Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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werden. Dagegen ist eine solche Anstellung von Europa aus auf brieflichem Wege nicht zu erlangen. Apotheken sind in jeder Stadt und in fast jeder Kolonie vorhanden. Heilperscnal kann in der hiesigen Bevölkerung gefunden werden. Als Sprache ist für einen Arzt das Deutsche oder Jüdische ausreichend, daneben ist die Kenntnis der französischen, hebräischen und arabischen Sprache erwünscht. Die Gebühren für eine Konsultation in der Sprechstunde betragen 1.— bis 1.5Q Frcs., für einen Besuch im Hause 2.— bis 4.— Pres. Zahnärzte Die Aussichten für Zahnärzte sind zurzeit nicht günstig. Es gibt in jeder Stadt mit größerer jüdischer Bevölkerung mehrere arabische und jüdische Zahnärzte, letztere meistens mit russischem Zahnarztdiplom. In den jüdischen Kolonien gibt es keine Zahnärzte, und es ist auch zweifelhaft, ob in einer Kolonie ein Zahnarzt seine Existenz finden wird, da die größte jüdische Kolonie nicht mehr als 1000 bis 1500 Einwohner enthält. Die Mundpflege findet bei der palästinensischen Bevölkerung noch wenig Verständnis. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen, daß ein Zahnarzt in Jaffa oder Haifa noch seine Existenz finden kann. Ein Diplom für die Ausübung zahnärztlicher Praxis wird von der Regierung nicht verlangt. Architekten Die Bautätigkeit ist in Palästina sehr rege. Die Hospitäler» Schulen, Gotteshäuser vermehren sich von Jahr zu Jahr, und auch Privathäuser, allerdings meist kleine, wenig kostspielige Häuser, werden in großer Zahl gebaut. Bisher sind für große Bauten-besondere Architekten aus Europa berufen worden, während Privatleute ihre Häuser meist ohne Hilfe eines Architekten durch hiesige Maurermeister bauen lassen. Indessen würde ein tüchtiger, erfahrener Architekt in Jaffa, Haifa oder Jerusalem wahrscheinlich doch von vielen Bauunternehmern zu Rate gezogen werden und könnte sich eine auskömmliche Existenz verschaffen. Bisher gibt es nur in Jerusalem und in Galiläa je einen Juden, welche Architekten- Arbeiten übernehmen. Chemiker haben zurzeit in Palästina keine Aussicht auf Existenz, falls sie kein eigenes Kapital haben. Leute mit 10000 bis 15000 Frcs. Kapital könnten dagegen durch die Fabrikation von Drogerien, ätherischem Öl und durch die Herstellung von Eis auf einer modernen Eismaschine voraussichtlich ihr Auskommen finden. Techniker und Ingenieure Techniker und Ingenieure werden bei der bisherigen geringen industriellen Entwicklung Palästinas nur in sehr geringer Zahl gebraucht. Techniker und Ingenieure sind angestellt: a) beim Bau der projektierten oder bereits im Bau befindlichen Eisenbahnen. Anstellung durch die türkische Regierung je nach Bedarf. Die meiste Aussicht auf Anstellung haben Ottomanen, Franzosen oder Deutsche. Kenntnis der französischen Sprache erforderlich. b) in den Maschinenfabriken von Stein und Wagner in Jaffa, Athid und Haifa. Augenblicklich keine Vakanz. Der Bedarf an Ingenieuren und Technikern wirdsteigen, sobald die zahlreichen Projekte für künstliche Bewässerung, Gas- und elektrische Beleuchtung, Tramways, Kleinbahnen und Chausseebauten ihrer Verwirklichung näher rücken. Augenblicklich finden Ingenieure und Techniker ohne eigenes Kapital in Palästina noch kein geeignetes Tätigkeitsfeld. Tierärzte Für einige