Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Hause, überall. . . . Jeder wußte, daß der Frühling kommen wird, aber — wann? wann? Und so gewöhnte man sich allmählich an die graue Finsternis und hörte auf, zu hoffen. . . . Da kam der Frühling und überflutete mit tausend Strahlen das jüdische Qäßchen. — ... Die Sonne geht unter. Ein kleiner Teil lugt noch hervor hinier dem Häuschen Bajles, der Näherin. Im Bethaus herrscht Dämmerung. , . . Die Sonne verschwindet gänzlich. ... Im Bethaus wird es finster . . . dunkel . . . still. Die Bänke, der Almemor und die heilige Lade zerfließen in der Dunkelheit. . . . Still . . . Eine gebückte Gestalt nähert sich langsam von der Tür. Es ist der Schames. Nach einer Weile flackert eine Kerze. . . . Die Dämmerung beginnt zu schwinden ... dann die zweite . . . dritte . . . Und auf einmal wird es hell! ... So kam der Frühling und streute ins Qäßchen eine helle, funkelnde Freude. . . . Ein neues Leben erwachte in jedem Winkel. Man schaute sich in die Augen mit einer sonderbaren Qüte . . . Leibisch und Chaim, beide Träger, die ärgsten Konkurrenten , lächelten sich zu, als sie einander begegneten . . , Sie wußten nicht, weshalb. ... Vörden Häusern herrschte ein Jauchzen und Lärmen, nicht zum Beschreiben. Halbnackte Kinder stürzten ins Qäßchen, wie ausgehungerte Vögel, die dem Käfig entrissen. Sie liefen, schrien, jagten, bewarfen einander mit Kot und machten das Qäßchen vorlauter Lachen und Freude erbeben. Von den Wiegen, die hie und da vor die Hausflur hinausgetragen wurden, kam das Weinen der Säuglinge. Die Krämerinnen handelten heute mit größerer, sichtbarer Lust. Hinter den Öfen kamen alte bejahrte Jüdinnen hervor und trippelten langsam im Kot, in dem die Sonnenstrahlen lustig durchfunkelten. Chane Bajle, die Frau des Qreislers Berl, salzt das Fleisch vor der Haustür auf dem Qäßchen. Auf einmal kommt zu ihrem Unheil und zur Freude der spielenden Kinder Chumen, der herrenlose Hund des jüdischen Viertels, und ohne lange nachzudenken, packt er ein Stück Fleisch und macht sich von dannen. Chane Bajle, rot wie ein Krebs, schreit und schimpft, daß das halbe Qäßchen zusammenkommt. Und nach einer Weile fügt sie hinzu: „Sein Qlück, daß es ein so kleines Stück war . . Die Sonne, frühmorgens noch ziemlich kühl, begann gegen Mittag stark zu wärmen. Der finstere Schatten des Qäßchen floh irgendwohin und verbarg sich vor den hellen Sonnenstrahlen. Man fühlt, daß alles ringsherum mit inbrünstiger Freude sich vorbereitet, ein neues Qewand anzulegen, und ein neues Leben anzufangen. Du möchtest fragen, ob diese in goldenen Strahlen badende Häuser dieselben sind, die gestern hier dastanden, unter zentnerschwerer Last des finsteren Himmels? ... Ob dieser zur Sonne lachende Kot gestern so düster unter deinen Füßen sprudelte? . . . Und ob du derselbe, bist, der gestern mit gesenkten Kopf durch dieses Qäßchen schlenderte? . . . Und indem du die Augen vor den heißen Strahlen halb zumachen mußt, möchtest du antworten: Nein. . . . Brandel, die Obstverkäuferin, macht ihr altes Pelzchen auf, nimmt langsam eine ausgekochte Bohne in den Mund und sagt mit Vergnügen: — Oh! 's brennt schon, 's brennt. . . . Durch schniutziggraue, fast matte Scheiben drangen die Sonnenstrahlen auch in das Stubchen des kranken Salmen. Das Bett stand gegenüber dem Fenster und als der Kranke aufwachte und auf den Fußboden zwei leuchtende Bänder bemerkte, da lehnte er die zitternde Hand an die Stirn und schaute. . . . Dann hob er sich auf dem Bett, setzte sich mit sichtlicher Anstrengung nieder und schaute mit einem hartnäckigen, umnebelten Blick bald durchs Fenster, bald die zwei Sonnenbänder am Fußboden, bald wieder auf den lebendigdurchleuchteten Luftstreifen, der über den beiden Bändern wirbelte. . . . Endlich seufzte er einigemal auf, reckte die Hände im Kreuz, tauchte die Finger in ein Glas Wasser, das sich auf einem Tischchen beim Bett befand, und indem er Mojdej-ani schweigend hersagte, — stand er auf. Seit acht Monaten lag Salmen zu Bette ohne Aufhören. Den Kopf in das Kissen hineingedrückt, vergaß er allmählich alles. Auf einzelne Momente wachte er nur auf, so wenn jemand von seinen einstigen Freunden zu ihm hereinschaute, oder wenn Lajka kam, seiner Schwester jüngste Tochter, die ihm Fssen brachte und die Stube fegte. Sonst schlief er — mit offenen Augen, bei Tag und Nacht. Nach einigen Wochen dieses Lebens kam über ihn eine völlige stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber allem. Mochte auch draußen das wütendste Schneegestöber rasen, so daß die Scheiben düster zu klirren anfingen, mochten vom Frost die Schindeln auf den Dächern bersten, — er lag ruhig, den Kopf in das Kissen eingegraben, zur Wand gewendet. Jetzt zog er sich mit hastiger Eile an, obgleich er auf den Füßen wankte und vor den Augen ihm alles zu wirbeln und .tanzen begann. Aus all seinen Bewegungen schimmerte ein starker, unbewußter Entschluß. — Wozu ist er aufgestanden? Hinter dem Schrank nahm er einen Stock hervor und ging hinaus. Auf den Stiegen verließen ihn schon die Kräfte, und er mußte sich am Geländer festhalten. Aber er überwand sich und ging weiter. Es war so gegen elf Uhr. Im Qäßchen wurde Salmen nicht bemerkt, und auch er schaute sich nach niemanden um. Er kam hinter die Stadt, ins Feld. Links, weit vom Weg, waren einige aneinandergeschmiegte Fabrikskamine zu sehen, sonst streifte das Auge nur leere, weitgedehnte Felder. Alle paar Augenblicke ausruhend, ist Salmen weit hinter die Stadt gekommen. Er machte kleine Schritte, aber der Qang war hastig, fieberhaft. Er atmete mit Mühe, schwer und tief. Endlich setzte er sich nieder. Längs des Weggrabens führte eine schiefe Anhöhe, hinter der sich Felder weit hinzogen. Dort setzte sich Sahnen nieder und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß ab, der ihm vom blassen, mageren Gesichte herunterrann. Ringsherum war es still. Oft ließ sich ein fröhliches Vogelgezwitscher vernehmen, oft kam von hoch oben die eigentümliche Melodie der einsamen Lerche. Über den weiten Auen, die teils gepflügt, teils mit winzigem Grün bedeckt waren. — schwebte ein leichter Frühlingshauch.