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Die Welt · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Die Vorgänge Als Ihr Berichterstatter am Morgen des 13. April in die große Straße von Galasa hinterstieg, riß wie der Sturmwind eine plötzliche allgemeine panische Flucht ihn zurück. In der Ferne dröhnten Schüsse. Der Kai und die Neue Brücke waren von Truppen besetzt und unaufhörliche Züge bajonettgespickter Truppen marschirten gen Stambul. Bis zur Nacht lagerte fast die ganze Garnison der Hauptstadt auf dem Platze der Haja Sofia und erwartete die Erfüllung der Wünsche, die sie auf dem Wege der Meuterei der Staatsgewalt übermittelt hatten. Sie bestanden 1. in der Anwendung des Scheriats, des religionsgesetzlichen Komplexes des Islams, als Basis aller künftigen Staatsgesetzgebung und Exekutive, 2. in der Entfernung des Kabinetts Hilmi Pascha, 3. in der Verbannung der iungtürkischen Führer aus der Hauptstadt. Außer drei Bataillonen im Hofe des Seraskierats war keine militärische Macht den Empörern entgegenzusetzen, und so sahen sich nacheinander alle in Betracht kommenden Faktoren gezwungen, vor dem Willen der Soldateska, als deren Sprecher bald die Ulema, die Geistlichen, auftraten, zu kapitulieren. Erst das Ministerium, dann das Präsidium der Kammer, schließlich — wie nach langem Widerstand gezwungen — der Padischah. Der Justizminister, ein Deputierter und eine Anzahl mißliebiger Offiziere fielen, zum Teil unter grausamen Foltern, als blutige Opfer, aber Ahmed Risa, Dschawid Bej, Rahmi Bej und Hussein Dschahid Bei, also sämtliche jungtürkischen Häupter, die in erster Linie hätten fallen sollen, entkamen glücklich. Die folgende Nacht war eine schreckliche für die entsetzengeschüttelten Einwohner Konstantinopels. Furchtbares Gewehrfeuer erdröhnte; man glaubte, ein blutiges Gemetzelzwischen treuen und revoltierten Truppen im Gange; es war aber nichts als das Geknatter der Freudenschüsse der triumphierend heimkehrenden Soldateska. Noch den ganzen nächsten Tag war die Stadt Schauplatz einer äußerlich vollkommenen Anarchie, die aber unverkennbar eine unsichtbare, aber doch wirksam disziplinierende Autorität hinter sich hatte. Seitdem sind zwei weitere Tage verstrichen. Die Stadt hat ihr altes Aussehen und Handel und Wandel gehen fort unter wunderbar strahlendem Himmel. Aber der heimliche Schrecken wacht, bereit, jeden Augenblick neu loszubrechen. Das Komitee hat sich inzwischen in Saloniki gesammelt und den Alarmruf in das ganze Reich geschleudert. Den Zeitungen zufolge sind die Provinztruppen der Konstitution getreu und bereit, auf Konstantinopel zu marschieren, die Saloniker Korps schon unterwegs. Aus den armenischen Gebieten werden Gernetzel gemeldet. Die Ursachen Die Ursachen der Umwälzung liegen im Komitee „Union et Progres" selber und außerhalb seiner. Es hatte die ungeheure Aufgabe übernommen, ein Reich, das von den Traditionen der Unkultur und Wildheit regiert war, in die Formen europäischer Zucht und Kultur Hinüberzuführen. Der furchtbare Druck der Tyrannei hatte die Sehnsucht nach einem neuen freiem Regime in allen arbeitenden Schichten des Volkes erweckt nnd seine endliche Ablösung den gewaltigen Jubel all der Millionen hervorgerufen. Aber^., viele Monate vergingen, und die greifbaren ökonomischen Vorteile der" neuen Zustände wurden dem Volke nicht sichtbar. Das einfache Volk war der Erwägung, daß eine so gewaltige Evolution ihre gemessene Zeit brauchte, nicht zugänglich; es wurde ungeduldig. In dieser Zeit des schweren Übergangs, der noch durch die äußern Reichskonflikte verlängert wurde, hätte das Komitee es verstehen sollen, durch nähere Berührung mit den Massen das nötige Verständnis herzustellen, sie zum mindesten sich persönlich in Liebe und Verirauen zu attachieren. Das aber geschah nicht. Das Komitee hielt den Sieg für vollkommen gewonnen, das Volk für endgültig beglückt; da es nur die Mitwirkung des Militärs benutzt hatte und nicht die der Massen, so glaubte es auch weiter ihrer entbehren zu können, kümmerte sich nicht um sie, und regierte nach seiner eigenen etwas theoretischen Einsicht und europäisch modernen Prinzipien wie über eine unverständige Herde. Die Kluft zwischen ihrer Zivilisation und der Unkultur der Massen blieb unüberbrückt und gähnte immer weiter auseinander. Am fühlbarsten ward das im Militär, wo das junge Offizierkorps das Komitee und Europa, die Massen der Gemeinen das rohe, asiatische Volk vorstellte. Und da hier alltägliche, gezwungene Berührung stattfand, ward der Boden für Konflikte vorbereitet. Nachdrücklicher machte sich der Gegensatz zwischen dem Komitee und der Geistlichkeit fühlbar, wenn auch kaum je ein äußeres Konfliktszeichen ihn verriet. Die Ulemas sind die Träger der rohen