tüchtige Tierärzte bietet sich in Palästina aller Voraussicht nach noch die Möglichkeit einer Existenz. Es gibt bisher in Palästina nur einen von der türkischen Regierung angestellten Tierarzt, der aber anscheinend nur sehr selten in die landwirtschaftlichen Kolonien kommt. Da der Viehbestand sowohl in den deutschen wie auch in den jüdischen Kolonien nicht unbeträchtlich ist, und Viehkrankheiten ziemlich häufig sind, dürfte sowohl in Judäa wie in Ober- und Untergaliläa für je einen Tierarzt genügend Beschäftigung vorhanden sein. Allerdings wird dem Tierarzt im Anfang die ziemlich schwere Aufgabe zufallen, die Kolonisten durch die Praxis von der Wichtigkeit einer rechtzeitigen tierärztlichen Behandlung zu überzeugen. Wenn dies gelingt, werden sich wahrscheinlich die jüdischen Kolonien auch zur Anstellung von Tierärzten gegen festes Gehalt entschließen. Es ist möglich, daß die jüdischen Kolonisationsgesellschaften hierzu eine Beihilfe gewähren. Dagegen ist es ausgeschlossen daß die jüdischen Kolonien schon jetzt auf brieflichem Wege einen Tierarzt aus Europa engagieren. Olf □□□□□□ o o VS —-0 CDs? FEUILLETON □ □□□□ o °J? FRÜHLIN GSDÜFTE Von Wilhelm Berkelhammer Die ersten Frühlingsstrahlen der Sonne fielen ins Qäßchen. Sie kamen wie unerhoffte und lang erwartete Gäste, die man mit aufrichtiger, kindlicher Freude empfängt, mit einem unwillkürlichen, herzlichen Lächeln. . . . Wer wollte vor einigen Tagen glauben, daß der Frühling schon bei der Tür harrt? Der alte Synagogendiener Schmul tröstete zwar seit langen Wochen seine Nachbarin Ilene, die am Ring eine Krambude mit Resten hatte und in ihrem Dachzimmerchen fürchterlich fror: — „No, no . . . sorget nur nicht . . .'s ist schon näher, als weiter . . .", - aber das waren nur Trostworte. Im Qäßchen war es grau und finster. Zwei Reihen alter, meist einstöckiger Häuser, von einander nicht mehr als fünf, sechs Schritte entfernt. Inmitten — Kot. Und hoch oben schwarze, bleierne Wolken. Einmal lagerten sie traurig, unbeweglich über dem Qäßchen, das andere Mal zogen sie langsam vorüber, wie ein großer Haufen Vieh, das vom Feld zurückkehrt. Und so Tag für Tag. den ganzen Herbst, den ganzen Winter. . . . Schnee war im Qäßchen wenig. Es mochte auch schneien den ganzen Tag, zwei Tage — der Schnee wurde vom Qassenkot eingezogen. Diese Kotlache trocknete nie, - denn das Qäßchen diente auch als Qosse. Und so wehte von diesem finstern Himmel und vom ewig trüben Kot und von den grauen, armseligen Hausmauern eine schwere Trauer. Man konnte sie herausfühlen überall: in den Häusergesimsen, in allen Winkeln der kleinen Stuben, in der Seele j'edes Menschen. . . . Es war kein Kummer, auch kein Schmerz und kein Leiden, — nur eine Trauer, eine schwere und stumpfe, von der man nicht wußte, woher sie stammte und warum sie herkam ... Du verläßt in der besten Laune deine Wohnung und da kriecht dir etwas in die Brust, daß du dir keinen Rat schaffen kannst. ... Ich begegnete Leute im Qäßchen, die ohne irgendwelche Ursache oft tief, tief aufseufzten. Das Lachen klang fremd, unheimlich. ... Und oben am Himmel zogen große, bleierne Wolken langsam vorüber. . . . Man wußte wohl im Qäßchen, daß der Winter einmal vorübergehen wird. Nicht bloß Schmul, der Schames, versicherte es seiner Nachbarin Ilene, — man wiederholte sich diese Neuigkeit unzähligemal. im Bethaus,