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Die Welt · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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382 DIE^ELT No. 18 liehen Regungen verwalten. — Das mohammedanische Volk aus diesen Geierklauen zu befreien und zu einem menschenwürdigen Dasein zu erheben, war von Anfang an das edle Bestreben der neuen Regierung und der Volksvertretung; aber eine Raffiniertheit ohnegleichen hat es verstanden, diese humanen Absichten zu entstellen. Im Bunde mit verschiedenen Zeloten hat eine reaktionäre Partei allerorten verkündet, man habe es auf die Religion abgesehen, während doch gerade diese in ihrer läuternden Kraft gefestigt werden sollte. Denn je tiefere Seligkeit sich ein Volk aus seiner Religion schöpft, um so glücklicher gestaltet sich das ganze Leben des einzelnen, um so freudiger erfüllt er seine Pflichten. Nur ist aber die Religion der Fanatiker eine Sklavenreligion; sie zur Religion freier Männer zu machen, war und ist das Bestreben jedes Verständigen und Edlen. Nach der so glücklich durchgeführten blutlosen Revolution waren die Finsterlinge einige Zeit lang verblüfft, aber sie erholten sich und entwickelten eine neue Propaganda, wobei es ihnen gelungen ist, gewisse Kreise mit dem Glauben zu erfüllen, der Staat ziele auf die mohammedanische Religion. Die Majorität dieser Leute wußte §ehr gut, daß man nur die verfaulten Teile des Klerus beseitigen wollte; aber sie stellte sich, als wüßte sie es nicht. Sie bestand teils aus solchen, die mit einflußreichen Vertretern des alten Regimes verbunden waren und dadurch mancherlei persönliche Vorteile erwarteten, teils aus solchen, die sich aus ererbtem und traditionellem Haß gegen jeden Fortschritt zu den Reaktionären geschlagen haben, endlich aus denen, die in ihrem Haß gegen die Jungtürken und gegen die ruhmreichen Begründer der neuen Verfassung sich nach derjenigen Macht umgesehen haben, die für diese Bestgehaßten die gefährlichste ist, und die fanden sie in dem noch übriggebliebenen Rest der Kamarilla. Gegen diese Majorität der Zeloten ist, im Unterschiede von jener erstem Klasse der Irregeleiteten, der moralische Vorwurf zu richten, daß sie durch Verbreitung der verleumderischen Lüge ihre eigene Religion wissentlich entweiht und ihre mohammedanischen Brüder zu entsittlichen und zu betören versucht haben. An sie wird sich der Fluch der Menschheit, insbesondere der des vom Joche der Zeloten erlösten Islams für alle Zeiten haften. Denn sie haben es verschuldet, daß die bis jetzt so beispiellos herrlich und ruhig verlaufene Revolution mit Blut befleckt worden ist. Nicht auf die Freiheit, sondern auf die Tyrannei wird dieses Blut fallen. Es ist ein Fatum der Weltgeschichte, daß sich die Mächte der Finsternis durch böse Taten erhalten wollen. Daß fast überall die reaktionären Versuche kläglich und schmählich mißlingen, hat gar nichts zu sagen. Die Menschheit hat daraus nichts gelernt. Die Leute wollen ja bekanntlich nicht gelehrt und bekehrt, sondern belogen und betrogen werden. Je plumper der Schwindel, desto mehr Gläubige. Je toller der Wahnwitz, desto allgemeiner die Zustimmung. Je gemeiner die Posse, desto lauter der Beifall. Die Posse der Autokratie wird immer und immer wieder in Szene gesetzt, um zu den furchtbaren Trauerspielen auszuschlagen, wie sie die Welt auch diesmal in Konstantinopel gesehen hat. Mit allen Mitteln und Kräften, mit ihrem Dünkel und Größenwahn, mit ihren skrupelfreien Intrigen und ihrer zügellosen Herrschsucht