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Die Welt · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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erschöpft. Was unsere Abstimmung anbetrifft, haben wir fast immer mit den oppositionellen Parteien gestimmt. Getreu dem demokratischen Prinzipe, auf Grund dessen wir im Mai 1907 gewählt wurden, haben wir immer gegen die Staatsnotwendigkeiten, dagegen für alle Volksnotwendigkeiten gestimmt. In wichtigen jüdischen Angelegenheiten haben wir eine Reihe von Interpellationen eingebracht. Insbesondere über die Bedrückungen der Juden für ihre Überzeugung durch die politischen Behörden, über die unmöglichen Zustände in den jüdischen Kultusgemeinden, über die Mißhandlungen von jüdischen Soldaten, über die Anerkennung der jüdischen Nationalität und Einführung einer Nationalstatistik haben wir mehrmals die Regierung interpelliert. Die Abgeordneten aus dem „Jüdischen Klub" haben im Parlamente zwölfmal gesprochen und in ihren Reden haben sie das jüdische Programm offen dargestellt. Eine wichtige Materie bildeten die Interventionen bei den Zentral- und Landesbehörden, die leider für die nicht organisierte und bedrängte jüdische Masse von großer Wichtigkeit sind. Ausführlich bespricht Abg. Stand die Tätigkeit des Klubs in der Angelegenheit der Resolution Schmid und den Kampf in der Frage UrieT. Auch außerhalb des Parlaments haben wir gewirkt. Unter der Leitung der zionistischen Abgeordneten begab sich eine Deputation zum galizischen Landesmarschall, um eine gerechte Wahlreform für den galizischen Landtag zu verlangen. Wir begaben uns auch zur interparlamentarischen Friedenskonferenz nach Berlin, wo wir die Frage der rumänischen Juden aufrollten, und am jüdischen Gemeindetag nahmen wir tätigen Anteil. Zum zweiten Teile seiner Rede übergehend, bemerkt Abg. Stand, daß er sich gar nicht täuschen wolle: er wisse, daß der „Jüdische Klub" keine Anerkennung gefunden habe, dafür aber eine dauernde, rücksichtslose Kritik. Darüber will er aber jetzt nicht sprechen. Als Zionist müsse er sich aber mit der Frage befassen, ob sich die politische Tätigkeit in Österreich wirklich im schroffen Gegensatze zum Zionismus befinde. Redner glaubt, es gebe einen mechanischen und einen organischen Zionismus. Der mechanische Zionismus will die Massen möglichst baldjiach Palästina transferieren. Auf dem Standpunkte eines mechanischen Zionismus stand ich aber niemals. Für mich ist der Zionismus: die Regeneration der jüdischen Massen, jüdische Renaissance, Vorbereitung unseres guten Landes für ein gutes, geistig gehobenes, physisch regeneriertes, moralisch gebessertes, politisch organisiertes, kulturell geschultes jüdisches Volk. Offen sage ich's: Zionismus im engern Sinne ist die Arbeit des Jüdischen Klubs nicht. Unsere Tätigkeit erstrebt aber, die Judenschaft zu ihren großen zionistischen Zielen vorzubereiten und Z.U erziehen, — und das ist der organische Zionismus. Ebenso wie es notwendig ist, hebräische Schulen und Vereine zu gründen, welche jüdische Kultur verbreiten sollen, Fonds zu sammeln, welche uns ermöglichen, unserm Ziele näher zu kommen, ebenso ist es notwendig die Juden politisch zu organisieren und einmal den zerstörenden, demoralisierenden Einfluß der assimilatorischen Moschkos zu vernichten. Manche behaupten, daß wir den Zionismus vernachlässigt hätten- Ziffern sprechen aber dagegen. Jeder von uns propagiert den Zionismus, wo er kann, und ich selbst habe 42 rein zionistische Versammlungen seit der Zeit, da ich Abgeordneter bin, abgehalten. Unsere Stellung erlaubt uns die zionistische Idee von einer Welttribüne aus zu verkünden, und wir tun es auch bei jeder Gelegenheit. Wir haben dem Zionismus in offiziellen Kreisen Achtung verschafft und sogar in dem assimilierten Westösterreich werden wir als die einzigen Vertreter des jüdischen Volkes betrachtet. Nützt das nicht dem Zionismus? Im Parlamente demonstrieren wir gegen den äußern Druck der Behörden und innern Druck unserer Gegner aus den Reihen der Assimilation. Den jüdischen Massen haben wir sicher keinen Schaden gebracht; wo wir konnten, haben wir ihnen geholfen. Daß wir aber bessere, selbstlosere Abgeordneten waren, als die Juden aus dem Polenklub, die gar kein Verständnis für das Judentum haben, wird doch niemand bestreiten. Dem Zionismus haben wir mittelbar, aber auch unmittelbar zu seinem Wachstum in Galizien mitgeholfen, und so sind wir sicher, daß die kompetente Kritik der Zukunft uns Recht geben wird. Bevor ich schließe, will ich betonen: Zwischen unserer Politik «nd dem Zionismus finde ich keinen Gegensatz. Politik ist Mittel und Zionismus Zweck. Politik ist Vorarbeit und Zionismus Endziel. Sollte hier aber deklariert werden, daß ein Gegensatz zwischen Politik und Zionismus existiert, so werden wir selbstverständlich zum Zionismus zurückkehren und die letzten Konsequenzen daraus ziehen. Nach der Rede des Abgeordneten Stand, die mit großem Beifall und Händeklatschen aufgenommen