Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ELT ERSCHEINT IEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRG. KÖLN, 30. April 1909 imir6 D'Wtf "i2 No. 18. SIEG JUNGTÜRKEN! Es ist zurzeit unmöglich, über etwas anderes als über die türkischen Ereignisse, die die Aufmerksamkeit der ganzen zivilisierten Welt in Anspruch nehmen und die uns Zionisten so nahe angehen, Betrachtungen anzustellen. Es ist dies der eigentliche schwarze Punkt auf der Erdkarte. Wir stehen nun am Ende des Anfangs. Die herrschende jungtürkische Partei hat auf der ganzen Linie gesiegt. Die Jungtürken wollen einen vollkommen konstitutionellen Staat haben, und sie werden nach dem bisherigen Lauf der Dinge einen vollkommen nationalen Staat, wie wir hoffen, für die Dauer haben. Wir haben die mit so vieler Druckerschwärze in Szene gesetzten Drohungen und Ränke der Reaktion in der Türkei mit jener humoristischen Empfindung verfolgt, mit der wir im Schauspielhaus vom bequemen Sitz aus zusehen, wie die blinkenden Blechharnische mit hohlem Ton aufeinanderstoßen und die großen Theaterschwerter klirrend aufeinanderschlagen. Die besiegte Reaktion, so sagten wir uns, fühlt das Bedürfnis das, was ihr an wirklicher Kraft abgeht, durch große theatraliche Effekte zu ersetzen. Die Erfahrung hat unsere Ansicht, wenn auch unter schwierigen Umständen und leider nicht ohne Opfer, bestätigt. Denn wenn sich nach den ersten unvollständigen und um so aufregenderen Nachrichten über den Parteihader den Vertretern des gefallenen Regimes das Wort „Absolutismus" nicht auf die Lippen drängte, so haben doch diese Herren bis dahin während der akademischen Verhandlungen über die Zulässigkeit eines jungtürkischen Komitees neben der Regierung und andere schöne Dinge kaum im Ernst daran gedacht, wirklich imstande zu sein, nach berühmten russischen Schwarzhundert - Mustern die eingeführte, feierlich beschworene Verfassung rückgängig machen zu können. Die Lage der Dynastie war ernst, aber ein Verfassungsbruch würde sie noch ernster gestalten, würde einen radikalen Umsturz in den Bereich, der Möglichkeiten rücken, und deshalb war ein Versuch, die Verfassung abzuschaffen, zwar nicht unmöglich, aber ziemlich unwahrscheinlich. Die Aufrollung religiöser Fragen seitens der Reaktion hat die Lage der jungtürkischen Partei allerdings wesentlich erschwert. Religiöse Fragen können in jedem Staat, ja in jedem sozialen Gebilde viel Unheil anrichten. Sie sind ihrer ganzen Natur nach zu elastisch und zu gestaltungsfähig, als daß man sie in einer zu bestimmenden und unabänderlichen Form lösen könnte. Was dem einen recht ist, ist den andern noch bei weitem nicht billig. Hatte eine Ulema-Qesellschaft in den heiligen Büchern Texte entdeckt, die der Einführung einer Verfassung günstig sind, so sind andere vorhanden, die die Texte ganz anders auslegen, wobei natürlicherweise jede Softasgruppe die unerschütterlichste Unfehlbarkeit für sich in Anspruch nimmt. Die Glaubenseiferer, die ihre veralteten Vorurteile oder ihre Interessen in der Regel mit dem Namen Gottes bedecken, schienen tatsächlich an Einfluß gewonnen zu haben. Gewiß gab es in den Reihen der Gläubigen viele, die wirklich der Oberzeugung huldigten, daß eine Beschränkung der mohammedanischen Religion beabsichtigt sei. Ihnen ist ein moralischer Vorwurf nicht zu machen, aber sie befanden sich ineiner beklagenswerten Täuschung. Keine Maßregel der Regierung oder des Parlaments sollte die Gläubigen treffen, sondern eine jede galt der kulturellen Rückständigkeit und der Massenverdummung. Wenn der Staat die Überwachung des „Scheriats" selbst in die Hand nehmen wollte, so geschah das zum Besten des Islams. Befindet sich alles in den Händen bornierter, mumienhaft konservativer Traditionssklaven, so liegt die Quintessenz der ganzen Volkserziehung in der Erweckung und weitern Anfachung des klerikalen, sinnlosen Fanatismus, in der subtilen, ununterbrochenen Anleitung zur völligen Beherrschung des menschlichen Herzens durch Aberglauben. Niemand kann leugnen, daß sich innerhalb der mohammedanischen Kirche, wie innerhalb jeder andern, zahlreiche Priester finden, die ihres geweihten Amtes in Ehren walten, die keinen andern Zweck verfolgen, als die Herzen ihrer Gläubigen mit religiösen Mitteln zu reinigen und zu beseligen. Sie in ihrem frommen und wertvollen Beruf zu hindern, war gewiß weder der türkischen neuen Regierung noch irgend einem Vernünftigen jemals in den Sinn gekommen. Aber in keiner Kirche ist die Zahl der Priester oder der sich als Priester aufspielenden Laien gering, die ihr Amt, oder den Glauben, mit dem sie sich brüsten, zu selbstsüchtigen Zwecken, zur Befriedigung der Herrschsucht, zur Füllung ihres Beutels, zugunsten ihrer sinn-