verteidigt die Autokratie ^überall ihre Interessen. Sie streckt die Riesenglieder, die Erzarme des militaristischen Molochs aus, um die Völker zu unterjochen, zu entwürdigen und zu verzehren. Aber wer sehende'Augen hat, muß bemerken, daß das Verhängnis seinen Lauf nimmt und die Kraft des Absolutismus gebrochen ist. Der Genius der Freiheit entfaltet seine Schwingen, um der auf der Erde lastenden Stickluft einer servilen Bureaukratie zu entfliehen! Der Moloch des Militarismus! Ja, in der sklavischen Abhängigkeit der Armee liegt die unermeßliche Macht der Autokratie. Aber das war es eben, was die Jungtürken vernichtet haben. Die Jungtürken haben die Theorie aufgestellt, „daß diejenige Partei regieren wird, der die Armee angehört". Weder die Geistlichkeit, noch das Beamtentum, nicht einmal die Dynastie vermag etwas gegen diesen entscheidenden Machtfaktor zu unternehmen. Treu dieser Theorie haben die Jungtürken ihre Propaganda und alle ihre Bemühungen auf die Armee kpnzentriert. Diese Theorie hatte sich in der Praxis während der ersten Monate nach der Einführung der Verfassung glänzend bewährt. Alsdann entwickelten sich in kleinen Teilen der Armee schnöde Abfalltendenzen, die, von der Reaktion und dem Fanatismus genährt, zu den beklagenswerten Unruhen geführt haben. Es war nur eine Zeitfrage: es handelte sich nur um die Herbeiführung größerer Armeemassen, die mit ihrer Wucht die Abtrünnigen erdrücken können. So waren dann die letzten Vorkommnisse, wie zu erwarten war, geeignet, den vollkommenen Respekt vor der Verfassungspartei, nicht vor der Reaktion einzuflößen. Und das ist bekannt: der Macht, welche er für die schwächere hält, wirft sich kein Orientale in die Arme. Ja, die Reaktion versuchte es auch, die Freiheit mit Geld zu bekämpfen. Aber auch hier mußte sie es erleben, daß die abgeschnellte WTaffe -auf den Schützen zurückprallte. Die Geschenke entflammen wohl die Phantasie und reizen die gemeine Habgier, aber sie vermögen nicht größere Volksmassen irrezuleiten. Auch die tückische Inszenierung von Armeniermassakers in Adana, um eine europäische Intervention herbeizuführen und die Revolution nach Plehweschem Rezept mit verändertem Objekt „im Blute der Armenier zu ertränken", hat nichts genützt. Die Wirren wurden im Keime erstickt. Die österreichisch-ungarische Regierung ließ sich auch nicht ins Garn einer angebotenen Besetzung Mazedoniens locken. Die Großmächte hielten sich neutral. Im Interesse des europäischen Gleichgewichts braucht man eine ruhige, sich selbständig reformierende und reorganisierende Türkei. Der gegenwärtige Konflikt hat gezeigt, daß sich Europa einer moralischen Unterstützung des neuen Regimes in der Türkei, sofern dieses Regime Ordnung schaffen will, ebensowenig entziehen kann, wie England und Rußland — sogar Rußland! — sich einer Unterstützung der Verfassungsbewegung in Persien entziehen konnten. Die Alttürkenpolitik ä tout prix kann als durchgefallen betrachtet werden. Daß dank der Unterwerfung der Konterrevolution ein Bürgerkrieg vermieden wird, ist für uns besonders vorteilhaft. Die Fortsetzung der Intrigen und der Wirren hätte unberechenbare Verwicklungen zur Folge gehabt. Wir aber brauchen Frieden, um unsere kulturelle Arbeit in einem Teile desOsmanen-' reiches, der unserm Herzen so nahe liegt, entwickeln zu können. Die friedliche Wendung liegt also im ganz besondern Interesse unserer kolonisatorischen Politik. Es ist zu wünschen, daß der nahezu gesicherte Friede

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