Volksanschauung, ihre Kultivierer und Heiliger. Sie empfanden die stark europäische Art der Komiteeglieder und der Offiziersjugend als Sünde und Angriff gegen die alteinfältige islamische Idee. Die Hinneigung der neuen herrschenden Kaste zu einigen Unsitten Europas, wie Trunk und Spiel, half sie diskreditieren; am stärksten aber wirkte feindselig die enge Zugehörigkeit einzelner Komiteeführer zur Freimaurerei, wodurch die Ulemas »den Glauben der Väter au?. stärkste bedroht glaubten. Als äußerer Anlaß kamen hinzu die projektierte Einziehung der jungen Priester zum Militärdienst und vor <\3m die Eröffnung der Armee für die nichtmohammedanischen Ele :x nte. Während diese Unausgebliebenheiten heim Mi bestanden und stärker wurden, entfesselte der Partei kamp: die Instinkte des offenen Hasses. Hier beging das Komitee de Fehler einer allzu schroffen, unnachgiebigen Haltung. Bei einigem persönlichen Entgegenkommen hätte sich manches Bedauerliche abwenden lassen. Zwischen Komitee und „Ahrar" bestand ja programmatisch kaum eine Verschiedenheit; Zentralisation und Dezentralisation waren mehr Schlagworte, ungeklärt und ungeprüft, als gesunde, gegeneinander abgegrenzte Begriffe. Der Streit währte so lange, bis die moralische Autorität von „Union et Progres" durch die Zeitungshetze untergraben war und schließlich durch die Mordaffäre Hassan Fehini, die die Ahrar mit Emphase dem Komitee zur Last legte, den Todesstoß erhielt. Diese Situation der äußersten Spannung benutzten die Chodschas, die Priester, um, die Fremdheit zwischen Gemeinen und Offizier benutzend, den Glauben in Gefahr erklärend, und mit den politischen, ja genug bekannt gemachten Forderungen der Ahrar bewaffnet, die Manschaften zur Meuterei und dem staatsumwälzenden Aufstande fortzureißen, der nun die Welt wie ein vulkanischer Ausbruch erschütterte. Aber es erscheint noch immer sehr fraglich, ob sie ihren Zweck erreicht hätten, wenn nicht noch andere Kräfte der Finsternis am Werke gewesen wären, die Reaktionäre und ihr — Geld. Am Tage der Revolution hatten die sonst verhungerten Soldaten 5—10 Medschidies, etwa ein türkisches Pfund, jeder in der Tasche; und es ist kein Geheimnis, daß nur eine Woche zuvor 50000 Pfund auf Rechnung des Palais von der Kaiserlichen Ottomanbank abgehoben wurden. Auch die Priesterschulen sollen 10000 Pfund vom Jildis herab erhalten haben; natürlich wurde diese Meldung der Blätter, wie jede ähnliche, schnell dementiert---- So vereinten sich die Borniertheit der Unkultur, reliöser Fanatismus, politische Demagogie und reaktionäre Bestechung, um die ruhmreiche Erscheinung der neutürkischen Geschichte, „Union et Progres" in den Staub zu werten, jenes Komitee, das weniger über die bezeichneten kleinen Fehler fiel, als über den einen großen: daß es hatte eine absolut friedliche, unblutige Revolution machen wollen und alle die furchtbaren Kräfte unvernichtet gelassen hatte, die es selber am Ende vernichten oder doch nahe an die Vernichtung bringen sollten. Aussichten Es wäre verfehlt, schon an allem zu verzweifeln. Glücklicherweise erscheint mit jeder Stunde klarer der Aufstand als ein lokaler, auf die Hauptstadt ziemlich ausschließlich beschränkter. Aus dem ganzen Reiche, besonders aus Mazedonien, laufen'Nachrichten ein über die Bereitschaft der Armeen, auf Konstantinopel zu marschieren, um die Verfassung zu schützen. Priscend, Jenidschei Wardas, Prischtina, Geilan, Bushaniee, Smyrna, Janina, Wan, Eraschisch, Kastomurin, Atigora, Brussa, Kossowo, Beirut, Nablus, Tripolis, Bartin, Duraggo, Mitrowitza, Siwas, Ersindschian, Üsküb u. a. verlangen den Sturz des durch die Gewalt eingesetzten Ministeriums. Was aber das wichtigste ist: die Truppen von Salonik, Monastier und Adrianopel sind auf dem Marsche und stehen zumteil bereits 50 km von der Hauptstadt. Mag nun ein Bürgerkrieg folgen, der das Komitee wieder in seine Machtstellung einsetzt oder nicht, — jedenfalls wird die kolossale Gegenbewegung, die sich zugunsten der Verfassung und des Komitees entfesselt, den zur Reaktion geneigten Stellen zu denken geben und sie zur Vorsicht veranlassen. Sie werden doch einsehen, daß es zu gefährlich ist, dem Volke wieder seine Rechte nehmen zu wollen. Eine Rede Massliachs In der Sitzung der Deputiertenkammer vom 18. April hielt der jüdische Abgeordnete Man Ii ach folgende bemerkenswerte Rede: „Die Regierung hat das Volk getäuscht, indem sie den Kammerpräsidenten absetzte und eine Proklamation erließ, worin es hieß, man habe nichts zu fürchten. Die Presse hat gegen ihre Pflicht gehandelt, dadurch, daß sie den Ton änderte und furchtsam auftrat. Man ging noch weiter. Die Druckerei des „Schurai-Urnet" und des „Tanin" sind geplündert worden,

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