wurde, schließt Dr. Tho n die Vormittagssitzung. Nachmittagssitzung Um 31, - Uhr nachmittags eröffnet der Vorsitzende Abgeordnete Stand die Sitzung und erteilt das Wort Dr. Michael Ringel zu seinem Referate über: „Die politische und wirtschaftliche Tätigkeit im Lande." Redner bemerkt zuerst, daß das Thema seines Referats nicht nur die Politik, sondern auch alle Aufgaben umfaßt, welche die zionistische Partei in Galizien als Vertreterin der jüdischen' Bevölkerung dieses Landes zu erfüllen hat. In „übertragenem Wirkungskreise" obliegen uns .Aufgaben, die wir unmöglich andern Parteien überlassen können. Über die sogenannte Gegenwartsarbeit herrscht in den Reihen unserer Partei ein mehr quantitativer als qualitativer Unterschied in der Auffassung. Fast alle Gegner der Landespolitik erkennen doch die Notwendigkeit einer kulturellen Tätigkeit im Lande an, verstehen auch die Wichtigkeit unseres Kampfes um die Eroberimg der Kultusgemeinden, und manche wollen auch, daß sich unsere Partei auf dem wirtschaftlichen Gebiete unseres jüdischen Lebens betätigen solle. Dies alles erfordert aber zugleich die Führung einer besondern jüdisch-nationalen Politik. Daß wir diese Politik einer andern Partei überlassen, wie es der Krakauer Parteitag im Jahre 1906 verlangte, ist schon aus dem Grunde unmöglich, weil wir eben in Galizien keine besondere jüdisch-nationale Partei haben, noch auch schaffen können. — Referent verweist auf die russischen Zionisten, welche, so lange sie es konnten, im Rahmen der zionistischen Organisation eine landespolitische Tätigkeit in Rußland entwickelten, und zitiert die Worte Nord aus auf dem V. Kongresse über die Notwendigkeit einer Gegenwartsarbeit, die die Zionisten als solche zu leisten haben. Es wird nur eine unnötige Kräftevergeudung sein, wenn wir Zionisten erst eine neue Organisation schaffen werden; ohne unser großes Ideal wird •aber jede jüdisch-nationale Partei in den Morast der galizischen Politik versinken. Die zionistische Partei Galiziens hat jetzt so viele Kräfte, daß sie nicht nur Landespolitik treiben kann, sondern auch muß. Wir müssen für den Überschuß unserer Kräfte irgendwelches Arbeitsgebiet finden. Daß aber die jetzige Lage des galizischen Judentums die Führung einer aufrichtigen, jüdischen Politik dringend erheischt, brauchen wir nicht erst breit zu beweisen. Die wirtschaftliche Lage unserer Masse ist jetzt so traurig, die Indolenz aber der assimilatorischen Vertreter so groß, daß wir unbedingt neue Leute brauchen, welche energisch, beseelt von heißer Liebe zu unserm Volk, die Vertretung seiner Interessen in ihre Hände nehmen sollen. Um die Kräfte nicht zu vergeuden und insbesondere, um nicht die Palästinaarbeit zu vernachlässigen, können wir doch innerhalb unserer zionistischen Partei eine Arbeitsteilung durchführen. Dazu brauchen wir keine neue Partei, die uns für ihre zukünftige Entwicklung in einer für uns vielleicht unerwünschten Weise keine Bürgschaft leisten kann. Um politisch etwas Großes leisten zu können, müssen wir in der nächsten Zeit den jüdischen Mittelstand in Galizien wirtschaftlich organisieren. Die bisherigen zionistischen Organisationsformen genügen nicht mehr; wir müssen Fachorganisationen der jüdischen Handwerker und Kaufleute schaffen und tief eindringen in das gesamte wirtschaftliche Leben des galizischen Judentums. Unsere Politik muß sich auf eine feste Grundlage unserer wirtschaftlichen Organisation stützen und in erster Reihe der Frage der ökonomischen Hebung unserer Massen ihr Augenmerk zuwenden. Theoretische Diskussionen werden hier sehr wenig nützen; es gilt, den realen Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung, die wirtschaftlich vor einem schrecklichen Ruin steht, Rechnung zu tragen und unsere schaffende Kraft zu bekunden. Wir dürfen, nie fehlen, wo es sich um praktische, positive Leistungen handelt. Lassen wir die theoretischen Kämpfe. Ich glaube kaum, daß es jetzt uns möglich ist, unsere politische Tätigkeit im Lande einzustellen und die jüdische Bevölkerung ihrem eignen Schicksal im politischen Leben Galiziens zu überlassen. Unsere politische Tätigkeit hat den Boden des galizischen Judentums so aufgewühlt wie niemals früher; streuen wir jetzt die Saat aus, daß die nationale Frucht gedeihlich wachsen könne. (Lebhafter Beifall.) Im Anschlüsse an sein Referat stellte Dr. Ringel folgende Resolution auf: Die achte Konferenz der galizischen Zionisten erachtet, daß die politische Tätigkeit im Lande und im Staate — als Mittel — in dem Tätigkeitsprogramm der zionistischen Organisation einbegriffen ist. Über die Berichte des Zentralkomitees und des „Jüdischen Klubs" sowie über das Referat Dr. Ringels fand dann eine lange Diskussion statt, die bis 10 Uhr abends dauerte. Del. Häusler (Kossöw) beklagt sich über die mangelnde Organisation der Vereine, die oftmals keine Weisungen erhalten, wie sie vorzugehen haben. Redner kann nicht begreifen, wie man

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