberkrank war er, als er sich gleichwohl am folgenden Sonntag wiederum zwang, seiner Gebrechlichkeitjzum Trotz im Parlament zu erscheinen, und dort seine große Rede hielt. Alle Blätter des Landes zitierten sie und huldigten ihm dafür. Noch gestern sind an die Nationalversammlung Glückwunsch- und Danktelegramme aus dem Reiche für ihn eingetroffen, das seine Tat als eine moralische Befreiung empfindet. Während so der Deputierte Mazliah, der wegen seiner zionistischen Gesinnung uns besonders nahesteht, in der Hauptstadt seine patriotische Pflicht erfüllte, war ein zweiter jüdischer Depurtierter, Emanuel Efendi Carasso, der Mitglied des Zentralkomitees „Union etProgres" ist, mit andern Häuptern der Partei nach Salonik geeilt, wo er an der Organisierung des jungtürkischen Gegenaufstandes in hervorragender Weise tätig war. Den Zeitungen zufolge hat er u. a. auf einem Riesenmeeting, dem dreißigtausend Menschen beigewohnt haben sollen, eine entflammende Rede gehalten. Jüdische Freiwillige Die türkischen Juden haben aber nicht nur Männer des Wortes der Freiheitsbewegung zur Verfügung gestellt, sondern auch Blut und Waffen. In Scharen sind sie dem Rufe des Komitees gefolgt und haben sich als Freiwillige der mazedonischen Armee angeschlossen. Konstantinopel hat — zur Schande seiner Juden sei es gesagt — am wenigsten, fast gar keinen Anteil genommen. Aber Monastir, Adrianopel und vor allem — wie immer — Salonik haben brave junge Juden zu Hunderten geliefert. Die angeführten Zahlen schwanken; aus Salonik allein sollen siebenhundert da sein und Adrianopel diese Zahl auf über tausend erhöhen. Wir haben sie heute, an dem großen Tage der Eroberung der Hauptstadt, in ihrem patriotischen Dienst gesehen. Sie sind in beträchtlicher Anzahl als Sicherheitsposten und -patrouillen in den Straßen verwendet. Ihre frischen stämmigen Gestalten erquicken geradezu, die Begeisterung und die Freude, mit der sie ihrer ungewohnten Pflicht obliegen, glühen ihnen nur so aus den Augen. Hat das jüdische Konstantinopel nicht gleich den andern türkischen Großstädten in der Stellung kampffähiger Freiwilliger seine Pflicht getan, so war es doch mithelfend am Platze. Der jüdische